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Costa "Illmatic" Meronianakis - „Ich bin Grieche – haste mal ’n Euro?!“

Bad Pyrmont/Emmerthal. Er ist der erklärte Lieblingsrapper von Moses Pelham, stand mit Sabrina Setlur für Michael Jackson als Vorgruppe auf der Bühne, hat mit dem „King of Rap“ Kool Savas in nur 24 Stunden ein Album aufgenommen, und ist heute vor allem als Song- und Ghostwriter aktiv. Zurzeit erarbeitet er sich ein zusätzliches Standbein als Stand-up-Comedian, zum Beispiel im Quatsch Comedy Club. Angefangen hat für Costa Meronianakis alias Illmatic jedoch alles in seiner Geburtsstadt Bad Pyrmont.

veröffentlicht am 02.06.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 08.04.2018 um 14:57 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Costa Meronianakis ist auf der Durchreise. Am Pfingstmontagabend sitzt er in Emmerthal auf der Terrasse des Mykonos-Grills seiner Eltern in der Sonne und bestellt mit seinem Smartphone noch eben Karten für das Konzert der Hip-Hop-Megastars Kanye West und Jay-Z: in Frankfurt am Main, wo er selbst seit 1996 lebt.

Meronianakis ist müde, kommt gerade aus Berlin. Eine lange Autofahrt und ein noch viel längeres Wochenende liegen hinter ihm. In der Hauptstadt trat er zum wiederholten Male beim Quatsch Comedy Club auf. „Leider fielen diese Auftritte auf das Pfingstwochenende, an dem meine alten Freunde aus Bad Pyrmont und ich traditionell unseren Pfingstausflug machen“, erklärt er. „Also verbrachten wir dieses Pfingsten einfach in Berlin.“ Seine Freunde sahen ihm abends bei seinen Auftritten zu, nachts wurde gemeinsam gefeiert und tagsüber die Stadt erkundet. Erst vor wenigen Minuten haben sie den 39-Jährigen in Emmerthal abgesetzt. Sie – das ist der Nation Clan. Mit dem in den 80ern alles begann. In Bad Pyrmont.

Damals wurden Rapper noch komisch angekuckt. Noch mehr als heute. Die Platten aus dem Hip-Hop-Mutterland Amerika waren hierzulande rar, deutsche Hip-Hop-Magazine gab es nicht, und um sich dem damaligen Chic der Szene entsprechend zu kleiden, musste improvisiert, die Hosen etwa einfach etwas größer gekauft werden.

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  • Costa Meronianakis alias Illmatic (r.) mit seinem Vater Michael und seinem Bruder Sacho vor dem Familienbetrieb in Emmerthal. Foto: pk

In dem einige Jahre älteren Dimitrios „Dimi“ Kiriakidis fand der 13-jährige Meronianakis nicht nur einen Freund, sondern auch einen Mentor, der ihn und seine Freunde vor allem in Breakdance einführte. Es folgten erste Auftritte, bei denen Meronianakis & Co. die Bekanntschaft mit in Hessisch Oldendorf stationierten amerikanischen Soldaten machten. „Die haben gerappt, und bald traten wir gemeinsam auf. Wir tanzten zu ihrer Musik“, erzählt er.

Nebenbei fing er selber an, zu schreiben, vor allem auf Englisch, aber immer auch schon auf Deutsch. Und obwohl sich Hip-Hopper einander damals noch deutlich leichter als heute an ihrem Outfit erkennen konnten, dauerte es vier Jahre, bis Meronianakis auf Sven Schipper und damit auf einen anderen Rapper traf – und das im beschaulichen Bad Pyrmont. Der Dritte im Bunde, Carsten Rudloff, machte den DJ – und damit hatte Bad Pyrmont seine erste Rap-Crew mit rund zwei Dutzend weiteren Tänzern, Rappern und Sängern im Schlepptau: den Nation Clan.

Nation Clan – weil es, wo immer die Truppe, bestehend aus Griechen, Mazedoniern, Bosniern, Türken, Deutschen und so weiter, auftauchte, hieß: „Da kommt wieder die Multikulti-Crew!“ „Das hat irgendwann genervt. Also nannten wir uns Nation Clan. So waren wir nicht mehr viele Nationen, sondern DIE Nation!“, erzählt Meronianakis. „Wir haben damals eine richtige Bewegung losgetreten.“

Es folgte Auftritt auf Auftritt, zuerst auf Stadtfesten in Bad Pyrmont, Hameln und Bad Münder, bald auch in Clubs in Paderborn, Bielefeld und Kassel. Die Pyrmonterin Liz Renner stellte den ambitionierten Nachwuchskünstlern unentgeltlich ihr Tanzstudio in der Brunnenstraße zur Verfügung, wo sie vor großen Spiegelwänden ihre Choreografien einstudieren konnten. „Das war eine super Unterstützung“, erinnert sich Meronianakis. Das Ergebnis schlug sich im Preisgeld gewonnener Tanzwettbewerbe nieder, das prompt in Equipment investiert wurde. Auf einem Vierspurgerät entstanden die ersten Songs.

Doch gerade, als der Nation Clan so richtig an Fahrt gewann, musste der inzwischen 18-jährige Meronianakis zum Militär nach Griechenland. Dazu war er als Erstes von vier Kindern verpflichtet – wenn auch als im Ausland lebender Grieche nur für sechs Monate. Trotzdem: „Das war hart.“

Zurück im Weserbergland, kannte man ihn plötzlich. „Die Tapes, die wir zuvor aufgenommen hatten, hatten die Runde gemacht. Und dann ging alles sehr schnell.“ Meronianakis lernte den Produzenten Sascha „Busy“ Bühren aus Bad Oeynhausen kennen, der heute bundesweit die erste Adresse für Audio Mastering (Silbermond, Unheilig etc.) ist, aber schon damals ein recht professionelles Tonstudio hatte, in dem etwa der damals noch minderjährige Curse aus Minden erste Aufnahmen machte. Busys damalige Gruppe, Blaque, suchte für ihr Bühnenprogramm noch Tänzer – und fand sie im Nation Clan. Schon bald tanzten sie nicht nur für Blaque, sondern nahmen in Busys Studio ihre eigene Musik auf und standen als Vorgruppe auf der Bühne. Meronianakis wurde immer öfter in Clubs ans Mikrofon gelassen und als „Hype man“ (Zweit-Rapper) engagiert.

In Hannover auf einem Konzert der 1994 noch relativ unbekannten Fugees, die gemeinsam mit Das EFX und dem noch jungen Rödelheim Hartreim Projekt (RHP) durch Deutschland tourten, hörte Meronianakis zum ersten Mal deutschsprachigen Rap, wie er ihn selbst auch machen wollte. „RHP rappten so ähnlich wie wir, hatten die gleichen Themen wie wir und waren reimtechnisch sehr ambitioniert“, erklärt Meronianakis seine Faszination. Zufällig kam er mit Wyclef Jean von den Fugees ins Gespräch und verabredete sich für weitere Shows in anderen Städten. In Hamburg war es dann, dass Meronianakis bei einem Auftritt von RHP sein Demotape auf die Bühne warf. Ein paar Wochen später hatte er eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter: „Ich habe zwar keine Ahnung, wer du bist, aber wir haben auf der Tour die ganze Zeit über dein Tape gehört. Mach weiter so!“, sagte Moses Pelham von RHP, der später das erfolgreiche Label 3P gründen sollte.

Die beiden blieben in telefonischem Kontakt, später besuchte Meronianakis Pelham in Frankfurt. „Das war Liebe auf den ersten Blick. Er hatte die gleichen Platten im Regal wie ich, wir flashten auf die gleichen Sachen, hatten denselben Humor, und bei ihm ging es genauso muktikulti zu wie bei uns“, erzählt Meronianikis. Von da an habe festgestanden: Wenn das Label 3P Wirklichkeit werden sollte, würde Pelham ihn unter Vertrag nehmen – „wenn ich dann noch fresh bin!“

Aber zunächst musste Meronianakis einen weiteren Dämpfer verkraften. Sein DJ Carsten Rudloff hatte ohne Absprache das Equipment des Nation Clan verkauft. Dabei störte ihn weniger die Tatsache, dass das Equipment auf einmal weg war, als der Umstand, dass plötzlich einfach Schluss sein sollte. Für ihn selbst kam es nie in Frage, mit der Musik aufzuhören. „Ich werde immer schreiben, das war mir schon damals klar“, sagt er rückblickend.

Doch wenn sich ein Türchen schließt, öffnet sich bekanntlich ein anderes. Er lernte den Produzenten Norman „Nasty“ Peter aus Hannover kennen, sie bekamen einen Vertrag bei Polydor und veröffentlichten eine Maxi unter dem Namen D-Zone, die allerdings ungehört verpuffte.

Nasty und C.O., wie sich Meronianakis damals nannte, machten unter dem Namen Illmatic weiter und produzierten Remixe von Sabrina Setlur für Moses Pelhams inzwischen Wirklichkeit gewordenes Label. Pelham wollte Illmatic bei 3P unter Vertrag nehmen, Meronianakis willigte ein und zog prompt nach Frankfurt am Main, aber Nasty winkte ab. Der Name Illmatic blieb allerdings an Meronianakis haften. „Dabei gefiel mir der Name eigentlich nie, aber mein bürgerlicher Name war immer zu lang für Rap“, sagt er.

Von Bad Pyrmont nach Frankfurt, das war für Meronianakis eine in jeder Hinsicht große Umstellung. Plötzlich stand er mit Sabrina Setlur in brasilianischen Stadien auf der Bühne, machte mit ihr die Vorgruppe von Michael Jackson. Quasi beiläufig wurde sein erstes noch komplett englischsprachiges Soloalbum „Illastration“ aufgenommen, mit dem er „nie ganz zufrieden“ war, zu wenig sei er am Entstehungsprozess beteiligt gewesen. Dem Erfolg tat das 1998 keinen Abbruch. Illmatic glänzte mit über 100 000 Mark teuren Hochglanzvideos, die auf dem Musiksender MTV auf „heavy rotation“ liefen.

Nur ein Jahr später erschien Album Nummer zwei. Auf „Still Ill“ waren jetzt auch deutschsprachige Raps zu hören. Meronianakis war noch hin- und hergerissen zwischen Deutsch und Englisch. Dass Idole wie Jay-Z seine englischen Raps bei einer gemeinsamen Tour offenbar feierten, machte ihm die Entscheidung nicht leichter. Dennoch fasste er nach „Still Ill“ den Entschluss, künftig nur noch auf Deutsch zu rappen. „Das geht mir selbst ja auch so: Warum sollte ich englischen Rap aus Deutschland hören, wenn ich auch das Original aus den USA haben kann?“

Das dritte Album, „Brillant“, sollte im Jahr 2003 erscheinen, landete kurz vor der Veröffentlichung jedoch im Internet. „Also cancelte ich den Release, denn wer hätte das Album nach 100 000 Downloads in nur einer Woche noch kaufen sollen?!“

Nur drei Monate später überraschten Illmatic und der selbst ernannte und in der Szene als solcher anerkannte „King of Rap“ Kool Savas mit einem gemeinsamen Album, das in nur 24 Stunden aufgenommen wurde und die deutsche Hip-Hop-Welt in Begeisterung versetzte.

In den Jahren 2004 und 2006 veröffentlichte er die Alben „Officillz Bootleg“ Vol. 1 und 2, auf denen sich Songs von „Brillant“, aber auch neue Tracks befanden. Inhaltlich trieb Illmatic hier das auf die Spitze, was er schon immer getan hatte: humorvolle und battlelastige (engl.: battle=Kampf), also wettbewerbsorientierte Texte mit einem ausgeprägten Hang zur Übertreibung, energisch vorgetragen von einer kratzigen Stimme, aus der vor allem Herzblut, aber auch jede Menge Spaß sprechen.

Zum Lachen hat Meronianakis seine Mitmenschen schon immer gerne gebracht. Nachdem er seinen Sinn für Humor auf „Officillz Bootlegs“ mit „Ali“ und „Stavros“ personalisierte, „wollte plötzlich jeder zweite Rapper ein Intro von mir. Dabei wollte ich doch rappen!“, erzählt er lachend. Inzwischen ist daraus neben der Musik und dem Sprechen von Hörspielen ein weiteres Standbein geworden. Sein erster Satz, wenn er heute die Comedy-Bühne betritt, lautet: „Hallo, ich bin Grieche, haste mal ’n Euro?!“

Für die Zukunft hat Illmatic ein weiteres Soloalbum angekündigt. Vorab soll ein Album mit dem Frankfurter Rapper Gregpipe erscheinen, verrät er. Und eines Tages auch das seit Jahren angekündigte gemeinsame Album von Illmatic und Moses Pelham: „Illz & Mo“. „Wir sprechen jeden Tag darüber und haben schon alle Songtitel“, sagt Meronianakis. „Nur aufgenommen haben wir noch nichts.“

Zu Musik von Illmatic geht es über www.3-p.de/videos-illz. Als Comedian ist er auf www.youtube.com/user/RebellComedy zu sehen.

 




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