weather-image
Mit der trauten Zweisamkeit ist es bei den Wasservögeln gar nicht so weit her

Das Eheleben der Enten

Eifersüchtig, eitel, streitlustig, dickköpfig erscheinen sie – dann aber auch wieder rührend treu, manchmal stoisch und wohl eher konservativ. Dass Donald Duck mit all seiner Verwandtschaft zu eben dieser Spezies gehört, ist da nur naheliegend: Enten sind eben auch nur Menschen – oder doch nicht? Das klären wir in einem neuen Teil unserer Tier-Serie.

veröffentlicht am 16.05.2018 um 19:52 Uhr
aktualisiert am 17.05.2018 um 13:30 Uhr

Herr und Frau Ente gehen schwimmen. Lange Ehen sind jedoch – anders als bei den Gänsen – nicht die Sache der Stockenten. Foto: dpa
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

HAMELN. Enten provozieren uns doch geradezu, sie zu vermenschlichen. Schließlich liefern sie uns so ungewöhnlich viel Anschauungsmaterial. Die weit verbreitete Stockente folgt uns bis in die Städte. Wo kein anderes Gewässer in der Nähe ist, machen sie es sich auch schon mal in größeren Brunnen gemütlich – oder sogar mal für zwei Nächte an einer Regenpfütze auf dem Dewezet-Parkplatz. Kurzum: Enten sind ständig in unserer Nähe. Also können wir sie beobachten. Etwa wie sie – betagten Eheleuten ähnelnd – paarweise durch die Gegend watscheln oder dümpeln. Oder wie Rüpel-Erpel eifersüchtig um eine Ente buhlen. Oder wie sie als Jungshorde – quasi ein gefiederter Vatertagsausflug – die Gegend unsicher machen. Oder wie die stolze Helikopter-Entenmutter ihre Kinderschar über vierspurige Straßen führt, weil dann doch mal wieder ein gutes Stück abseits vom nächsten Gewässer gebrütet wurde. Wenn dafür in der Hauptverkehrszeit alle Räder stillstehen müssen – was soll’s?

Doch was sagen Experten dazu, die ihre Tierbeobachtungen wohl nicht unbedingt mit Donald-Duck-Comics abgleichen? Sind Enten besonders menschelnde Vögel? „Das wäre mir noch nie so bewusst geworden“, wehrt Karl-Heinz Nagel, Vorstandsmitglied der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer, ab. Gleichwohl gebe es natürlich Tiere, die uns Menschen sympathischer seien als andere. „Das flauschige Hühnerküken ist uns lieber als der nackte junge Mauersegler.“ Zudem hätten sich die Enten nun mal an uns Menschen gewöhnt, werden sogar – eine unvernünftige Sitte – von ihnen gefüttert.

In so vielen Dingen sind die Enten dann aber auch wieder ganz anders als wir: Optisch zum Beispiel setzt Herr Erpel, nicht Frau Ente, die Akzente: Er trägt den Kopf in elegant glänzendem Dunkelgrün, mit einem adrett-weißen Halsring abgesetzt von der dunkelbraunen Brust. Die übrigen Federn sind zumeist hellgrau. Das Weibchen indes: eher unscheinbar in Brauntönen – kein Make-up, keine Accessoires. Immerhin: In der Mauser verliert der Erpel – etwa im Juni/Juli – sein Prachtkleid und wird für eine Weile den weiblichen Enten sehr ähnlich.

Genügsam: Ein Entenpaar macht nach einem Regenguss Rast an einer Pfütze auf dem Dewezet-Parkplatz. Foto: fh
  • Genügsam: Ein Entenpaar macht nach einem Regenguss Rast an einer Pfütze auf dem Dewezet-Parkplatz. Foto: fh
270_0900_94343_Logo_EinfachTierisch.jpg

Doch ob nun er oder sie hübscher aussieht: Geradezu rührend erscheinen Enten doch gerade im Duett. Als Paar. So innig – oder zumindest geduldig. Und bestimmt auch treu, oder? Nun: halbwegs – und auch nur in einem überschaubaren Zeitrahmen. Von Oktober bis Juni halten die Entenehen etwa, erklärt Nagel, Nabu-Vorsitzender in Wunstorf. Alte Ehepaare? Fehlanzeige. Enten führen Rockstar-Ehen.

Kurz nachdem die Erpel im Frühherbst ihr schickes Prachtkleid angelegt haben, beginnt die Balz. Die Erpel plustern sich auf, heben die Flügel, schütteln die Schwanzfedern und lassen ihren Kopf nach oben schnellen. Am Ende steht die mehr oder weniger verbindliche Verlobung mit einer hoffentlich beeindruckten Ente.

Doch in trockenen Tüchern ist die Ehe damit noch nicht. Zu Jahresbeginn sieht man nicht selten mehrere Erpel einer Ente folgen. Vielerorts sind die Männchen in der Überzahl, da brütende Weibchen leichter zum Beispiel Füchsen zum Opfer fallen. So werden nicht selten Enten schließlich von mehreren Erpeln begattet.

Sogar wahre – oh Schreck – „Massenvergewaltigungen“ durch Horden von Erpeln sind im Internet zu sehen – welche die Weibchen nicht überlebten. Und schon ist Schluss mit der niedlichen Vermenschlichung. Dass an diesem Phänomen sogar der Mensch schuld sei, weil dieser durchs Entenfüttern dafür sorgt, dass sich deutlich mehr Erpel als paarungsbereite Enten am Teich tummeln, wie es schon mal heißt, glaubt Thomas Brandt nicht. „Bei den Enten geht es oft ruppig zu“, sieht der wissenschaftliche Leiter der Schutzstation am Steinhuder Meer auch in der freien Natur. Tödliche Ausgänge indes habe er dort noch nicht beobachtet.

Allgemein sei es aber mit der Monogamie der Enten – anders als bei den Gänsen – nicht weit her. Einen Hinweis gebe darauf schließlich schon das so unterschiedliche Gefieder von Männlein und Weiblein. Sind die Eier gelegt, brütet das farblich schlichte Weibchen gut getarnt. Der auffällig bunte Erpel kann nun den Blick von Feinden auf sich lenken oder zumindest könnte er. Denn in der Regel verliert der Erpel in der Brutzeit bald das Interesse an Lebensabschnittsgefährtin und Nachwuchs. Er zieht lieber wieder in einer Jungshorde um die Gewässer. „Dann hat der Erpel viel Zeit“, weiß Brandt. Zeit auch, um gleich noch eine Partnerin zu finden. Denn schön aussehen würden die Erpel vor allem, „um Weibchen zu bekommen“, erklärt der Diplombiologe und -ingenieur.

Da haben wir’s also: Erpel sind Schweine. Aber lassen wir das mit den Vergleichen nun lieber …




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare