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84 Spieler schicken die fast fünf Kilogramm schwere Bossel ein ums andere Mal auf die Reise

„Arbeiten mit Präzision“ beim Holzweitwurf

Bückeburg (jp). Bosseln, das ist doch das mit diesen Holzkegeln, oder? Im Prinzip ja, aber bereits hier muss man auf die geschriebenen und ausgesprochenen Feinheiten achten. „Boßeln“, mit „ß“ geschrieben und mit langem „o“ ausgesprochen, leitet sich vom ostfriesischen Klootschießen ab, das in seinen norddeutschen Ursprüngen mit Bleiklumpen als Wurfgeschossen, heute mit Hartholz- oder Kunststoffkugeln im Freien gespielt wird. Mit Doppel-„s“ geschrieben und mit kurzem „o“ ausgesprochen ist das „Bosseln“ hingegen ein Abkömmling des vermutlich aus Skandinavien stammenden Eisstockschießens und hat vor allem im Behinderten- und Reha-Sport eine enorme Verbreitung gefunden. „Bosseln“ ist ein Begriff aus dem Altdeutschen, der sowohl „Werfen“, „Stoßen“, „Schießen“, „Kegeln“ als auch „Arbeiten mit Präzision“ bedeutet.

veröffentlicht am 27.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 13:21 Uhr

Zu einem offenen Bossel-Turnier hatte jetzt die Behinderten-Sportgemeinschaft Bückeburg geladen, und 21 Mannschaften waren der Einladung in die Kreissporthalle gefolgt. Bosseln ist seit Jahrzehnten in Niedersachsens zweitgrößter Behinderten-Sportgemeinschaft etabliert. Warum es zu diesem seit Jahrzehnten andauernden Bossel-Boom kam, und das bei weitem nicht nur in Bückeburg, das kann sich Friedrich Aldag, Vorsitzender der BSG Bückeburg von 1977 bis 2009 und seitdem Ehrenvorsitzender, auch nicht so ganz schlüssig erklären: „Das fing nach dem Krieg mit einem Verein in Hannover an, der Eisstockschießen anbot“, erinnert sich Aldag. „Und es stellte sich halt nach und nach heraus, dass sich dieser Sport sehr gut im Behinderten- und Reha-Bereich einsetzen lässt.“

Den Verein in Hannover gibt es schon lange nicht mehr, das Bosseln hat sich jedoch spätestens seit 1956 fest im Behinderten- und Rehasport ganz Deutschlands etabliert. Ob nun der Hannoversche Verein die Keimzelle dafür war – Friedrich Aldag kann es nach so langer Zeit nicht mehr sagen. Der Erfolg der Sportart liegt aber sicherlich insbesondere darin, dass man für eine Mannschaft nur vier Personen braucht und im Spiel auch nicht eine so hohe Ausdauer und Kondition benötigt wie beispielsweise beim ebenso im Behindertensport zu findenden Sitzball.

Bosseln ähnelt in seinen Regeln dem klassischen Boccia, was mittlerweile unter dem Begriff Boule zu ganz neuen Ehren gekommen ist. Das hölzerne Wurfgerät, die Bossel, ist ein abgeflachter, halbkugeliger Körper mit geschwungenem Handgriff von 20 Zentimetern Länge und hat laut Reglement 4660 Gramm zu wiegen. Sie ist von jeder Mannschaft möglichst nahe an die sogenannte Daube zu werfen, ein roter Holzwürfel von jeweils 10 Zentimetern Seitenlänge. Dabei kommt es besonders auf den ersten Wurf an: Wenn die erste Bossel richtig platziert ist, wird es für den Gegner schwierig, an die Daube ranzukommen. Dabei ist es erlaubt, auch gegnerische Bosseln aus dem Feld zu schießen. Alle Bosseln im Zielfeld erhalten Wurfpunkte. Der am nächsten an der Daube platzierte Bossel erhält zwei Punkte, alle anderen je einen. Gewonnen hat die Mannschaft, die nach sechs Durchgängen die meisten Punkte erzielt hat.

Bei den regelmäßigen offenen Bossel-Turnieren der BSG Bückeburg sind stets Mannschaften aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens dabei, angefangen von den Sportvereinen wie der BSG selbst oder dem VfL über Behörden und Firmen wie Neschen, Sparkasse oder den Stadtwerken bis hin zu den örtlichen Parteien. Über das Turnier verteilt spielten die 21 Mannschaften aufgeteilt auf zwei Gruppen und darin jeder gegen jeden. Dabei besteht ein Spiel aus sechs Durchgängen – ein Nachmittag füllendes Programm.

Den Sieg trugen diesmal die Damen des VfL Bückeburg davon im Finale gegen die erste Mannschaft des Kegelclubs Blau Weiß Rot davon. Das Spiel um Platz drei konnten die VfL-Herren gegen das Technische Hilfswerk für sich entscheiden.




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