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Wie zwei in Hessisch Oldendorf stationierte US-Soldaten 1991 eine der ersten deutschen Rap-Platten veröffentlichten

Blaque - „Die beste Zeit meines Lebens“

Hessisch Oldendorf. Als Courtney Davis alias C-Bone und Steve Harbison alias T.A.M.C. 1989 bei der US Air Force in Hessisch Oldendorf stationiert wurden, war das für sie zunächst ein Job wie jeder andere auch. Als sie knapp drei Jahre später in ihre Heimat zurückkehrten, hatten sie nicht nur ihr Herz an Deutschland verloren, sondern mit der Rap-Gruppe Blaque auch eine der ersten deutschen Rap-Platten veröffentlicht. Im Interview mit Redakteur Philipp Killmann lassen C-Bone und T.A.M.C. (beide 45) diese Zeit Revue passieren.

veröffentlicht am 28.11.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:18 Uhr

Blaque
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Was für eine Vorstellung hattet Ihr von Deutschland, bevor Ihr 1989 herkamt?

T.A.M.C.: Ich dachte an Landwirtschaft. Ich hatte keine Ahnung, dass Deutschland so cool sein würde. Kaum war ich dort, wollte ich nicht mehr weg. Ich hätte nie gedacht, dass die Deutschen Hip-Hop und R’n’B mögen würden. Aber dadurch fühlte ich mich sofort zu Hause. Bis heute gebe ich mit Deutschland an, mit den Clubs, den Mädchen, dem Essen und der Musikkultur.

C-Bone: Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Und ich schätze, wenn ich nicht bei der Air Force gewesen wäre, wäre ich wohl niemals nach Europa gekommen.

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  • Courtney Davis heute mit seiner Frau Manuela Kammholz-Davis und Sohn Keaton Rouge. Foto: pr.
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  • Steve Harbison heute mit seinen Kindern Jaleisa Coleman und Joseph.
Cover
  • Album-Cover von Blaque.

Damals stand das Ende des Kalten Krieges kurz bevor, politisch eine hoch spannende Zeit.

T.A.M.C.: Mit 45 habe ich heute ein besseres Verständnis vom Kalten Krieg als damals. Ich war gerade mal 20 und vor allem daran interessiert, Spaß zu haben. Als die Mauer dann fiel, wurde mein Interesse aber geweckt, und es machte mich stolz, dabei gewesen zu sein. Ich freute mich sehr für Deutschland. Zur Mauer durften wir zwar nicht, aber ihren Fall haben wir trotzdem überall gefeiert.

C-Bone: Ich habe mich eigentlich schon immer sehr für Politik interessiert, aber damals war ich mir über das Ausmaß des Kalten Krieges nicht bewusst. Erst als die Mauer fiel, wurde mir klar, was das für eine Bedeutung für Deutschland hatte.

Wie kam die Gruppe Blaque zustande?

T.A.M.C.: Wann immer mich ein DJ in den deutschen Clubs ans Mikrofon ließ, habe ich gefreestylet. Als ich einmal im „Studio M“ in Minden war, stellte mich DJ Al, der dortige DJ, Busy vor. Dann legte Busy auf, und ich freestylte dazu. Ich glaube ja, er wollte mich mit seinen ständig wechselnden Beats etwas aus dem Konzept bringen – but we killed it that night. Am nächsten Tag besuchte ich Busy zu Hause, und wir fingen an, miteinander zu arbeiten (Sascha „Busy“ Bühren aus Bad Oeynhausen war der DJ und ein Produzent von Blaque. Heute ist er einer der erfolgreichsten Audio Master Deutschlands [wir berichteten]; Anm. d. Red.). Irgendwann interessierten sich Plattenfirmen für uns, und wir gründeten Blaque. C-Bone war mein bester Freund, also fragte ich ihn, ob er mitmachen will. Blaque steht für „Brothers Love Another Questing Unity Everlasting“. Und da war wohl was dran, denn wir sind immer noch Freunde.

Wofür stehen eigentlich Eure Namen C-Bone und T.A.M.C.?

C-Bone: Sagen wir so, ich war ein sehr umtriebiger Jugendlicher (lacht). Aber ich habe inzwischen einen 15-jährigen Sohn, also muss die Bedeutung von „C-Bone“ ein Geheimnis bleiben.

T.A.M.C.: T.A.M.C. steht für „The Art of Making Cash“.

Und wie brachtet Ihr Eure Musik mit Euerm Militärdienst unter einen Hut?

C-Bone: Wir haben meistens abends oder am Wochenende Musik gemacht. Die Hauptarbeit an der Produktion hatten sowieso T.A.M.C. und Busy, sodass es für mich sowieso sehr einfach war.

T.A.M.C.: Das war kein Problem. Unser Kommandant hat uns unterstützt, wo er nur konnte. Die Air Force hat mich sogar früher aus dem Dienst entlassen, damit ich meinen Musikvertrag erfüllen konnte.

Das klingt, als hättet Ihr in Hessisch Oldendorf eine gute Zeit gehabt.

C-Bone: Es war großartig. Ich habe sieben Tage die Woche gefeiert. Darin war C-Bone sehr gut! (lacht)

T.A.M.C.: Mir hat es auch sehr gut in Deutschland gefallen. So gut, dass mir der Rest meines Lebens auf gewisse Weise etwas langweilig vorkommt. Ich mag die Deutschen sehr. Die Erfahrungen dort haben mein Leben geprägt. Soldat zu sein, das war einfach nur ein Job für mich. Mein Herz schlug für das Studio, die Clubs und die hübschen Ladys.

Was fällt Euch spontan zu Hessisch Oldendorf ein?

C-Bone: The Hess war eine super Erfahrung. Die Kultur kennenzulernen und die Art und Weise, wie wir von den Menschen aufgenommen wurden, das war toll.

T.A.M.C.: Es war einfach die beste Zeit meines Lebens. Ich wünschte, sie hätte länger angedauert.

Und was kommt Euch bei Hameln und Rinteln in den Sinn?

C-Bone: Zuerst ihre Geschichte! Nach Hameln fuhr ich besonders gerne. Dort hatte ich auch mein erstes Date mit meiner späteren Frau: bei Mickey D’s (McDonald’s, Anm. d. Red.). Sie ist aus Friedrichshagen und war bis dahin noch nie bei McDonald’s gewesen.

T.A.M.C.: Ich hatte in beiden Städten ein paar Freundinnen. Zuerst fällt mir aber McDonald’s in Hameln ein, wo wir viele Freunde und Fans hatten.

Ihr standet bei einem der damals größten Plattenfirmen unter Vertrag. Wie lief der Aufnahmeprozess Eures Albums ab?

C-Bone: Ich weiß noch, dass Busy und T.A.M.C. sehr hart gearbeitet haben. Sie waren beide sehr kreativ und fokussiert.

T.A.M.C.: Ehrlich gesagt kann ich mich kaum daran erinnern. Wir haben das Album im Whitehouse Studio in Köln aufgenommen. Es war sowohl ein Traum als auch ein Albtraum. Alles ging so schnell, wir hatten keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir waren alle um die 20 Jahre alt und hatten keine Ahnung, wie das Musikgeschäft funktioniert. Wir haben einfach nur gemacht, was man von uns verlangte. Was wir wollten und was wir taten, das waren zwei verschiedene Paar Schuhe. Aber es hat trotzdem Spaß gemacht.

C-Bone: Einiges hatten wir schon vorab bei Busy aufgenommen. Aber dann nahmen wir bei Whitehouse viel noch mal neu auf. Das fertige Produkt ähnelte zwar noch dem ursprünglichen Material, aber es war nicht mehr dasselbe.

Inwiefern?

C-Bone: Mir gefiel die Endversion auch. Die Produktion war großartig, die Leute mochten das Album. Es unterschied sich von anderen Alben. Aber ich glaube, das Original war ein bisschen dreckiger, und mit „dreckig“ meine ich den Red Dirt aus den Südstaaten. Ich mag Funk und Blues, von daher hätte ich mir das Album ein bisschen funkiger gewünscht. The dirty dirty! (lacht)

Wie ging es nach den Aufnahmen weiter?

T.A.M.C.: Während das Album gemischt und gemastert wurde und die Promotion lief, chillten wir alle zusammen im Haus meiner Eltern in West Virginia. In diesem Sommer wuchsen wir richtig eng zusammen. Als wir nach Deutschland zurückkehrten, behandelte man uns wie Stars. Man stellte uns Limousinen, Hotels, und in ganz Köln hingen unsere Poster. Aber es lief nicht so, wie es hätte laufen sollen, da wir keinen Manager hatten. Wir hatten einfach keine Ahnung, was wir taten.

Ein Jahr nach Blaque gelang den „Fantastischen Vier“ der kommerzielle Durchbruch mit dem Song „Die da!?“, der von demselben Bob-James-Sample getragen wurde wie Euer Song „This Is How It Should Be Done“. Dumm gelaufen?

C-Bone: Hey, sie haben es geschafft. Und davor ziehe ich meinen Hut.

T.A.M.C.: Ich kenne den Song nicht. Aber ich freue mich für sie. Ich fand das Sample immer super.

Einer Eurer Tänzer war ein junger Costa Meronianakis aus Bad Pyrmont, der später als Rapper Illmatic bekannt werden sollte.

C-Bone: Ja, Costa war cool. Ich freue mich über seinen Erfolg.

T.A.M.C.: Ich habe Costa über meine damalige Freundin und spätere Frau aus Bad Pyrmont kennengelernt. Sie waren miteinander befreundet, und so hingen wir zusammen ab. Costa hatte damals eine Crew namens Nation Clan, und drei von ihnen tanzten für uns bei unseren Shows. Ich wusste, dass aus Costa was werden würde, so wie er die Musik liebte.

Habt Ihr noch Kontakte in Deutschland?

C-Bone: Ja, ich habe viele Freunde in Europa. Aber ich war schon lange nicht mehr dort.

T.A.M.C.: Hell, yeah! Ich habe Freunde fürs Leben in Deutschland gefunden. Ein Teil von mir wird immer mit Deutschland verbunden bleiben. Zuletzt war ich 1996 dort, um mit Busy zu arbeiten.

Und was macht Ihr heute?

C-Bone: Ich habe ein Unternehmen in Dallas und bin Manager bei einer Software-Firma. Ich lebe meinen Traum: mit meiner Frau, meinem Kind und zwei Hunden. Außerdem habe ich ein Buch geschrieben: „One in the Chamber“. Es handelt von dem kontroversen Thema Abtreibung.

T.A.M.C.: Ich lebe in der Nähe von Atlanta, habe ein Studio aufgebaut und das Label TrueBusiness Inc. gegründet. In diesem Monat erscheint die erste Single unseres fantastischen R’n’B-Sängers LV Lavor.

Über Blaque:

Blaque bestand aus den Rappern T.A.M.C. und C-Bone aus Hessisch Oldendorf und dem DJ und Produzent Sascha „Busy“ Bühren aus Bad Oeynhausen. Busy war Ende der 80er Jahre bereits ein erfolgreicher DJ. Er lernte den Produzenten Eberhard Hartenstein kennen, der Blaque nach Köln ins Studio einlud. Die EMI Group, eine der größten Plattenfirmen damals, war von dem Ergebnis begeistert und nahm Blaque unter Vertrag. 1991 erschienen das Album „It‘s A Blaque Thing“ und die Single „Party Up“. Dann schied der für die Gruppe verantwortliche EMI-Mitarbeiter aus, und Blaque verlief im Sande. „Die Gruppe hätte viel mehr verdient gehabt“, sagt Eberhard Hartenstein im Rückblick. „Wir waren mit dieser Produktion der Zeit voraus. Vielleicht gäbe es ,Die Fantastischen Vier‘ gar nicht, wenn ,This Is How It Should Be Done‘ die zweite Single gewesen und eventuell in die Charts gegangen wäre.“ pk




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