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Organisierte Schaumburger Nachbarschaftshilfe erlaubt manchem, sich etwas mehr leisten zu können

Beim Tauschring zählen "Talente" statt Euro

Landkreis (mw). Seit 1999 praktiziert der Schaumburger Tauschring einen internen Markt, auf dem Waren und Dienstleistungen nicht mit "harter Währung" bezahlt, sondern getauscht werden. Einblick in die Szene hat ein im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde Sülbeck abgehaltenes Treffen der Interessengemeinschaft geboten.

veröffentlicht am 08.07.2008 um 00:00 Uhr

Bei allem Idealismus kommt auch der Schaumburger Tauschring nicht ohne Bürokratie und einen pekuniären Gradmesser aus. "Talente" dienen statt Euro als Vergleichsgröße, so Sabine Schirmer (46), Sprecherin der rund 65 Mitglieder zählenden Interessengemeinschaft. "Eine Stunde sind bei uns 15 Talente", führt die Stadthägerin mit Blick auf die gehandelten Dienstleistungen weiter aus. Bei zu tauschenden Gegenständen wird indes deren Wert in Euro zugrunde gelegt, wobei dann ein Euro zwei Talenten entspricht. Da nicht jede Leistung oder Sache durch einen unmittelbaren Gegentausch ausgeglichen wird, wirdüber alle Geschäfte Buch geführt, erläutert Schirmer. Dadurch sollen eventuelle "schwarze Schafe" erkannt werden, die den Tauschring zwar in Anspruch nehmen, selber aber nichts dazu beitragen. Bis zu 300 Talente "minus" dürfe man aber machen. "Es ist ein gegenseitiges Nehmen und Geben", beschreibt der Bad Nenndorfer Andreas Peter Michel das Tauschring-Prinzip. Er selber bringe etwa "Transportfahrten mit geschlossenem Anhänger" und die "Pkw-Aufbereitung" in die Gemeinschaft ein. An dem aktuellen Tauschring-Treffen nahm er zwar in erster Linie wegen der Geselligkeit teil, war jedoch auch auf dem veranstalteten Flohmarkt fündig geworden. "Ich habe eine Schallplatte von ?Karat' aus der DDR geschossen", freute sichder 48-Jährige. Sechs Talente seien ihm dafür angerechnet worden. Der Tauschring stelle eine "richtige Nachbarschaftshilfe" dar, meinte Gabriele Kopeczky (58) aus Rodenberg. "Ich kann dadurch Sachen erwerben, die ich mir sonst nicht leisten kann." Ihr Angebot seien "handwerkliche Fähigkeiten als ehemalige Friseurin" und andere Tätigkeiten wie etwa Näharbeiten. Als eines derältesten Mitglieder gab sich die 76-jährige Gerda Rudolph zu erkennen. "Ich handwerke auch im Haus, aber alles kann ich auch nicht", berichtete die gelernte Schneiderin aus Steinbergen. Daher greife sie regelmäßig auf die Fähigkeiten anderer Mitglieder zurück, wobei deren eingesetztes Material dann allerdings schon bezahlt werden müsse. Wirtschaftliche Zwänge machen offensichtlich aber auch vor dem Tauschring nicht halt. Wegen der hohen Spritpreise gebe man den Helfern mitunter noch "einen Obolus" zu deren Fahrtkosten dazu, so Rudolph.




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