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Er hat deutliche Spuren in Hameln hinterlassen – Stadtbaurat Albert Schäfer

Baurat mit architektonischer Spezialbegabung

Da der Stadtbaumeister Bock seine Stellung als Leiter des Hochbauamtes der Stadt Hameln zum 1. September 1922 gekündigt hatte, um als Stadtbaudirektor nach Zwickau zu gehen, schrieb die Stadt diese Stelle im März 1922 aus. Neben 65 anderen Interessenten bewarb sich auch der Diplom-Architekt Albert Schäfer, der bei der Generaldirektion der Eisenbahn in Stuttgart tätig war.

veröffentlicht am 18.12.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 21.12.2009 um 12:58 Uhr

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Da der Stadtbaumeister Bock seine Stellung als Leiter des Hochbauamtes der Stadt Hameln zum 1. September 1922 gekündigt hatte, um als Stadtbaudirektor nach Zwickau zu gehen, schrieb die Stadt diese Stelle im März 1922 aus. Neben 65 anderen Interessenten bewarb sich auch der Diplom-Architekt Albert Schäfer, der bei der Generaldirektion der Eisenbahn in Stuttgart tätig war. Geboren als Sohn eines Katastergeometers am 28.8.1886 in Geislingen/Steige in Württemberg, begann er nach dem Abitur 1904 sein Studium der Architektur an der TH Stuttgart, das er 1908 nach 7 Semestern mit dem Diplom abschloss. Nach einjährigem Militärdienst war er von 1909-1911 im renommierten Architekturbüro Dr. Riemerschmid in München tätig, anschließend setzte er seine weitere Ausbildung beim Staatlichen Hochbauamt Gnesen fort. In einem Architekturbüro in Neumünster beschäftigte er sich mit großen kommunalen Bauaufgaben. Im Frühjahr 1914 legte Schäfer die Große Staatsprüfung ab. Aus seiner Stellung beim Hochbauamt Görlitz wurde er bei Kriegsbeginn 1914 als Marineoffizier einberufen. Im Frühjahr 1919 trat er als 2. Beamter in die Bauleitung für den Neubau des Hauptbahnhofs Stuttgart ein. Schäfer wurde am 3. August 1922 vom Wahlkollegium einstimmig zum neuen Stadtbaumeister Hamelns gewählt. Die Familie bezog das Haus Münsterkirchhof 7.

In den ersten Jahren musste sich Schäfer als Städteplaner intensiv der Aufstellung von Bebauungsplänen für Industrie-, Gewerbe-, Wohnbauflächen und Flächen für den kommunalen Bedarf widmen, denen als Grundlage für die künftige Entwicklung der Stadt die Erarbeitung des Generalbebauungsplanes folgte, der Anfang 1927 verabschiedet wurde. Als Ende 1925 der Magistrat beschlossen hatte, die Garnisonkirche im Innern zu einem Festsaal und einer Ausstellungshalle umzubauen, war Schäfer als Architekt gefragt. Er integrierte architektonisch sehr geschickt das rechtwinklig eng danebenstehende Heiliggeist-Hospitalgebäude in den Baukörper der Garnisonkirche und ließ in das 10 m hohe Kirchenschiff eine Zwischendecke einziehen. Im Erdgeschoss entstand so eine Ausstellungshalle, und ein Treppenhaus führte zum Festsaal im Obergeschoss mit 472 Sitzplätzen und einer Bühne. Am 15. März 1927 fand die Einweihung statt. Im gleichen Jahr modernisierte Schäfer auch vorbildlich nach neuesten hygienischen Erkenntnissen den 1896 von Sommer erstellten Schlachthof. Anfang 1927 beschloss der Magistrat, den Stadtbaumeistern Schäfer und Bernhardt (Tiefbauamt) die Amtsbezeichnung „Stadtbaurat“ beizulegen. Um den Raummangel der Stadtsparkasse, die seit 1866 ihre Geschäftsräume im Hochzeitshaus hatte, zu beenden, beschlossen die städtischen Gremien, die Garnisonkirche und das Heiliggeist-Hospital für die Sparkasse umbauen zu lassen. Stadtbaurat Schäfer löste auch diesen 2. Umbau architektonisch vorbildlich. Das Hospitalgebäude wurde teilweise in den Bereich der Sparkasse einbezogen, der andere Teil durch einen Anbau erweitert, der das Gewerbehaus „Grüner Reiter“ aufnahm und zum Kastanienwall vorsprang. Die Stadtsparkasse konnte ihr neues Domizil mit Kassenhalle im Erdgeschoss im November 1929 beziehen. Den 3. Umbau 1954 plante er nach seiner Pensionierung. Fast gleichzeitig wurde auch der Anbau an die Hermannschule seiner Bestimmung übergeben werden.

Im Spätherbst 1930 begannen die Arbeiten zum Umbau des Hochzeitshauses zum Verwaltungsgebäude der Stadtverwaltung unter der Leitung von Stadtbaurat Schäfer und seines Mitarbeiters, Architekt Vollmer. Nach der Entkernung des Gebäudes, nur die Außenmauern blieben unangetastet, wurde eine stählerne Stützkonstruktion eingebaut. Statt der alten Holzbalkendecken wurden Stahlbetondecken eingezogen. Beim Innenausbau entstanden große lichte Räume und helle Flure. Das östliche Portal wurde zugemauert. Das Dach wurde wie ehemals mit Sollingplatten eingedeckt. Im Erdgeschoss, gegenüber dem Eingangsportal, wurde ein schmuckvoller Erker angebaut, der so dem Charakter des Hauses angepasst wurde. In seine fünf Fenster setzte man zehn, von dem Hamelner Künstler Rudolf Riege geschaffenen Glasbilder ein, die die Geschichte Hamelns wiedergeben. Ein repräsentatives Treppenhaus führte von der schönen Eingangshalle in die oberen Stockwerke. Im Mai 1932 wurde dieser geglückte Umbau, als Meisterleistung gefeiert, seiner Bestimmung übergeben. Zwei Jahre später wurde der Lüttje Markt zwischen Hochzeitshaus, Marktkirche und Rathaus, der vorher mit Buden völlig zugebaut gewesen war, als Platz gestaltet. Als Verbindung von Kirche und Hochzeitshaus wurde das Tor mit den Löwen als Bekrönung errichtet.

An einer dritten Stelle der Altstadt nach Garnisonkirche und Hochzeitshaus griff Schäfer gestaltend ein: beim Bau des im Oktober 1936 eingeweihten zweiten Bauabschnitts des Feuerwehrgerätehauses an der Alten Marktstraße, das er durch Verlängerung des alten Spritzenhauses endgültig fertigstellte. Unter seiner Regie war der erste, östliche Bauabschnitt 1924 nach einem Entwurf seines Vorvorgängers Zang erstellt worden, wie die Jahreszahl im Giebel verkündet. Schäfer gestaltete die rückwärtige Front zur Alten Marktstraße mit einem ähnlichen, aber höheren Stufengiebel mit der Jahreszahl 1936, hinter dem sich der Schlauchturm verbirgt.

Als Ende der 1920er Jahre das Reich den Neubau der Weserbrücke und der Scheppzugschleuse plante, bemühte Schäfer sich intensiv, die Gestaltung der großen Bauwerke im Interesse des Stadtbildes zu beeinflussen.

Anfang des Krieges u. k. gestellt, wurde Schäfer im Juli 1941 mit 55 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen und kehrte sehr krank im August 1945 aus Kriegsgefangenschaft zurück und nahm im Oktober seinen Dienst wieder auf. Sein Hauptaugenmerk musste er darauflegen, die stadtplanerischen Voraussetzungen für den Bau von Tausenden von Wohnungen und die dazu gehörige Infrastruktur zu schaffen, denn die Bevölkerung war von 29.000 Einwohnern 1939 durch Flüchtlinge und Evakuierte auf über 50.000 im Jahre 1959 gestiegen. Als der Wohnungsbau nach der Währungsreform richtig anlief, war klar, wo und wie die Wohnblocks und die Einfamilien- oder Reihenhäuser entstehen konnten, wobei Eintönigkeit vermieden wurde durch markante Eckbauten, Winkelbildung und versetzte Fronten. Als Ende November 1946 der Leiter des Tiefbauamtes, Baurat Bernhardt, in Ruhestand ging, wurde Schäfer zum Leiter der gesamten städtischen Bauverwaltung ernannt.

Im April 1950 konnte als erster großer städtischer Neubau die Langewallschule eingeweiht werden. Ein halbes Jahr später war im Ostteil der zerstörten Marktkirche eine Notkirche fertig, sodass dort wieder Gottesdienst gehalten werden konnte.

Als letzten großen, in die Zukunft gerichteten Plan für die geordnete Weiterentwicklung der Stadt erarbeitete der Städteplaner Schäfer den Flächennutzungsplan, der 1951 beschlossen wurde. Aus den bisherigen stadtplanerischen Vorgaben wurde die städtebauliche Zukunft der Stadt entwickelt. Nachdem im Herbst 1952 als größter Schulneubau der Nachkriegszeit die Pestalozzischule fertiggestellt worden war, wurde am 2. Januar 1953 die Weserbergland-Festhalle, von Schäfers Mitarbeiter Wünschmann geplant, feierlich eingeweiht. Der erste Theaterbau in Hameln stand genau an dem Platz, der von Schäfer schon lange vor dem Krieg dafür vorgesehen war, ebenso wie das Hallenbad an der Hafenstraße, das im September 1953 seiner Bestimmung übergeben wurde. Das letzte Bauwerk, an dem Schäfer bis in seine letzten Arbeitstage hinein tätig war, der Erweiterungsbau des Schillergymnasiums, wurde 7 Wochen nach seiner Verabschiedung in den Ruhestand fertig. Anlässlich seines 30jährigen Dienstjubiläums bei der Stadt Hameln am 1. Oktober 1952 war Stadtbaurat Albert Schäfer von der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung „in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die städtebauliche Gestaltung der Stadt Hameln“ zum ordentlichen Mitglied der Akademie ernannt – eine hohe Auszeichnung!

Stadtbaurat Schäfer wurde am 28. September 1953 in einer Sitzung des Hamelner Rates feierlich verabschiedet. Schäfer war nicht nur ein Städteplaner von hohen Graden, sondern er hatte, wie es von Dr. Fischdick ausgedrückt wurde, eine architektonische Spezialbegabung. Seine Dienstjahre sind und bleiben in der neuzeitlichen Baugeschichte Hamelns die entscheidenden. Stadtbaurat Albert Schäfer starb am 29. Juli 1968 im 82. Lebensjahr.

Umbau des Hochzeitshauses 1930/31.




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