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Auf der Tanzfläche wird Immobilienkaufmann Toni Schönebeck zu Big Toni

Big Toni - Der tanzende Krieger

Minden. Big Toni (28) ist ein waschechter B-Boy, also Breakdancer: Nichts liebt er mehr als den direkten Wettkampf auf der Tanzfläche, Auge in Auge mit dem Gegner, mit allen psychologischen Tricks, die dazugehören. Diese Leidenschaft und unzählige Trainingsstunden haben ihn zu einem der besten Tänzer des Landes gemacht. Redakteur Philipp Killmann hat den zweimaligen Deutschen Meister in seiner Heimatstadt Minden getroffen.

veröffentlicht am 20.04.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:30 Uhr

Toni
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Er will provozieren, andere bekriegen und zerstören, „so richtig asozial“, sagt Big Toni, an einem Tisch sitzend im Kreativzentrum Anne Frank, voller Leidenschaft über seine Motivation beim Breakdance. Die drastische Wortwahl und die volltätowierten Arme können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Toni Schönebeck, der hauptberuflich als Immobilienkaufmann arbeitet, ein grundsympathischer Typ ist. Aber wenn der B-Boy Big Toni ins Battle (engl.: Schlacht, Kampf) geht, also die Tanzfläche betritt, dann wird aus dem freundlichen Mindener ein Krieger, der nur ein Ziel hat: seinen Gegner zu zerstören. Tänzerisch, also auf rein sportlicher Ebene, versteht sich.

Das Battle ist die urtypische Form des Breakdance, der als Teil der Hip-Hop-Kultur in den 70er Jahren in den Gettos von New York entstand, indem sich vor allem schwarze und puerto-ricanische Jugendliche tänzerische Wettkämpfe lieferten und damit, glaubt man der Legende, sogar der verbreiteten Ganggewalt Einhalt geboten haben.

Big Toni fühlt sich ebendieser Tradition verpflichtet. Showtanz ist seine Sache nicht: „Das befriedigt mich nicht.“ Er will den direkten Schlagabtausch, sich mit anderen Tänzern messen. So hat er Breakdance kennengelernt.

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  • Big Toni im „Schwebezustand“ beim nationalen „Battle of the Year“. pr

Als Toni ungefähr 13 Jahre alt war, sah er den Hip-Hop-Filmklassiker „Beatstreet“ aus dem Jahr 1984 – dem Jahr, in dem Toni gerade zur Welt kam – und war begeistert. Der große Bruder eines Schulkameraden nahm ihn dann mit ins „Jugendhaus Geschwister Scholl“ in Minden-Bärenkämpen, wo sich Rapper wie Italo Reno & Germany, Graffitimaler wie Jason Holloway, und Breakdancer trafen und gemeinsam übten. Toni schloss sich den Tänzern an, begann zu trainieren und hörte nie wieder auf. Noch heute trainiert er mindestens zweimal wöchentlich für jeweils zwei bis drei Stunden.

„Ich habe mir im Grunde alles selbst beigebracht“, erzählt Toni. Seine einzigen Lehrer bestanden aus amerikanischen Videokassetten mit Aufnahmen von Breakdance-Battles – und natürlich Beatstreet. „Mein Vater nahm mir die berühmte Battle-Szene im Roxy sogar auf einer Videokassette mehrmals hintereinander auf, sodass ich nicht ständig hin- und herspulen musste.“ Aber am Ende hieß es vorm Fernseher mit der Fernbedienung des Videorekorders natürlich trotzdem stets „Stop & Play“.

Jede Bewegung wurde bis ins Detail analysiert, nachgemacht und einstudiert. „Dadurch hat der Lernprozess viel länger gedauert als heute, wo man im Internet alles findet“, meint Toni. „Allein für den Sixstep (ein Grundschritt im Breakdance; Anm. d. Verf.) habe ich ein Dreivierteljahr gebraucht! Meine Schüler lernen den heute an einem Tag, weil ich es ihnen direkt zeigen kann.“ Dadurch, merkt Toni kritisch an, stecke in seinen Schülern allerdings immer auch etwas „Big Toni“.

Dabei sei es im Breakdance mit das Wichtigste, einen eigenen Stil zu haben. Genauso wie das Auftreten auf der Tanzfläche. „Du musst ganz krass von dir selbst überzeugt sein und schon vor dem Battle im Kopf gewonnen haben“, meint er. „Natürlich müssen auch die Tricks sitzen! Aber provozierende Mimik, Gestik und Sperenzchen vor und während des Battles gehören eben auch dazu. Das brauche ich auch! Manche, die mich nur vom Tanzen kennen, glauben deshalb auch, ich sei ein richtiges Arschloch.“ Aber in der Regel sei nach dem Battle alles friedlich und man begegne sich mit Respekt.

Seinen Erfolg – kein anderer deutscher B-Boy könne so viele Battle-Siege, 30 an der Zahl, aufweisen, wie er – führt Big Toni nicht zuletzt darauf zurück, dass er seinen eigenen Stil entwickelt habe. Beim Tanzen ließ er sich filmen und analysierte anschließend die Aufnahmen: „Wenn ich dann sah, dass bei einer Bewegung mein Arm sinnlos durch die Luft schwang, dachte ich mir: Okay, an dieser Stelle kannst du mit deinem Arm stattdessen auch was Cooles machen!“

Erste Kontakte zu Tänzern außerhalb von Minden ergaben sich für Toni auf den legendären „Doing It Funky“-Jams im Hamelner Jugendzentrum Regenbogen. Damals nahm ihn sein Onkel, der Mindener DJ Danny, auch mit zum „B-Boy -Massaka“ in Bielefeld. „Da war ich noch ein kleiner Junge und bin da so richtig fanmäßig mit Videokamera rumgerannt und habe mir Autogramme geholt“, erzählt Toni lachend. „Und als ich dann zum ersten Mal sah, wie Tänzer in einem Boxring einzeln gegeneinander antraten, wusste ich: Das will ich auch!“ Genau zehn Jahre später, 2008, erfüllte sich für Big Toni ein Traum: Er gewann das „B-Boy-Massaka 2“.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Während andere Jugendliche am Wochenende feiern gingen, ging Big Toni im Kreativzentrum Anne Frank zum Training und pilgerte bundesweit von Hip-Hop-Jam zu Hip-Hop-Jam. Seinen Erfolg habe er nie geplant, „aber ich war sehr ehrgeizig“.

2003 wurde er schließlich zum ersten Mal zu einem internationalen Breakdance-Event in den Niederlanden eingeladen. „Darauf habe ich mich sehr intensiv vorbereitet. Es lief gut – und dann ging’s los!“ Von da an war der Name Big Toni in der globalen Szene ein Begriff. Er wurde als Tänzer und zunehmend auch als Jurymitglied zu Veranstaltungen in Österreich, Frankreich, Zypern und Tunesien eingeladen. Mit 21 saß er als jüngstes Mitglied in der Jury des internationalen „Battle of the Year“. „Heftig, oder?!“, begeistert sich Toni rückblickend immer noch so, als könne er es selbst kaum glauben.

2008 nahm er mit seiner damaligen Crew, den Funk Fellaz, an der vom südkoreanischen Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus organisierten Weltmeisterschaft „R-16 Korea“ teil. „Das Turnier wurde auf drei südkoreanischen Fernsehsendern live übertragen, das Preisgeld betrug 10 000 US-Dollar und im Flugzeug sprachen uns die Stewardessen an und ließen sich mit uns fotografieren“, verdeutlicht Toni den Stellenwert, den Breakdance in manchen Ländern hat.

In Deutschland dagegen könne man von Breakdance nicht leben. „Es sei denn, man baut sich richtig was auf, so wie die Flying Steps“ (Deutschlands prominenteste Breakdance-Gruppe, die in Berlin die Tanzschule Flying Steps Academy betreibt, bei deren Neuröffnung Anfang des Jahres Big Toni als DJ auflegte; Anm. d. Verf.). Mit Auftritten und Preisgeldern allein könne man seinen Lebensunterhalt jedenfalls nicht bestreiten. Aber das will Toni auch gar nicht. „Ich baue mir hier in Minden mein Leben auf, mit meiner Freundin. Das würde ja gar nicht gehen, wenn ich ständig unterwegs wäre“, sagt der 28-jährige Immobilienkaufmann.

Als B-Boy habe er bereits all seine Ziele erreicht: 2008 nahm er mit den Funk Fellaz, gesponsert von Fiat, an der renommierten „Freestyle Session“ in Los Angeles teil. Als erste deutsche Crew schafften es die Funk Fellaz unter die besten 16. Mit seiner aktuellen Crew, der Reckless Gang, wurde er zweimal Deutscher Meister beim nationalen Battle of the Year. 2009 tanzte er bei der Fernsehshow „The Dome“ für Kelly Rowland und David Guetta. Im selben Jahr breakte er im Video zu dem Song „Rapfilm“ von Rap-Koryphäe Kool Savas.

Natürlich habe es auch Tiefs gegeben, zum Beispiel wenn sich mal wieder eine Crew auflöste. Am Schlimmsten sei jedoch ein Meniskusriss gewesen, den er sich kurz nach dem Aufenthalt in L.A. beim Tanzen zuzog. „Da dachte ich, jetzt ist alles vorbei.“ Normalerweise, hatten ihm die Ärzte gesagt, sollte er nach fünf Wochen wieder tanzen können. „Aber ich hatte noch nach drei Monaten Probleme.“ Erst nach einem halben Jahr sei er wieder richtig fit gewesen. „In dieser Zeit war ich richtig down, das hat man mir auch angesehen… Ich war echt traurig“, sagt er ein wenig verlegen.

Mit 28 Jahren gehöre er als B-Boy inzwischen zum alten Eisen, da mache er sich nichts vor. Ans Aufhören denkt Toni indes noch nicht. Allein die Prioritäten verschieben sich allmählich. „Ich möchte gerne noch mehr die Szene unterstützen und Schüler finden, die im Tanzen richtig aufgehen, so wie zum Beispiel Felix Saalmann alias Battle Buddah aus Hamburg, mit dem ich auch zusammen tanze“, sagt er.

Langfristig will er sich zudem noch stärker auf die Musik konzentrieren, sowohl als DJ als auch als Produzent. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Ricco alias Ricco Beatz arbeitet er gerade an einem Mixtape. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Big Toni battlet bis auf Weiteres weiter. Am heutigen Samstag zieht er in Marseille in die „Schlacht“. Und Montag ist Big Toni wieder Toni Schönebeck, der Immobilienkaufmann. Bis zum nächsten Battle.

Hinweis: Big Toni gibt jeden Dienstag von 17.30 bis 19 Uhr kostenlose Breakdance-Kurse (für Anfänger genauso wie für Fortgeschrittene) im Kreativzentrum Anne Frank, Salierstraße 40-42, in Minden. Kontakt: www.big-toni.de

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