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Wie aus einem hochbegabten Schulabbrecher der Rap-Star Curse wurde

Curse - Verflucht, ein Rapper zu sein?

Minden/Dortmund. Curse (34) zählt zu den besten Rappern des Landes. Daran hat sich auch drei Jahre nach seinem Ausstieg aus dem Rap-Geschäft nichts geändert. Erarbeitet hat er sich diesen Status von Minden aus. Heute lebt er in Wien, arbeitet als „systemischer Coach“ und Songwriter. Seit Neuestem steht er gelegentlich wieder auf der Bühne. Redakteur Philipp Killmann gab er auf dem Ruhr-Reggae-Summer-Festival in Dortmund eines seiner selten gewordenen Interviews.

veröffentlicht am 15.06.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:29 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Als der Rapper aus Minden gegen 20 Uhr die Bühne betritt, entleeren sich die Wolken, die schon den ganzen Tag über tiefgrau über dem Festivalgelände hingen. Im kalten Regen, der ihn, mit über den Kopf gezogener Kapuze, nicht zu stören scheint, gibt Curse (engl.: Fluch; beziehungsweise eine Verbalhornung seines Englisch ausgesprochenen Nachnamens Kurth) seine Klassiker zum Besten. Bevor er „Und was ist jetzt“ anstimmt, erinnert er, spürbar betroffen, an den Produzenten dieser gewaltigen Ballade, an seinen Freund Patrick Ahrendt, der Anfang letzten Jahres viel zu jung an Krebs verstarb.

Ein paar Songs später wenden sich etliche Köpfe plötzlich von der Bühne ab dem Himmel zu, an dem ein riesiger Regenbogen aufgetaucht ist. Curse rappt den ebenfalls von Patrick Ahrendt produzierten Song „Wenn ich die Welt aus dir erschaffen könnte“ zu Ende und sagt anschließend, vom Anblick der Himmelserscheinung selbst ganz ergriffen, in Richtung Regenbogen: „Das ist Patrick!“ Mehr Curse geht nicht.

Denn genau so setzt sich Curse’ Programm zusammen: aus unbestreitbarem Geschick am Mikrofon, offenkundiger Disziplin, thematischer Vielseitigkeit (von klassischen Rap-Themen über Liebe zu Gesellschafts- und Existenzfragen) und einer gehörigen Portion Pathos. Aus diesen Gründen gilt er als einer der besten Rapper des Landes. Bis heute. Und das, obwohl er das Rap-Geschäft vor drei Jahren offiziell an den Nagel gehängt hat. Nach fünf Alben und über zehn Jahren im Musikgeschäft hatte er keinen Spaß mehr an Rap, probierte sich, fernab vom Rampenlicht, in anderen Genres mit seinem Projekt „The AchtungAchtung“ aus.

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  • Pathos gehört zu Curse’ Programm: Und so kam der Regenbogen während seines Auftritts in Dortmund wie gerufen. Foto: pr.

Auftritte von und Interviews mit Curse sind seitdem selten. In Dortmund tritt er als einziger Rapper unter Reggae-Musikern auf. Anderthalb Stunden später, es ist 22.30 Uhr, empfängt er die Heimatzeitung vorm Pressebereich mit einem Bier, das er verschmitzt aus seinem Rucksack zaubert: „Das ist mein Gastgeschenk“, sagt er grinsend. Im luftigen Cateringbereich resümiert der 34-Jährige seine Entwicklung – von der Weser bis an die Donau.

So leg’ ich mich schlafen zu Nieselregen und wach auf zu Niederschlägen / Seh’ Graupelschauer auf Dauer des Wiehengebirges wegen / Emcee’ deswegen nie sonnig und unbefangen, sondern wie von Dunst behangen / somit bleibt ein Teil meiner Worte unverstanden - Curse „Weserwasser“ (2000)

Anfang der 80er Jahre in Petershagen-Lahde, nördlich von Minden: Der kleine Michael Sebastian Kurth, so Curse’ bürgerlicher Name, ist ein Außenseiter, verbringt viel Zeit allein, „weil ich den Draht zu den andern Kindern nicht fand / Schon in jüngsten Jahren fühlte ich mich wie ein Mutant im Menschengewand / Ich lief ständig nur vor die Wand voller Unverständnis und Angst / weil ich anders war als die anderen und es damals noch nicht verstand“, rappt Curse in „Mein Leben“ (2005).

Die Andersartigkeit, so wird es ihm schließlich attestiert, besteht unter anderem darin, hochbegabt zu sein. In der Grundschule überspringt er eine Klasse – „das habe ich auf dem Gymnasium dann wieder wettgemacht“, schiebt Curse lachend hinterher.

Zuflucht findet er, wie so viele, denen in irgendeiner Form das Gefühl von Rückhalt fehlt, im Hip-Hop. „Ich habe angefangen, Rap zu hören, und das war einfach ein Schlag in die Fresse: Michael Jackson und Rap-Musik – das war’s. Da war die Sache einfach geklärt.“ Rap-Platten, Informationen über Hip-Hop allgemein, sind damals rar. Michael Kurth studiert das wenige, das es gibt, bis ins Detail und weiß von da an: „Ein Leben außerhalb von Rap-Musik, das war Plan B.“ Und in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Arzt zu werden – „das war nie eine Option“. Zweifel hat er zwar weiterhin. Aber nicht daran, ein guter Rapper zu sein.

Seinen ersten Auftritt hat er 1992 mit 13 Jahren auf der Bühne der „Einfach-so-Show“ auf dem Stadtfest in Minden. Bei dieser Gelegenheit lernt er den älteren Sascha „Busy“ Bühren aus Bad Oeynhausen kennen, der sich als DJ und Musikproduzent bereits einen Namen gemacht hat. Zahlreiche Telefonanrufe später – Kurth will Busy unbedingt im Studio besuchen – ist es so weit, Busy lädt ihn ein: „Ich habe dann einfach einen weggespittet (gerappt; Anm. d. Red.), kam aus der Kabine und alle so: ,Okay. Der Typ muss was machen!‘“ Die beiden freunden sich an, nehmen immer mal wieder zusammen auf, aber einen gemeinsamen Nenner haben sie musikalisch zunächst noch nicht. „Busy war schon immer sehr auf R’n’B, und seine Sachen waren sehr smooth. Ich war aber 14 Jahre alt und hatte so eine jugendliche Maul-auf-Energie.“

Ein Ventil für diese Energie findet er bei der Petershagener Hardcore-Band „Phat Kicks“ (aus der später die Band „Treadmill“ hervorgeht), mit der er Anfang der 90er Jahre vor allem in Schaumburg auftritt und sogar eine CD veröffentlicht: „Straight outta Broketown“.

Unterdessen nimmt Busy ihn mit in Discos, wo Curse, der sich damals noch Mic Genius nennt und noch auf Englisch rappt, an Open-Mic-Sessions teilnimmt. Als er in Minden Lord Scan, Italo Reno und Germany (später: Der Klan) kennenlernt, besucht er erste Hip-Hop-Jams im Umland, unter anderem in Hameln, und sammelt weitere Bühnenerfahrung. Mit Lord Scan veranstaltet er 1996 im „FKK“ die erste Hip-Hop-Jam Mindens.

Während die Musik immer mehr Form annimmt, wird die Schule immer weniger wichtig: Plan B eben. Nach der 10. Klasse bricht er die Schule ab. „Das deutsche Schulsystem und ich sind einfach keine Freunde geworden“, sagt er im Interview mit jds-rap-blog.de. „Über einige Ecken haben meine Eltern dann jemanden von einem College in Amerika kennengelernt, an dem du auch ohne Abitur studieren konntest, sofern du deren Aufnahmeverfahren bestehst. Das habe ich gemacht und mit 17 angefangen, in Amerika Soziologie, Literatur und Religionswissenschaften zu studieren.”

Am College der unweit von New York City gelegenen Kleinstadt Great Barrington, Massachusetts, eröffnet sich dem 17-jährigen Curse eine neue Welt:

Tanzen im Regen, statt Schlägereien und Klauen in der Mindener Innenstadt, stundenlang lesen und schreiben, statt im Unterricht mit Essen zu werfen, erzählt er. „Es war einfach eine komplette Realitätsverschiebung.“ Aber: „Ich hätte es nicht gemacht, wenn es irgendwo in North Carolina gewesen wäre. Ich wollte in die Nähe von New York.“ Natürlich wegen Hip-Hop. Zweimal im Monat fährt er am Wochenende mit Bus und Bahn in die Metropole. In dem legendären Plattenladen Fat Beats Records in Brooklyn macht er die Bekanntschaft mit dem dort angestellten Ill Bill von Non Phixion, er lernt El-P von Company Flow und Large Professor kennen, rappt bei Fat Beats oder auf Veranstaltungen der Zulu Nation. „So wurden die Leute auf mich aufmerksam“, erzählt er. „Ich war halt determiniert. Ich wollte das machen. Das war mein Leben.“ In den Semesterferien in Bad Oeynhausen nimmt er mit Busy ein Demo-Tape auf, nunmehr auf Deutsch rappend. Das Tape macht die Runde – und Curse die Bekanntschaft mit den Rap-Größen Stieber Twins, Cora E. und STF. „Sie haben mich oft zu Shows mitgenommen, mir Leute vorgestellt und krass Werbung für meine Sachen gemacht. Ich bin ihnen bis heute wirklich sehr dankbar.“

Während Curse in den USA sein Studium abschließt, geht Rap in Deutschland durch die Decke und mit ihm seine vorab aufgenommen Gast-Parts bei Toni L. („Rapresent“), Cora E. („Tracks ohne Refraingesänge“), den Stieber Twins („Tausend MC’s“), Der Firma („Aktionäre“) und der Rap-Supergruppe La Familia („Harte Zeiten“).

Ich überschwemm’ alle Schranken wie Weserufer / ,Kosengs‘ und ,Kosinen‘ lieben’s, als Soundtrack spiel’n sie mein Tape im Woofer / auf nassen Straßen an Tagen, wo alles grau ist / doch die Aussicht vom Wilhelm ist was Krasses, wenn mal der Himmel blau ist - „Weserwasser“

Zurück in Deutschland gibt es für Curse kein Halten mehr. Mit der Firma geht er auf Tour; in der ersten Jahreshälfte von 1999 erscheinen seine ersten beiden Maxis, in der zweiten die EP „Essenz“, alles bei Jive Records.

Im Jahr 2000 ist es so weit. Mit „Feuerwasser“ erscheint, ebenfalls über Jive, Curse’ Debütalbum, mit dem er sein Standing als ernst zu nehmender Rapper untermauert. Unterschwellig wird aber noch etwas anderes deutlich, ein Schwanken zwischen extremen Emotionen: „Als ich jünger war, schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Die Diskrepanz zwischen Songs wie ,Weserwasser‘ und ,Leavin’ Las Vegas‘ einerseits und ,Wahre Liebe‘, ,Entwicklungshelfer‘ und ,Schlussstrich‘ andererseits war riesig. Aber wie man auf den Alben ja hören kann, hat sich das immer mehr geeicht.“

Vom manisch-depressiven „Feuerwasser“ über das suchende „Von Innen nach Außen“ (2001), das politische „Innere Sicherheit“ (2003) und ausgereifte „Sinnflut“ (2005) hin zu dem unabhängigen Album „Freiheit“ (2008). Eine Freiheit, die nicht zuletzt in Zusammenarbeit mit rap-fernen Künstlern, wie Silbermond und Marius Müller-Westernhagen, zutage tritt. Es ist eine neu gefundene Leichtigkeit, die vielleicht nirgends besser zum Ausdruck kommt als in dem unbeschwerten Song „Gold“.

Bis zur Produktion von „Freiheit“ (2008) bleibt Curse in Minden wohnen – und zahlt dafür keinen geringen Preis. Im Gegensatz zu einer Großstadt kann Minden ihm nicht die Anonymität bieten, die der bis weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Rapper vielleicht gebraucht hätte. „Ich habe selten das Haus verlassen, hab sogar die Jalousien teilweise runtergehabt. Das hat mir irgendwann nicht mehr gut getan, denn ich bin eigentlich ein Mensch, der gerne rausgeht.“

Für „Freiheit“ zieht er nach Köln. Und vielleicht erarbeitet er sich mit „Freiheit“ auch die Freiheit, zwei Jahre später zu sagen: Ich rapp’ nicht mehr. Das Leben als Rap-Star behagt ihm nicht länger. „Früher hat sich mein ganzes Leben an Releasezyklen, Produktivität und Außendarstellung orientiert, was teilweise dazu führte, dass persönliche Sachen oder die Nähe zu mir selbst darunter litten. Jetzt haben sich meine Prioritäten gedreht. Diese Sachen sind mir das Wichtigste und alles andere ordnet sich dem unter.“

Inzwischen hat er sich mit The AchtungAchtung nicht nur musikalisch ausprobiert, sondern auch weitergebildet: zum systemischen Coach. Als solcher ist er Klienten, vom Geschäftsmann bis zum Musiker, bei Entscheidungsfindung und Problemlösung behilflich. „Ich bin mit 19 aus dem College gekommen und war seitdem Rapper. Meine intellektuelle Erziehung hat mit 19 aufgehört. Zwar habe ich weiter Bücher gelesen, aber ich hatte keinen richtigen Lernrahmen mehr. Das hat mir krass gefehlt, weil ich es liebe, neue Dinge zu lernen.“ Das spiegelt sich auch in seinen Interessen wider: Sie reichen vom Schwertkampf, für den er jahrelang zweimal die Woche von Minden nach Frankfurt am Main zum Training fuhr, über die israelische Kampfkunst Krav Magar bis zu Yoga und natürlich seiner viel zitierten (und belächelten) Vorliebe für fachgerechte Teezubereitung.

Mindestens glaub’ ich, dass Wetter Wesen beeinflusst / Im festen Eindruck, dass das Weserleben so sein muss / schreib’ ich weiter zeitlos Lyrics, meist aggressiv, aber deep / Wir haben alles von Silo-Siedlung zu Fachwerk, das der Japaner liebt - „Weserwasser“

In der Zwischenzeit hat er seinen Wohnsitz von Köln nach Wien verlegt und ist als Songwriter tätig für Rock-Gruppen wie die Killerpilze, Pop-Musiker wie Glasperlenspiel oder aufstrebende Sängerinnen wie Lary. Und plötzlich tritt er sogar wieder auf: in Freiburg, in Ulm, jetzt in Dortmund. Ein Comeback? Nur so viel: „Ich habe mittlerweile wieder Rap-Songs geschrieben.“ Fertig sei aber nur einer. Und geplant sei schon mal gar nichts. Und selbst, „wenn ich wieder ein Rap-Album machen würde: Ich weiß nicht, ob das was wäre, was klassische Curse-Fans krass abfeiern würden. Hör dir mal meine Radiosendung auf 1Live an (Donnerstagnacht, 24 bis 1 Uhr; Anm. d. Red.), dann weißt du, was für Musik ich feiere. Da läuft oft nur ein Rap-Song und dann 13 andere. Wenn ich ein Rap-Album machen würde, dann würde es wahrscheinlich so klingen. Nur halt mit Rap drauf.“

Seine knapp einstündige Show endet übrigens mit dem Song „Curse ist zurück“. Aber das hat natürlich nichts zu sagen.




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