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Gesa Neumann (33), Krankenschwester aus Bückeburg, war drei Wochen in einem internationalen OP-Team im Einsatz

Auf dem Hospitalschiff um die Welt

Bückeburg. Das glückliche Strahlen einer frisch behandelten Patientin, die unkomplizierte Zusammenarbeit in einem internationalen Team: Es sind diese Bilder, an die sich Gesa Neumann besonders gerne erinnert. „Ich habe mehr zurückbekommen, als ich geben konnte“, sagt die OP-Schwester, die Ende letzten Jahres für die Hilfsorganisation „Mercy Ships“ im Einsatz war. Die Zeit vor Madagaskar habe ihr Leben bereichert, sagt sie.

veröffentlicht am 17.01.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 21:22 Uhr

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Wer die „Africa Mercy“ das erste Mal sieht, muss erst einmal schlucken. 16 572 Bruttoregistertonnen ist das weltweit größte private Hospitalschiff schwer, 152 Meter lang und 24 Meter breit. „Das ist wie eine schwimmende Stadt“, erzählt Gesa Neumann, die drei Wochen an Bord der früheren Fähre verbracht hat. Es gibt Pools und Freizeiteinrichtungen für die Mitarbeiter, und der medizinische Bereich ist mit fünf Operationssälen, 82 Betten, einer Intensivstation, einem medizinischen Labor und sogar Röntgengeräten ausgestattet.

Ziel der 1978 gegründeten Hilfsorganisation Mercy Ships ist es, den ärmsten Menschen auf der ganzen Welt fachmedizinische Hilfe zukommen zu lassen. So nehmen die Ärzte von Mercy Ships beispielsweise Eingriffe vor, die vor Ort nicht möglich sind, oder es werden Patienten behandelt, die die Kosten für eine Operation nicht aufbringen können. Das Spektrum reicht dabei von der operativen Behandlung des Grauen Stars bis hin zur Entfernung von Tumoren, der Korrektur von Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalten sowie gynäkologischen, orthopädischen und sogar plastisch-rekonstruktiven Operationen.

Die Arbeit wird aus Spenden finanziert und überwiegend von ehrenamtlichen Mitarbeitern ausgeführt – und das sehr erfolgreich, wie ein Blick in die Statistik zeigt. Bis Anfang 2004 hat Mercy Ships mehr als 67 000 lebensverändernde Operationen vorgenommen, 572 000 Patienten in Dorfkliniken und 119 000 Zahnpatienten in teilweise ambulanten Zahnkliniken behandelt. Hinzu kommen Schulungen von einheimischem Hilfspersonal, etwa im Bereich Prävention und Aufklärung, Fortbildungen von Fachkräften in ihrem jeweiligen Fachgebiet und Entwicklungshilfeprojekte mit Schwerpunkten beispielsweise auf Wasser und Hygiene, Bildung, Entwicklung der Infrastruktur oder Landwirtschaft – ein wirklich beeindruckendes Portfolio.

Wieder zu Hause: Gesa Neumann erinnert sich gerne an ihre Zeit auf der „Africa Mercy“. mig

Woher kennt Gesa Neumann die Organisation? „Ich habe von ihr durch Christine Heckler, einer befreundeten OP-Schwester, erfahren“, erzählt die 33-Jährige. Diese habe ihr viel von ihren fünf Reisen erzählt. „Und da es schon immer ein Herzenswunsch von mir war, nicht nur zu spenden, sondern aktiv zu helfen“, habe sie sich schließlich vor zwei Jahren für einen Einsatz bei Mercy Ships beworben.

Es sei der Austausch mit Christine Heckler gewesen, der ihr bei ihrer Entscheidung sehr geholfen habe. Heckler war schon fünf Mal auf der Africa Mercy und hat unter anderem die Länder Gambia, Sierra Leone, Liberia und Togo bereist. „Es waren tolle Erfahrungen“, sagt Heckler heute. Und: „Ich habe viel für mich mitgenommen. Das ist ein ganz großer Schatz, an dem ich gewachsen bin.“

„Das Lächeln

kann ich bis heute nicht vergessen“

Was hat sie besonders beeindruckt auf ihren Reisen? Heckler überlegt einen Augenblick und erzählt dann vom Besuch eines Sterbeheims. „Da war eine alte Frau, die Aids hatte und nur reglos dalag, wie man uns sagte. Als ich sie angesehen habe, hat mich diese Frau angestrahlt – das war ein Lächeln, das ich bis heute nicht vergessen kann.“

Solche Erfahrungen hat auch Gesa Neumann gemacht. „Im Rahmen der Nachsorge habe ich einige der Patienten besucht, bei denen ich assistiert habe, und es lag ein richtiges Strahlen auf ihren Gesichtern“, sagt die Krankenschwester. Besonders berührt habe sie die Veränderung in den Augen einer Frau mit Gesichtstumor. „Die wurde wegen des Tumors von der Bevölkerung ausgegrenzt. Später, als der Tumor entfernt war, konnte man sehen, wie Hoffnung in ihre Augen zurückgekommen ist.“

Es ist dieses Mehr an Zeit für Gespräche und Gesten, das sich Gesa Neumann auch für den deutschen Krankenhausalltag wünschen würde. „Es gibt zu wenig Zeit für den einzelnen Patienten, ein Gespräch in Ruhe ist da kaum möglich.“ Für sie war das vor Jahren Grund genug, von der Station in den OP zu wechseln: „Ich wollte das so einfach nicht mehr“, sagt die junge Frau heute.

Zu wenig Zeit für den Patienten – das Problem kennt auch Christine Heckler. Viele Schwestern gingen abends unzufrieden nach Hause. „Wir sollten uns fragen, welchen Stellenwert wir unserem Gesundheitssystem einräumen.“ Für eine Gesundung, so hat Heckler beobachtet, sei mehr als nur die reine medizinische Behandlung notwendig. „Da braucht es menschliche Zuwendung, eine zärtliche Geste, einen Händedruck.“

Wann Gesa Neumann wieder Zeit für einen Einsatz findet, steht noch nicht fest. „Ich würde aber gerne wieder mitmachen“, sagt sie. Die Arbeit im internationalen Team habe ihr viel Freude bereitet. „Als ich da war, waren 400 Mann Besatzung an Bord, und es war ein sehr herzliches Miteinander, auch im OP.“

Madagaskar hat die Bückeburgerin auch besuchen können. „Dort habe ich mich sehr sicher gefühlt, die Leute sind sehr freundlich und sehr offen. Es war schön, den Menschen zu helfen, die teils viele Tage lange Märsche und Fahrten auf sich genommen haben, um zur Africa Mercy zu gelangen.“




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