weather-image
22°
Benjamin Griffey (31) aus Bösingfeld im Interview über das Aufwachsen im „Hinterland“

Casper: „Das Gefühl, am Arsch der Welt zu sein“

Bösingfeld/Berlin. Seit seinem mit Platin ausgezeichneten Album „XOXO“ ist Casper aus Bösingfeld in aller Munde. Und auch wenn der Extertaler inzwischen in Berlin lebt, hält er weiter die Fahne hoch für die Provinz, in der er seine Wurzeln hat. Das spiegelt sich auch im Titel seines neuen Albums wider: „Hinterland“. Casper mag zwar der bekannteste Rapper aus der Region sein, aber er ist längst nicht der einzige namhafte Hip-Hopper aus dem hiesigen Hinterland, wie der 31-Jährige im Interview mit Redakteur Philipp Killmann zu seiner Überraschung selbst feststellt. Ein Gespräch mit Benjamin Griffey alias Casper in der Küche seines Berliner Managements „Beat the Rich“ über die Bedeutung, die Hameln für seine Hip-Hop-Sozialisation hatte, das Aufwachsen in der Provinz und wieso seine Musik immer noch Hip-Hop ist.

veröffentlicht am 17.12.2013 um 09:27 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:18 Uhr

270_008_6781008_lok_Casper_Four_Music.jpg
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

 

Wusstest Du, dass eines der ersten deutschen Rap-Alben aus Deinem Hinterland kommt?

Casper: (Überlegt) Welches?

Casper über die Hamelner Hip-Hop-Jams: „Diese Jams waren immer krasse Erlebnisse, bei denen ich dachte: Das ist genau das, was ich machen will.“ Foto: Four Music
  • Casper über die Hamelner Hip-Hop-Jams: „Diese Jams waren immer krasse Erlebnisse, bei denen ich dachte: Das ist genau das, was ich machen will.“ Foto: Four Music
270_008_6781006_lok_Blaque_cover.jpg
  • Eines der ersten deutschen Rap-Alben kommt aus Caspers Hinterland: „It‘s A Blaque Thing“ von Blaque aus Hessisch Oldendorf beziehungsweise Bad Oeynhausen aus dem Jahr 1991.
270_008_6781007_lok_Busy.jpg
  • Sascha „Busy“ Bühren aus Bad Oeynhausen war nicht nur DJ und Produzent von Blaque, sondern masterte auch Caspers erstes großes Album „Hin zur Sonne“. Foto: pk
270_008_6781009_lok_Curse_Robert_Eikelpoth.jpg
  • Im Studio von Busy lernte Casper Curse kennen. Der Mindener gab ihm wertvolle Ratschläge. Foto: Robert Eikelpoth
270_008_6780999_lok_Big_Toni_Stev_Bonhage.jpg
  • Ebenfalls aus Minden kommt einer der besten B-Boys des Landes: Big Toni. Foto: Stev Bonhage
270_008_6781046_lok_Kinder_des_Zorns_Cover.jpg
  • Mit Andreas „Abroo“ Biernat aus Lemgo, Separate und Fadee veröffentlichte Casper 2004 als „Kinder des Zorns“ das Album „Rap Art War“.
270_008_6781004_lok_Soulrock.jpg
  • Auf einer Jam im Hamelner Regenbogen traf Casper auf Soulrock aus Rinteln - einer der besten Beatboxer Deutschlands. Foto: pk
270_008_6804285_lok_lllmatic_1_.jpg
  • Illmatic kommt aus dem unweit von Bösingfeld gelegenen Bad Pyrmont. Foto: pr.
270_008_6781003_lok_Olli.jpg
  • Auch Phillie MC hat seine Wurzeln in Caspers Hinterland: Er kommt aus Bodenwerder. Foto: pk
270_008_6781005_lok_Trey.jpg
  • Treyer lebte in den 90ern ein paar Jahre in Hameln und trieb dort die Breakdance-Szene voran. Später ging er in Wiesbaden in der von Casper geschätzten Rap-Crew Sieben auf.
270_008_6781000_lok_Doing_It_Funky_Jam_1998.jpg
  • Die Doing-It-Funky-Jams im Hamelner Jugendzentrum Regenbogen beeindruckten Casper nachhaltig.
270_008_6781001_lok_Hoppen_Julia_Hoppen.jpg
  • Kraftklub-Produzent Philipp Hoppen kommt aus Börry bei Hameln. Heute befindet sich sein Studio nur eine Straße weit entfernt von Caspers Management in Berlin. Foto: Julia Hoppen
Casper über die Hamelner Hip-Hop-Jams: „Diese Jams waren immer krasse Erlebnisse, bei denen ich dachte: Das ist genau das, was ich machen will.“ Foto: Four Music
270_008_6781006_lok_Blaque_cover.jpg
270_008_6781007_lok_Busy.jpg
270_008_6781009_lok_Curse_Robert_Eikelpoth.jpg
270_008_6780999_lok_Big_Toni_Stev_Bonhage.jpg
270_008_6781046_lok_Kinder_des_Zorns_Cover.jpg
270_008_6781004_lok_Soulrock.jpg
270_008_6804285_lok_lllmatic_1_.jpg
270_008_6781003_lok_Olli.jpg
270_008_6781005_lok_Trey.jpg
270_008_6781000_lok_Doing_It_Funky_Jam_1998.jpg
270_008_6781001_lok_Hoppen_Julia_Hoppen.jpg

Das hier. (überreicht die CD „It’s a Blaque Thing“ [1991] von Blaque)

Casper: Sagt mir gar nichts. Dabei denke ich immer, ich kenn' alles. (klappt die CD-Hülle auf) Obwohl! Ich glaube, ich hab mal was über die gelesen... Hier steht es ja auch: Bühren! Da war nämlich der Busy schon dabei. Krass. (Sascha „Busy“ Bühren war DJ und Produzent von Blaque und ist heute einer der erfolgreichsten deutschen Audio Master [wir berichteten]; Anm. d. Red.)

Und die beiden Rapper waren amerikanische Soldaten, die in Hessisch Oldendorf stationiert waren. Ist Dir schon mal aufgefallen, dass aus dem Umkreis von 40 Kilometern rund um Bösingfeld erstaunlich viele namhafte Hip-Hopper kommen?

Casper: Nee. Erzähl!

Blaque aus Hessisch Oldendorf, Busy aus Bad Oeynhausen. Curse und Big Toni aus Minden…

Casper: „Der Klan“ hätte ich aus Minden noch gewusst. Und aus Lemgo gibt’s noch Abroo (von Caspers früherer Crew „Kinder des Zorns“; Anm. d. Red.). Wer noch?

Soulrock aus Rinteln.

Casper: Das ist ein Beatboxer, oder?! Den hab ich mal in Hameln auf einer Jam im Regenbogen (ein Jugendzentrum; Anm. d. Red.) kennengelernt.

Illmatic aus Bad Pyrmont.

Casper: Natürlich!

Und Phillie MC aus Bodenwerder.

Casper: Phillie MC ist ja jetzt bei den Atzen dabei!

Ja. Und Drummer bei den Abstürzenden Brieftauben.

Casper: Wirklich?! Das wusste ich nicht! Das ist krass, super.

Und dann gibt es noch einen, der mit Hip-Hop auch, aber nicht ganz so viel zu tun hat: Philipp Hoppen aus Börry.

Casper: Philipp Hoppen - hier?! (zeigt erstaunt über seine Schulter, da Philipp Hoppen gleich um die Ecke von Caspers Management sein Studio hat; Anm. d. Red.)

Genau, hier.

Casper: Krass. Das wusste ich nicht, dass der auch so nah dran ist. Der macht ja Kraftklub und hat auch die letzte K.I.Z.-Platte gemacht. Philipp ist super. (Kraftklub und K.I.Z. sind wiederum wie Casper im Management von „Beat the Rich“; Anm. d. Red.)

Es fehlt in dieser Auflistung leider Treyer alias Ali Reza Zeinali Yazdi, der in den 90er Jahren vorübergehend in Hameln lebte und die nächste große Breakdance-Welle auslöste, bevor er nach Wiesbaden zurückkehrte und dort in „Sieben“ aufging - einer von Casper geschätzten Rap-Crew.

Mit wem außer Soulrock gab es noch Berührungspunkte?

Casper: Busy hat mein erstes großes Album, „Hin zur Sonne“, gemastert. Für einen absoluten Freundschaftspreis. Und als ich damals bei ihm im Studio (in Bad Oeynhausen; Anm. d. Red.) war, um das Album mastern zu lassen, habe ich auch Curse getroffen, der da, glaube ich, gerade noch die „Freiheit“-Platte aufnahm. Er hat mir dann ein paar Ratschläge gegeben, das war sehr super.

Wie Du rappen sollst?

Casper: Nee, nee. Ich war halt die ganze Zeit total unsicher und meinte, ich muss textlich mehr machen, da muss noch viel mehr rein. Und da hat er nur gesagt: „Pass auf. Es kann nicht jeder Satz so eine Voll-Info sein. Man muss die Bomben geschickt innerhalb eines Textes setzen.“ Das machte total Sinn. Ich hätte da sonst noch einen halben Tag dran gedreht. Ich war zu der Zeit auch sehr verbissen und meinte, es muss jetzt knallen. Aber er sagte mir sinngemäß: „Bleib einfach locker! Wenn’s nicht diese Platte ist, dann ist es die Nächste.“

Illmatic habe ich leider nie persönlich kennengelernt. Aber gerade in der Zeit, in der er viel mit Snaga & Pillath gemacht hat, fand ich ihn sehr gut. Jetzt macht er ja Comedy. Ich habe ihn letztens bei „Nightwash“ gesehen, das fand ich ganz cool… Aber das ist ja doch alles enger gestrickt, als man denkt.

Was fällt Dir spontan zu Hameln ein?

Casper: Boah, so viel. Die Sumpfblume, da gab es immer großartige Sumpfe-Abende. Und im Regenbogen war ich super oft. Da gab es eine Zeit lang Hip-Hop-Jams.

Zum Beispiel die „Doing-It-Funky“-Jams.

Casper: Genau. Das war total super, weil die immer genau die Gruppen geholt haben, die man zu dem Zeitpunkt unbedingt sehen wollte. Ich weiß noch, wie wir damals noch keine Ahnung hatten, wie Kool Savas aussieht, weil er bis dahin auch auf den Plattencovern nicht zu sehen war. Wir waren uns so sicher, dass das so ein riesiger Typ ist, der total gefährlich ist. Und dann hieß es irgendwann: Kool Savas kommt in den Regenbogen. Der Regenbogen hatte vielleicht Platz für 300 Leute, und an der Kasse hieß es, dass schon viel zu viele Leute drinnen sind. 300 passten rein, 500 waren drinnen. Die Leute standen auf der Theke, alles stand dicht gedrängt. Und dann kam Kool Savas auf die Bühne, und es war einfach - Kool Savas. Ein bisschen dünner als jetzt und mit Southpark-T-Shirt an. Und wir standen da alle und dachten: „Das ist der?! Ist ja unglaublich!“ Wir waren total fasziniert: „Der sieht ja aus wie wir!“ Das war noch ganz früh, da war, glaub ich, gerade „King of Rap“ draußen. Dann hat er gespielt, und diese Show war ein unfassbares Erlebnis. Aber das gilt für die ganzen Jams. MB1000 waren ja auch öfters da.

Und Azad und Samy Deluxe.

Casper: Bei Samy war ich auch. Diese Jams waren immer krasse Erlebnisse, bei denen ich dachte: Das ist genau das, was ich machen will.

Hast Du auf diesen Jams schon an Open-Mic-Sessions teilgenommen?

Casper: Nee. Aber ich war ganz früher mal recht eng mit einer Gruppe aus Hildesheim verbandelt, die hieß „Kabelage“. Die waren total dicke mit MB1000 und Spax aus Hannover. Auf einer kleineren Jam habe ich mit denen auch mal ein bisschen Open-Mic-Session gemacht. Aber ich hab’s leider nie auf die Doing-it-Funky-Jam geschafft. (grinst) Gibt’s die eigentlich noch?

Leider nein.

Casper: Ich weiß noch, wie man früher immer etwas Angst hatte, wenn die Berliner gekommen sind. Auf einer Jam sind plötzlich Ziegelsteine durch die Fenster in den Raum geflogen. Und die Maler hatten die Hall of Fame komplett übermalt, Barrikaden aufgebaut und alles Mögliche angezündet. Und wir so: „Oh, Gott, was ist denn mit den Berlinern los?“ (lacht) Die haben da richtig Krawall gemacht, da gab’s richtig Ärger.

Aber ich glaube, es war einfach eine andere Zeit. Man ist mittags zur Jam, hat sich die Breaker angekuckt, dann ist man zur Hall of Fame gefahren, hat sich die Sprüher angesehen, und abends ist man wieder rüber, hat ein paar Bier getrunken und sich die Rapper angekuckt. Zwischendurch gab es DJ-Action. Das waren einfach andere Zeiten. Heute gibt es das „Battle of the Year“ für die Breaker, „ITF“ und so für die DJs, und die Rapper geben Konzerte. Es ist nicht mehr dieses Unity-Ding.

Erinnerst Du Dich noch an Deinen Gastauftritt in der Hamelner Hip-Hop-Show „…vom Feinsten“ bei Radio Aktiv?

Casper: Nur noch vage. Ich weiß gar nicht mehr, was wir da gemacht haben. Es gab in Hameln eine Gang (Straight Spittin‘; Anm. d. Red.), bei der ein Kumpel von mir gerappt hat, der sich NDK nannte. Den habe ich übrigens letztes Jahr plötzlich auf dem Melt-Festival wiedergetroffen. Kann aber auch sein, dass das damals mit Cyrus (ebenfalls Straight Spittin‘; Anm. d. Red.) aus Groß Berkel war, der auch Beats für „Hin zur Sonne“ gemacht hat. Leider habe ich zu ihm komplett den Kontakt verloren. Aber vielleicht liest er das hier ja. (verschmitzt)

Also hat Hameln in Deiner Hip-Hop-Sozialisation schon eine Rolle gespielt.

Casper: Die waren halt sehr aktiv in der Gegend und haben super viele Sachen veranstaltet, also von daher schon, ja.

Was fällt Dir zu Bösingfeld ein?

Casper: (Überlegt lange) Langeweile! (lacht) Es ist immer so: Ich sitze hier in Berlin und hab den ganzen Tag, so wie heute, fünf Termine und zig Sachen auf der Uhr. Dann sage ich mir: Ich fahre mal wieder für ’ne Woche nach Bösingfeld! Dann sitze ich in der Bahn, hab richtig Bock und freue mich darauf, meine Eltern wieder zu sehen und auf die totale Ruhe und hab das alles total romantisch im Blick. Aber nach zwei Tagen fällt mir schon wieder die Decke auf den Kopf. Das ist dann echt schon wieder zu ruhig. Selbst wenn ich mir eine Woche vornehme, bin ich meistens nach zwei, drei Tagen wieder weg.

Und was fällt Dir zu Rinteln ein?

Casper: (Sofort) Die Rintelner Messe! Schon als ich ganz klein war, war das immer die Pilgerfahrt. Da war man immer mit den Eltern und Großeltern, hat Bratwurst gegessen und rumgekuckt. Das hat sich auch durch die Jugend gezogen, es ging immer zur Rintelner Messe: super Veranstaltungen!

Wie aus dem Titelsong Deines Albums hervorgeht, hast Du ein zwiespältiges Verhältnis zum einerseits geliebten, andererseits verdammten Hinterland. Was ist liebens-, was verdammenswert am Leben in der Provinz?

Casper: Ich hatte letztens erst ein Gespräch mit einem Kumpel, der mit seiner Frau ein Kind erwartet. Ich meinte, ich könnte niemals ein Kind in Berlin großziehen. Das stelle ich mir einfach abwegig vor, weil ich es ja nicht kenne. Ich weiß nur, wie es ist, auf dem Dorf aufzuwachsen. Und da hat man ja mehr so dieses Beschauliche, hat mehr oder weniger Haus und Garten und einen Wald in der Nähe. Vor allem in Bösingfeld. Da kann man dann die Hohe Asch hochfahren, und es sieht alles spitze aus. Man ist eben recht wohlbehütet, und das mag ich. Ich weiß noch, wie ich mit Freunden das erste Mal von Bösingfeld aus nach Bielefeld gefahren bin. Das war für mich die große böse industrielle Stadt, vor der ich auch etwas Angst hatte.

Was verdammenswert ist: Wenn du zwischen 14 und 19 Jahre alt bist, da aufwächst und das Gefühl hast, am Arsch der Welt zu sein. Ich hatte auch nie einen Führerschein, also war ich immer viel auf Freunde angewiesen, die einen rumfahren. Man hat das Gefühl, dass sich nie etwas verändert, es nie weitergeht. Ich weiß noch, dass wir damals versucht haben, einen Skatepark zu bekommen. Aber der Bürgermeister sagte: „Ach, wir brauchen keinen Skatepark! Was wir brauchen, sind neue Blumenkübel vorm Rathaus!“ Ich habe den Eindruck, dass dort wenig für Jugendliche getan wird, sondern eher etwas für Ältere. Da sind dann Sachen für den Schützenverein wichtiger als ein Jugendzentrum. Das fand ich immer ganz fürchterlich.

Also einen Skatepark gab es dann nicht mehr?

Casper: Den gibt’s bis heute leider nicht. Wir haben zwar dafür gekämpft, weil es ja auch immer hieß: Jeder kann ins Rathaus gehen und da etwas vorschlagen. Aber ich hab das Gefühl, dass die Jugend in solchen Dörfern bewusst etwas außen vor gelassen wird. Ich meine, da gibt es zwar ganz viel für Kinder, auch so einen Klub, und ganz viel für Erwachsene. Aber sich um die Jugend zu kümmern, das wird außen vor gelassen. Das fand ich immer schade. Man hatte immer so ein Grundgefühl von Ratlosigkeit, ich zumindest.

Du kennst ja beides: Worin unterscheidet sich das deutsche vom amerikanischen Hinterland?

Casper: (Überlegt) Natürlich unterscheiden sie sich landschaftlich und kulturell. Aber die Gesinnung in so Käffern ist immer die Gleiche. Das Gefühl, dass die Stadt so böse und gefährlich ist, hat man ja nur, weil in der Stadt alles offenliegt. Wenn man jetzt hier einmal die Straße runterläuft, dann siehst du Obdachlose vorm „Kaiser’s“ sitzen. Dann gehst du durch den Park und wirst auch mal auf Drogen angehauen. Das liegt einfach alles offen. Und das ist es, was ich an Dörfern so absurd und gefährlich, aber auch interessant finde: Wie immer die Fassaden gewahrt werden. Jeder hat ein total schönes Haus, der blumige Vorgarten ist gepflegt. Und wenn Schützenfest ist, kennt jeder jeden, alle grinsen und umarmen sich, aber jeder weiß dann doch, was bei dem andern so im Argen liegt. Der geht fremd, der schlägt seine Frau, und die Kinder machen dies… Aber nach außen zeigt man immer die schöne Fassade. Ich glaube, in der Stadt ist das alles einfach mehr so „ins Gesicht“. Das finde ich bedrückend und interessant, faszinierend und abstoßend zugleich.

Deine Videos zu „Hinterland“ sind bislang allesamt mehr oder weniger in der amerikanischen Provinz gedreht worden. Die Intro schrieb im Interview mit Dir vom „romantisch verklärten Blick (der Deutschen) auf das US-Hinterland“. Kam das Extertal für Dich deshalb nicht für Videodrehs infrage?

Casper: Na ja, es ging einfach mehr um die Landschaft und um das Gefühl, das man transportieren wollte. Das hat nichts damit zu tun, dass ich von Deutschland aus romantisierend auf Amerika blicke. Die Platte handelt eben auch ein Stück weit amerikanische Kultur ab. Ich habe dort viel Folk-Musik gehört, dieses Springsteenige und Dylan-mäßige, und das ist in der Form hier einfach nicht vorhanden. Außerdem wollte ich auch Sumpflandschaften und Pick-up-Trucks in den Videos haben. Klar hätte man sich davon auch hier viel zusammensuchen können. Aber da, wo mein Vater gerade lebt, in der Gegend von Mississippi/Louisiana/Alabama, da ist halt schon alles da. Da fliegt man einfach hin und fragt den Nachbarn: Hey, können wir mal dein Auto haben? Und Sumpflandschaften gibt es da auch. Außerdem konnte ich meinen Vater besuchen! (grinst) Das war sehr super. Die Drehs waren auch nicht komplett durchgeplant. Wir wussten ungefähr, was wir machen wollten, und sind dann mit den Kameras einfach rübergeflogen. Das hat sich alles sehr lebendig zusammengefügt. Es gab keinen strikten Shoot-Plan, bei dem man nur zehn Minuten für diesen oder jenen Set hat. Wir waren drei Wochen drüben und haben fünf Videos gedreht.

Das heißt, es erscheinen noch zwei.

Casper: Ja. Wir haben quasi einen Film am Stück gedreht. Die Videos kommen zwar nicht in dieser Reihenfolge raus. Aber wenn alle Videos veröffentlicht sind, und man die dann hin und herschiebt, ergeben sie einen Kurzfilm.

„Hinterland“ ist in diesem Jahr zu einem geflügelten Wort in der Hip-Hop-Szene geworden. Jüngst rappte etwa grim104 in seinem Song „Crystal Meth in Brandenburg“ über das Hinterland. Kannst Du Dich damit identifizieren?

Casper: Ich finde das sehr spannend, was er macht. Und wenn er das Wort meinetwegen benutzt hat oder es eine Anspielung auf mich sein soll, dann freut mich das.

Teilst Du seine Sicht aufs Hinterland?

Casper: Ich finde es immer sehr gut, wenn Missstände aufgezeigt werden. Ich höre ja auch sehr gerne politische Sachen. „Feine Sahne Fischfilet“ finde ich zum Beispiel total super, das ist eine sehr politisch denkende Band. Aber Casper sehe ich nicht als politische Figur. Ich glaube zwar, dass man hier und da raushört, wie ich zu Sachen stehe, aber ich vermische das immer ein bisschen. Ich hab auch etwas Angst davor, weil sobald man anfängt, solche Dinge in seiner Musik zu verwerten, wird man zu allen möglichen politischen Fragen der Welt hinzugezogen. Deshalb versuche ich, meine Sachen sehr persönlich und retrospektiv zu halten. Aber was der grim anspricht, das sehe ich voll.

Hast Du sowas erlebt?

Casper: Na ja, es gibt halt immer auch diese Dorf-Nazis. Das gibt’s überall, glaub ich. Und da ich zwei afroamerikanische Schwestern habe, ist das natürlich ein Thema gewesen. Aber es war nicht allgegenwärtig. Ich glaube, das hat man in Brandenburg richtig krass. Aber ich glaube nicht, dass Ostwestfalen eine krasse Nazi-Hochburg ist. Es ist eher dieses grundkonservative Denken.

Wie hast Du eigentlich die Kurve gekriegt von Deinen straighten Rap-Alben hin zum eher genreübergreifenden Album „XOXO“?

Casper: Als ich auf der Bildfläche erschienen bin, war das ja für viele ein Bruch. Dabei hatte ich davor schon sehr lange so richtig Hip-Hop gemacht. Zuerst mit der Crew „Battledrones“, dann habe ich mit der Gruppe „Kinder des Zorns“ eine Platte gemacht („Rap Art War“; Anm. d. red.), und dann kamen „Die Welt hört mich“ und „Hin zur Sonne“. Irgendwann wollte ich meinen Horizont erweitern, einfach kucken, was noch geht. Ich habe das nicht gemacht, um kommerziellen Erfolg zu haben. Es war einfach so, dass ich auf das, was ich mit den letzten beiden Platten gemacht habe, richtig Bock hatte. Es ist eine neue Spielwiese. Bis dahin hatte ich mir zehn Jahre lang Beats ausgesucht und drauf geschrieben...

Es klopft. Ein Mitarbeiter von „Beat the Rich“ bittet darum, mit dem Interview langsam zum Ende zu kommen.

also das waren jetzt Projekte, auf die ich richtig Bock hatte und in denen ich mich ausgetobt habe. Im Moment bin ich wieder voll auf Hip-Hop. Ich schreibe die ganze Zeit Rap-Songs, mal kucken, was damit passiert. Ich sehe Musik als Spielwiese, auf der man sich austoben kann. Ich finde es schade, wenn Leute sagen: Das ist ja gar kein Hip-Hop mehr. Dann denke ich: Na, was ist denn Hip-Hop?! Ihr meint, Hip-Hop ist „Bumm-bumm-tschak“? Und ihr meint, Afrika Bambaataa ist der echte Rapper? Aber was er machte, das war Electro! Und wenn ihr meint, Grandmaster Flash ist Hip-Hop - das war Disco! Dass irgendwann Bumm-bumm-tschak „Hip-Hop“ wurde, das habt ihr euch irgendwann in eurer DJ-Premier-Mos-Def-Phase überlegt: Das ist jetzt das Paradigma. Aber wenn ihr mich fragt, dann ist Hip-Hop vielleicht eher so New-Orleans-Bounce-Zeug, Master P und Juvenile. Das, was ich in meiner Jugend die ganze Zeit gehört habe. Wo viele auch sagen würden: Nein, das ist kein echter Rap. Für mich ist Hip-Hop, Musik zu samplen und sie neu auszuarbeiten. So gesehen habe ich zuletzt einfach extrem viel Dylan gesamplet. Aber wenn man traditionelle Rap-Musik meint, dann bin ich da jetzt eher wieder dran.

Zwischen Anfang und Ende dieses Jahres liegen die Studioaufnahmen Deines Albums, zahlreiche Festival- und Club-Auftritte, Platz 1 der Album-Charts, eine Goldene Schallplatte und schließlich das „Zurück Zuhause“-Festival in Bielefeld. Wie fällt Dein Resümee für 2013 aus?

Casper: 2013 ging so schnell vorbei. Erst waren wir zwei Monate im Studio, dann kam die Promo-Phase, plötzlich kamen die Festivals, auf einmal kam die Platte raus, und jetzt sitzen wir hier. Für mich war 2013 anderthalb Monate lang. Ich bin gefühlt noch mitten im Februar. Für mich ist es schon ein Erfolg, dass wir die Platte überhaupt geschafft haben und dass wir nicht von dem abgewichen sind, was wir machen wollten. Natürlich wurde diskutiert, es war eine umstrittene Platte. Aber was für Bestmarken wir damit erreicht haben, ist halt Irrsinn. Als die ersten Zahlen reinkamen, und die Platte nach anderthalb Wochen Gold ging - da gab es so einen Wirbelwind an Aufmerksamkeit, das lässt sich schwer erklären. Als 2011 „XOXO“ rauskam, und ich am Ende des Jahres auch gefragt wurde, wie ich das Jahr empfunden habe, hätte man mich das eigentlich 2012 fragen müssen. Erst dann hatte ich es verarbeitet und mir wurde bewusst, was wir alles geschafft haben. Und das wird jetzt auch wieder so sein. Das wirkt immer so, als würde man sich nicht so sehr freuen, dabei freue ich mich sehr. Aber wir sind in so einer Maschine. Es ist keine, die einen zermalmt, sondern wir leiten diese Maschine. Es gibt keine Zeit, sich hinzusetzen und sich selber durchzufeilen.

Was bedeutet Dir das „Zurück Zuhause“-Festival in Bielefeld, wo Du ja auch länger gelebt hast?

Casper: Das ist für mich tatsächlich immer das Nach-Hause-Kommen des Jahres: Man lädt Freunde ein und super Bands und spielt eine Show. Ich freue mich auf Dagobert, Feine Sahne Fischfilet, Alligatoah - das sind super Bands, die ich unbedingt sehen will. Außerdem spielen wir in dem Laden, in dem ich früher gearbeitet habe (Ringlokschuppen; Anm. d. Red.). Das ist eine Mischung aus Nostalgie und etwas Genugtuung. (grinst) Danach die After-Show-Party mit Familie, Freunden, allen Bands, und einfach bis morgens trinken und sich freuen, dass es ein tolles Jahr war - zum Glück. (klopft dreimal auf den Tresen)

Danke für das Gespräch.




Mehr Artikel zum Thema
Kommentare