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„Bückeburg im Nationalsozialismus“: Kaum erforschtes Kapitel der Stadtgeschichte

„Das Bild der Friedensinsel ist eine Fiktion“

Bückeburg (bus). In der Veranstaltungsreihe „400 Jahre Marktrechte“ ist jetzt das mit Abstand dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte behandelt worden. Der vom Chefredakteur unserer Zeitung, Frank Werner, in der Stadtbücherei gehaltene Vortrag „Bückeburg im Nationalsozialismus“ stieß auf derart enorme Resonanz, dass die Bestuhlung der Bücherei bei weitem nicht ausreichte. Das Interesse an der Aufhellung dieses Kapitels scheint also zu wachsen.

veröffentlicht am 24.04.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 08.11.2016 um 23:21 Uhr

„Wenn es unter Ihnen jemanden gibt, der eine Stadtgeschichte Bückeburgs im Nationalsozialismus schreiben möchte – er wäre der Erste nach 70 Jahren“, verdeutlichte der Referent das bisherige Schattendasein der Thematik. Die NS-Zeit stelle nicht nur den dunkelsten und am schlechtesten erforschten, sondern auch den am meisten verdrängten Abschnitt dar, welcher zudem in der Bewertung große Konflikte provoziere. Außer einer Handvoll wissenschaftlicher Aufsätze – Arbeiten von Dieter Brosius und Gerd Steinwascher zumeist – weise dieses Feld der Geschichtsschreibung nichts Nennenswertes auf.

„Das jahrzehntelang gepflegte Desinteresse der Historiker korrespondiert mit den fixen Vorstellungen über die NS-Vergangenheit, die nach 1945 in der Einwohnerschaft kursierten“, erklärte Werner. Im Nachkriegsbewusstsein vieler Bückeburger habe sich hartnäckig die Vorstellung gehalten, dass es in der Stadt eine Art „Nationalsozialismus light“ gegeben habe. Dass die Stadt (und Schaumburg-Lippe insgesamt) keineswegs einer „Friedensinsel“ glichen, belegte der Vortrag mit zahlreichen Beispielen.

„In weniger als einer Minute hatte eine Handvoll SA-Männer den Vorraum mit Ochsenziemern leer gefegt. Jammergeschrei und Wutgeheul der draußen angestauten Bürgerkriegsgarde, und dann klirrten eingeschlagene Fenster …“, zitierte der Referent aus den „Erinnerungen“ Karl Dreiers, der gemeinsam mit Friedrich Eggers und Karl Rösener das frühe Dreigestirn des Nationalsozialismus in Schaumburg-Lippe bildete. Das Zitat schildert eine Saalschlacht in der Gastwirtschaft Riensch in Evesen im Februar 1931.

Im Oktober 1931 wählten die Bückeburger die NSDAP zur mit Abstand stärksten politischen Kraft. Als Grund des frühen und dauerhaften Erfolges nannte Werner unter anderem die in der Stadt dominierende konservativ-nationalistische Grundströmung, die in hohem Maße anschlussfähig an das nationalsozialistische Lager war. Und: „In Bückeburg repräsentierte die NSDAP nicht die sozialen Ränder der Stadtgesellschaft, sondern ihre Mitte.“ Auf den vorderen Listenplätzen rangierten Honoratioren der Stadt.

Für die (bereits zuvor angefeindeten) mehr als 70 Bückeburger Juden brach 1933 eine Zeit der Ohnmacht und des Schreckens an. Die relativ selbstbewusste Haltung der jüdischen Geschäftsleute schwindet in den folgenden Jahren ebenso wie die Bereitschaft in der Bevölkerung, deren Protesten Gehör zu schenken.

Am 9. November 1938 geben Hitler und Goebbels das Startsignal zur „Reichskristallnacht“. Die Ermächtigungen zum Terror werden in Bückeburg nur zum Teil umgesetzt. Das Pogrom verlief, im Vergleich zu anderen Städten, relativ glimpflich. Gleichwie: Von den 71 Bückeburgern, die 1933 jüdischen Glaubens waren oder in der NS-Rassenterminologie als Juden galten, lässt sich in 24 Fällen der gewaltsame Tod in den Vernichtungsstätten des Ostens nachweisen. Frank Werner: „Das Bild der Friedensinsel ist eine Fiktion der Nachkriegsgesellschaft und eine Farce für die Opfer.“




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