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Faurecia: Belegschaftsversammlung vor dem Werkstor / Mischung aus Zorn und Resignation

Betriebsrat wandert "auf schmalem Grat"

Stadthagen (ssr). Eine Mischung aus Zorn und Resignation ist spürbar gewesen: Mehrere hundert Faurecia-Mitarbeiter haben sich gestern Mittag vor den Werkstoren versammelt, um sich von Betriebsrat und IG Metall über den Stand der Verhandlungen mit der Geschäftsführung informieren zu lassen.

veröffentlicht am 09.08.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:26 Uhr

Zeichen der Besorgnis und des Zorns: Hunderte von Farecia-Mitarb

Einen "schmalen Grat", der aber ohne Alternative sei, beschreite die Arbeitnehmervertretung mit ihrer Verhandlungsstrategie, räumte Betriebsratschef Jürgen Bittner ein. Es gehe darum, dem Unternehmen im Gegenzug zum geplanten - vom Betriebsrat in der Sache rundweg abgelehnten - Personalabbau Investitionen in Millionenhöhe abzuringen, die den Standort sichern würden. Dabei werde sich die Arbeitnehmerseite "nicht länger mit Lippenbekenntnissen zufrieden geben", rief IG-Metall-Sekretär Thorsten Gröger der aufgebrachten Werksbelegschaft zu. Vielmehr werde man auf "substanzielle, nachprüfbare und juristisch einklagbare Zusagen für standortsichernde Zukunftsinvestitionen" bestehen. In Rede stehen unter anderem mehrere tonnenschwere High-Tech-Pressen nach dem allerneuesten Stand der Technik. In der zweiten Verhandlungsrunde am Montag habe das Management allerdings deutlich gemacht, berichtete Bittner, dass es ohne den Abbau von 190 der 645 Stellen im Produktionswerk bis Ende 2006 und eine darüber hinausgehende Absenkung der Stellenzahl bis Ende 2009 auf etwa 300 bis 350 Jobs keine Investitionen geben werde. "Die haben klar durchblicken lassen, dass dann 2009 der letzte Mann durchs Werkstor rausgehen könnte", formulierte Bittner nüchtern. Auf erzürnte Zwischenrufe wie "Schließung auf Raten", "Erpressung" und "Lasst euch doch nicht verar..." versicherten Bittner und Gröger, dass sie sich "nicht auf einen scheibchenweisen Personalabbau bis auf Null" einlassen würden. Neu in der Strategie der Arbeitnehmervertretung sei es deshalb gerade, betonte Gröger, "dass es sich ausdrücklich um eine Verhandlungsrunde zur Standortsicherung handelt". Eine Lösung sei aber realistischer Weise nur im Paket mit einem Stellenabbau zu bekommen. Den gelte es so gering wie nur irgend möglich zu halten und so gut wie möglich durch einen Sozialplan abzufedern, riefen Bittner und Gröger wiederholt unter hörbarem Murren vieler Beschäftigter. Beim Sozialplan für die geplanten 190 Entlassungen bis zum Jahresende werde der Betriebsrat das bisher vom Management angebotene Modell der Entlassungwelle des Jahres 2003 nicht akzeptieren. "Da muss ein kräftiger Schluck aus der Pulle obendrauf", forderte Bittner. Anzustreben sei das Niveau der Otis-Abfindungen des Jahres 2004. Das Verhalten der Arbeitgeberseite in der zweiten Verhandlungsrunde beschrieb Bittner als "zäh und zurückhaltend". Allerdings habe es in Sachen gewerbliche Ausbildung und Investitionsbereitschaft "erste Anzeichen von Bewegung" gegeben. Auch beim Thema Sozialplan sei man noch "weitauseinander". Die Verhandlungen stünden wegen möglicher Auswirkungen der Korruptionsaffäre unter zusätzlichem Zeitdruck, so Gröger. Denn wenn in der französischen Konzernzentrale Köpfe ausgewechselt würden, hätte man es in Sachen Zukunftskonzept für den Standort Stadthagen eventuell "da mit ganz neuen Leuten zu tun und dann können wir schlimmstenfalls wieder bei Null anfangen". Die nächsten Verhandlungsrunden sind für den 11. und 17. August terminiert.

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