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Amerika nach den Wahlen: „Zeit“-Korrespondent Martin Klingst beleuchtet den Wandel in den Vereinigten Staaten

„Bunter, säkularer, städtischer, liberaler, weiblicher“

Bückeburg (mig). Auf eine Zeitreise in ein zurückliegendes und in ein zukünftiges Amerika hat „Zeit“-Korrespondent Martin Klingst rund 80 Zuhörer eines Vortrags zum Thema „Amerika nach den Wahlen“ im Gymnasium Adolfinum mitgenommen.

veröffentlicht am 14.12.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 11:41 Uhr

Amerika, das ist das Land der Geschichten und der Mythen. Da gibt es den Mythos von der grenzenlosen Freiheit und natürlich ist da der Gründungsmythos der „Mayflower“, der von der langen Reise ins „gelobte Land“ erzählt. Es ist also nur folgerichtig, dass auch Martin Klingst seinen Vortrag mit einer „Expedition“ beginnt, mit einer Geschichte, die den Zuhörer direkt ins Herz des „weißen Amerika“ hineinführt und später dann in ein neues, anderes Amerika, das gerade im Entstehen begriffen ist.

Am Anfang dieser Geschichte steht das Jahr 1971, das der Austauschschüler Klingst in Arvada, Colorado, verbringt. Dort denkt die große Mehrheit der Menschen konservativ und wählt traditionell die Republikaner. „Ich wohnte auf einer Straße mit ebenerdigen Bungalows, in denen nur Weiße wohnten“, erinnert sich Klingst. „Sie alle waren Nachfahren europäischer Einwanderer.“

Ein ganz anderes Bild bietet sich Klingst, als er in diesem Sommer, also nach 40 Jahren, wieder in Arvada kommt. Nur noch die Hälfte der Schüler an seiner alten Schule sind Weiße, fast 40 Prozent sind Hispanics oder Latinos. Auf der Straße wird fast mehr Spanisch als Englisch gesprochen, und heute wird der ehemals konservativ-republikanische Ort von der jungen demokratischen Abgeordneten Crisanta Duran im Parlament von Colorado vertreten. Warum Klingst diese Geschichte erzählt?

Weil Arvada, Colorado, stellvertretend für ein Land steht, in dem gerade ein tief greifender demografischer Wandel stattfindet. Schon jetzt geht der Anteil der Weißen ständig zurück – der Anteil der Latinos hingegen wächst stetig an. „In zehn bis 20 Jahren“, rechnet Klingst vor, „werden die Weißen nur noch knapp die Hälfte aller Amerikaner stellen.“ Die Minderheiten würden dann in ihrer Gesamtheit die Mehrheit sein.

Wirkung zeigte dieser demografische Wandel – von Klingst als „demografische Revolution“ apostrophiert – schon bei der vergangenen Präsidentschaftswahl. Die Gründe, warum Barack Obama nicht in seinem Amt als Präsident bestätigt werden würde, waren damals vielfältig. „Dagegen standen weit über 20 Millionen Arbeitslose, sechs Millionen arme Amerikaner und ein gigantischer Schuldenberg von damals knapp 14 Billionen Dollar“, zählt Klingst auf. Dagegen stand ebenso die Stimmung vieler Amerikaner, von denen zwei Drittel meinten, das Land sei auf einem falschen Weg und die Zukunft sehe düster aus.

„Wie also konnte das Unmögliche geschehen?“, lautet die alles entscheidende Frage, die Martin Klingst in mehreren Etappen beantwortet. Einen Grund sieht das journalistische Schwergewicht in der Schwäche von Herausforderer Mitt Romney, einen anderen in Hurrikan Sandy und einem leichten Absinken der Arbeitslosenquote. Die wirklichen Ursachen, so Klingst weiter, lägen in der „schleichenden und eher stillen demografischen Revolution, die das amerikanische Volk und damit auch das Wahlvolk dramatisch verändert.“ Obama habe den Verlust bei den weißen Wählern (59 Prozent der weißen Wähler haben für Mitt Romney gestimmt) nur deshalb aufholen können, weil die wachsenden Minderheiten mehrheitlich für ihn gestimmt haben (71 Prozent der Latinos, 73 Prozent der asiatisch-stämmigen Amerikaner und 93 Prozent der Schwarzen). Klingst Fazit: Amerika wird „bunter, säkularer, städtischer, liberaler und weiblicher.“

Neben der demografischen Revolution gibt es noch eine zweite Revolution, die sich derzeit in Amerika Bahn bricht. Die Rede ist hier von den Öl- und Gasfeldern, die sich vom Golf von Mexiko bis nach Alaska erstrecken und von den gigantischen Schieferölfeldern, aus denen mit neuen Fördermethoden (Fracking) große Vorräte ans Tageslicht geholt werden sollen. Diese Revolution, führt Klingst aus, könne ein energieunabhängiges Amerika hervorbringen, ein Amerika also, das nicht mehr abhängig sei von Öl- und Gasimporten aus dem Mittleren Osten und Lateinamerika. „Dieses Amerika wird keine Kriege mehr um Öl führen, es wird sich allmählich vom Mittleren Osten abwenden und sich den ökonomisch zukunftsträchtigeren Regionen der Welt zuwenden“, folgert der Wahl-Amerikaner.

Sogar Obama fordere die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder. „Die Frage ist: Wie viel ist Amerika bereit, dafür zu zahlen und die Antwort ist, wahrscheinlich alles.“ Die zusätzlichen Öl- und Gasdollars zögen Amerika zwar nicht aus der Krise. „Aber sie verschaffen in den nächsten Jahren Raum für Bewegung.“ Während es die Europäer enttäuschen werde, dass aus Obama kein Umweltschutzpräsident werde, würden die Amerikaner ihn in den nächsten Jahren vor allem an drei Punkten messen: Wird es ihm gelingen, die amerikanische Haushaltskrise in den Griff zu bekommen? Wird er das Versprechen einlösen können, Amerika in fünf Jahren energieunabhängig zu machen? Und wird er eine parlamentarische Mehrheit für ein Einwanderungsgesetz finden, dass auch jenen zwölf Millionen Latinos ohne rechtmäßige Papiere den Weg in die Legalität eröffnet?

An die Zuhörer appellierte Klingst, nicht nur die unbestrittenen Defizite der Supermacht zu schauen, sondern seinen Blick auch auf den Wandel und auf die immer noch vorhandene Selbsterneuerungskräfte dieses Giganten zu lenken. Untergangsgesänge seien vorschnell und in vielen Teilen auch falsch. Im Gegenteil werde Amerika auch im 21. Jahrhundert noch lange eine Führungsmacht, „primus inter pares“, sein.

Macht erhaltend sieht der Wahlamerikaner, der im nächsten Jahr nach Deutschland zurückkehrt, vor allem drei Faktoren: Amerika ist eine vom Durchschnittsalter her gesehen immer noch relativ junge Nation. Es ist eine Nation, die sich dank einer hohen Geburts- und Einwanderungsrate jung hält und wächst. Und: Amerika ist eine Nation, die in fünf bis zehn Jahren dank eigener, gewaltiger Ressourcen energieunabhängig sein wird. Dieses Amerika werde ein neues Amerika sein, ein Amerika, das sich „aufgrund seiner demografischen und energiepolitischen Revolution kulturell, psychologisch und sozial und damit auch politisch erheblich von jenem Amerika des 20. Jahrhunderts unterscheidet.“

Zum Abschluss des vom Kulturverein Bückeburg organisierten Vortrags übergab Geschäftsführerin Johanna Woydt einen Blumenstrauß an den weit gereisten Gast. Klingst musste viele Hände schütteln: „Es ist immer wieder schön in der alten Heimat zu sein“, sagte er.




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