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Kompromiss statt Boykott: Wie das Gymnasium Adolfinum mit der Klassenfahrten-Problematik umgeht

„Besser als nichts“

Bückeburg. Als Reaktion auf die den Gymnasiallehrern von der niedersächsischen Landesregierung aufgedrückte eine Stunde, die sie seit Beginn des Schuljahres 2014/2015 pro Woche mehr unterrichten müssen, werden an vielen Gymnasien keine Klassenfahrten mehr angeboten. Gegen diesen Boykott der Lehrer haben vor einigen Tagen mehrere Tausend Schüler im Rahmen einer großen Demonstration in Hannover protestiert.

veröffentlicht am 31.01.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 19:41 Uhr

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„Ich sehe auf beiden Seiten festgefahrene Standpunkte und nicht den Willen, einen Kompromiss zu finden. Beide Akteure müssen schauen, wo sie sich ihrem Gegenüber annähern können, um für alle eine zufriedenstellende Lösung zu finden“, kritisierte der Organisator und Versammlungsleiter Tjark Melchert als Vertreter des Landesschülerrates Niedersachsen laut deren Presseinformation die starre Haltung der Politik und der Lehrerverbände. Mithilfe des Klassenfahrten-Boykotts Schüler als Druckmittel zu benutzen, um seitens des Philologenverbandes und der Lehrer eigene Interessen durchzusetzen, dies sei jedenfalls „absolut unsozial und inakzeptabel“.

Was das Bückeburger Gymnasium Adolfinum betrifft, gibt es hier bereits eine auf einer Gesamtkonferenz der Schule beschlossene Kompromisslösung für das Klassenfahrten-Problem, so dessen Rektor Michael Pavel. Demnach werden seit Beginn des laufenden Schuljahrs anders als bisher in der siebten und neunten Jahrgangsstufe keine einwöchigen Klassenfahrten mehr durchgeführt. Als Ersatz dafür werden nun aber dreitägige Klassenfahrten in der achten Jahrgangsstufe angeboten, wobei die Lehrer aber die Möglichkeit haben und seitens der Schulleitung auch ausdrücklich dazu angehalten sind, zusätzlich noch Eintagesfahrten mit ihren Schulklassen zu unternehmen. Keine Änderung gibt es indes hinsichtlich der Studienfahrten in der zwölften Jahrgangsstufe, die in der gewohnten Form weiterhin auf dem Programm stehen. Die Schüler und deren Eltern sind von dieser Kompromisslösung laut Pavel zwar nicht begeistert, in der genannten Gesamtkonferenz vom Juli 2014 waren diese aber von der Mehrheit der Lehrer überstimmt worden.

Hierzu muss man wissen, dass der Gesamtkonferenz als „demokratisches Entscheidungsgremium“ des Gymnasiums alle Lehrer der Schule (rund 130 an der Zahl), aber nur 18 Schülervertreter und 18 Elternvertreter angehören. Von daher ist es für Schüler und Eltern also nicht möglich, Entscheidungen gegen die Lehrerschaft durchzupauken, wenn Letztere mehrheitlich anders votiert.

Sina Noll

Zu den nun von den Gymnasiallehrern zu leistenden 24,5 statt 23,5 Stunden Unterricht pro Woche, die den Anstoß für den Klassenfahrten-Boykott gegeben haben, erklärt Pavel, dass sich ein Wochenpensum von 23,5 Unterrichtsstunden für einen Außenstehenden zwar nach wenig anhöre, die gesamte wöchentliche Arbeitsbelastung eines Gymnasiallehrers aber deutlich höher sei. Schließlich müssten diese den Unterricht auch vor- und nachbereiten sowie regelmäßig Klausuren korrigieren – nicht zu vergessen der große Arbeitsaufwand im Zusammenhang mit den Abiturprüfungen.

Tatsächlich komme ein Gymnasiallehrer somit im Schnitt „locker“ auf 50 Stunden Arbeit pro Woche, stellt Pavel klar. Für das Kultusministerium dagegen bedeute die eine Unterrichtsstunde mehr im Grunde keine Mehrarbeit, da die Lehrer diese eine Stunde nach Meinung dieser Behörde ja dadurch kompensieren könnten, dass sie diese eine Stunde außerhalb des Unterrichtes wieder einsparen. Dies indes sei realitätsfern. Und dementsprechend hätten sich viele Gymnasien entschieden, die von den Lehrern übrigens als freiwillige Leistung durchgeführten Klassenfahrten ganz zu streichen, während man sich am Adolfinum für die jetzige Kompromisslösung ausgesprochen habe.

Eine Stunde Unterricht mehr höre sich in der Tat nach wenig an, und die tatsächliche Arbeitsbelastung der Lehrer werde oftmals sicherlich unterschätzt, zeigt Sina Noll (16), eine der Schülersprecherin des Adolfinums, Verständnis. Andererseits seien Klassenfahrten aber „prägende“ Erlebnisse, die den Zusammenhalt unter den Schülern stärken und einen großen Erinnerungswert haben. Daher sei es sehr bedauerlich, sagte Noll im Gespräch mit unserer Zeitung, dass unterm Strich Klassenfahrten wegfallen, die doch „der größte Spaß“ während der Schulzeit seien. Viele Schüler am Adolfinum könnten die Boykott-Haltung der Lehrer jedenfalls nicht verstehen und seien „sauer“, wenngleich der jetzige Kompromiss zumindest „besser als nichts“ sei.




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