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Über glanzvolle Hofbälle und herrschaftliche Repräsentation in fürstlicher schaumburg-lippischer Zeit

Auf Zivil ist auch im Ballsaale wenig Verlass…

Im Bückeburger Schloss geht am ersten Oktoberwochenende ein „Hofball“ über die Bühne. Veranstalter ist die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die mit dieser Art von Event an eine alte herrschaftliche Tradition anknüpfen und die von den Bankern gesponserten Niedersächsischen Musiktage aufpeppen will. Wer eine der 120 Euro teuren Eintrittskarten vorzeigen kann, darf im wohl schönsten Festsaal weit und breit das Tanzbein schwingen und ein als „exquisit“ angekündigtes Mahl zu sich nehmen.

veröffentlicht am 25.09.2010 um 00:00 Uhr

So oder so ähnlich wie auf den Bildern des berühmten Malers Adol

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ein solch bürgerlich organisiertes Vergnügen wäre zur Zeit der „echten“ Hofbälle undenkbar gewesen. Bis zur Thronentsagung nach dem Ersten Weltkrieg durfte an den Festivitäten der Schlossbewohner nur ein sorgfältig ausgesuchter Kreis von „Nichthochwohlgeborenen“ teilnehmen. Auf Seite eins der vom Hofmarschall vorbereiteten Gästeliste standen vor allem Angehörige der befreundeten und/oder benachbarten königlichen, herzoglichen und fürstlichen Herrscherhäuser. Für die Unterhaltung der Damen auf dem Parkett und in den Salons war eine stattliche Schar geladener Offiziere zuständig. Annäherungsversuche an die noch nicht unter die Haube gebrachten Prinzessinnen und adligen Hofdamen waren erwünscht.

Nur ein relativ kleiner Teil der bis zu 400 Einladungen ging an die schaumburg-lippischen Untertanen. Zum Kreis der Auserwählten gehörten neben etlichen Künstlern in erster Linie Geistliche, Professoren, Verbandsvorsitzende und andere wohlgelittene Honoratioren. Das größte bürgerliche Kontingent stellten Repräsentanten aus Politik und Verwaltung. Keine Chance hatten rote Aufrührer und Sozialdemokraten. Regelmäßiger Hofball-Gast war auch Wilhelm Meyer, langjähriger Schriftleiter der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung. Meyer gab seine Eindrücke und Erlebnisse tags darauf an die Leser weiter. Besonders viel zu berichten gab es in der Ära des Fürsten Georg (1893 bis 1911). Der steinreiche, auf Repräsentation bedachte Schlossherr ließ - zusammen mit Gattin Maria Anna – pro Saison mindestens zwei große Tanzveranstaltungen steigen. Weitere Bälle gingen im „Neuen Palais“, dem komfortablen Witwensitz der Fürstenmutter Hermine über die Bühne.

„Von 7.00 Uhr gestern Abend an begannen sich die im hellen Glanze elektrischen Lichtes erstrahlenden Festräume, welche die lang gestreckte Vorderfront des ersten Stockwerkes im Schlosse einnehmen, zu füllen“, leitete Redakteur Meyer seine Schilderungen vom Hofball am 13. Februar 1900 ein. Gegen 8 Uhr seien die „Höchsten Herrschaften“ erschienen und hätten die „Vorstellung“ der in mehreren verschiedenen Räumlichkeiten wartenden Gäste entgegengenommen.

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Seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen in der Landes-Zeitung regelmäßig Modeseiten und -beilagen, sodass die Damen der Residenz stets über Modetrends informiert waren.

Anschließend bewegte man sich in den reich und aufwendig dekorierten großen Festsaal. „Die Tanzkarten der tanzlustigen Damen füllten sich bald schnell, bald langsamer mit den Namen tanzlustiger Herren“, so Meyers Darstellung vom weiteren Geschehen. Unter den Bewerbern seien „naturgemäß die jüngeren Herren Leutnants das vorherrschende Element“ gewesen. „Außer unserem Jägerbataillon, dessen Offizierkorps selbstverständlich voll und ganz aus geübten Tänzern besteht, waren die Garnison Minden, das Offizierkorps des Braunschweiger Husaren-Regiments und das Militär-Institut in Hannover stark vertreten“.

Den Auftakt zum offiziellen „Thé dansant“ (Ballgeschehen) bildete der Einzug der Schlossherrschaften. „Seine Hochfürstl. Durchlaucht der Fürst (Georg), in Jägeruniform, führte seine erlauchte Frau Mutter (Hermine) in den Saal“. Die 65-jährige Witwe war in schwarzen, edel-eleganten Seidendamast gewandet und hatte „reichen Brillantschmuck, namentlich mehrere herrliche Diamanten-Arrangements in Blumenform, unter anderem Lilien auf der Taille“, angelegt. Im Schlepptau des hohen Paares folgte „Seine Hochfürstl. Durchlaucht Prinz Wilhelm (ein Bruder Georgs), der die amtierende Fürstin und die Königl. Hoheit Herzogin Max von Württemberg in den Ballsaal geleitete“ (Herzogin Max war eine Schwester des Fürsten, hieß von Haus aus Hermine und war bis zum Ableben des Gemahls mit dem württembergischen Landesherrn Maximilian verheiratet gewesen). Die beiden Damen hatten – als Kontrast zur Fürstenmutter – weißen Atlas gewählt. Maria Annas Robe war „mit reicher Goldstickerei und der Saum des glatt herabfallenden Rocks mit Tüllstreifen besetzt“. Als Schmuck hatte sie „ein vielreihiges Perlenhalsband und reiche Arrangements von Diamanten und Rubinen im Haar und dazu drei verschiedene Ordensdekorationen angelegt“. Ihre verwitwete Schwägerin aus Friedrichshafen war „mit schwarzen Spitzen garniert“ und mit lila Blumen an der Taille und mehreren Brillianten- und Perlen-Arrangements überreich geschmückt“.

Sobald „die höchsten Herrschaften die für hochdieselben bestimmten Plätze eingenommen“ hatten, stimmte die Hofkapelle den Eröffnungswalzer an. Die Auftaktrunde drehte traditionell ein besonders elegantes Vortänzerpaar – vor 110 Jahren waren das der schneidige Oberleutnant von Poten und die liebreizende Hofdame Gräfin von Platen. Danach wechselten „in rascher Folge und unter lebhafter Beteiligung Walzer, Polka, Quadrille, Lancier etc. ab“ (der Lancier war eine damals beliebte Sonderform der Quadrille).

Um Punkt 11 Uhr wurde das Buffet eröffnet. Über der langen Reihe von Köstlichkeiten hatten die Hofköche als besonderen Zierrat kunstvoll zubereitete Wildschweinsköpfe drapiert. Die Schüsseln waren mit Jagdzubehör und Rosenarrangements geschmückt. Die „Höchsten Herrschaften“ nahmen die Stärkung im Goldenen Saal zu sich. Danach ging es mit dem Cotillion (letzter Durchgang) weiter. Um 1 Uhr war endgültig Schluss.

Als einer der fleißigsten und ausdauerndsten Tänzer auf dem Parkett habe sich Prinz Wilhelm (ein damals 66-jähriger Onkel des Fürsten Georg) betätigt, erfuhren am nächsten Tag die Landes-Zeitung-Leser: „Der hohe Herr, dem die farbenreiche Uniform des K. und K.-Feldmarschall-Lieutenants heute noch zackig kleidet, beteiligte sich während des ganzen Abends in eifriger Weise.“

Weit weniger motiviert hätten sich die bürgerlichen Gäste gezeigt. Unter den Dutzenden von verschiedenartigen Uniformen, deren Träger sich um einen Platz auf den Tanzkarten der jungen Damen bemühten, seien nur vereinzelt schwarze Fräcke und noch seltener die gestickten Beamtengalagewänder aufgetaucht.

„Auf das Zivil ist im Saale ebenso wenig Verlass wie auf die australischen Freiwilligen auf südafrikanischen Schlachtplätzen“, kommentierte Meyer die mangelnde Einsatzbereitschaft: „Sie sehen lieber zu, als dass sie mitmachen.“

Während der Ära des Fürsten Georg und seiner Frau Maria („Marie“) Anna wurden die Hofbälle im Bückeburger Schloss zu überregional bekannten gesellschaftlichen Höhepunkten.




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