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Vor !00 Jahren wurde die legendäre Kleinbahn aus der Taufe gehoben

Das Eilser „Minchen“

BÜCKEBURG. Vor 100 Jahren, 1918, meldete in Bückeburg die Presse, dass für fünf Millionen Mark trotz der Kriegszeit die fürstlichen Neuanlagen der Bad Eilsener Kleinbahn mit ihrer 5,7 Kilometer langen Strecke mit sechs Haltepunkten fertiggestellt waren und dass an einem prächtigen Frühlingstag eine Eröffnungsfeier starten werde. Eine Eröffnungsfeier, die sich jetzt quasi wiederholt, denn am kommenden Wochenende feiert Bückeburgs Szenekneipe den 100. Geburtstag ihres Namensgebers: „ Minchen“ – übrigens der Spitzname der Frau des damaligen Fürsten zu Schaumburg-Lippe.

veröffentlicht am 25.07.2018 um 13:25 Uhr
aktualisiert am 25.07.2018 um 17:50 Uhr

Das „Minchen“ oder ET 204, das bis 1966 auf der Bahnstrecke fuhr. Repro: gp

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Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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In einem festlich geschmückten Sonderzug wurden auf Einladung der Hofkammer Vertreter der Behörden, der Kaufmannschaft, der Gastwirte und der Presse in das Bad gefahren, bei Wilhelmshöhe durch einen 100 Meter langen Tunnel. Nach den obligatorischen Reden und einem Rundgang durch die Räume der Badeanlagen und Kurhäuser wurden einige Herren mit fürstlichen Orden und Ehrenzeichen bedacht, um dann nach zwangloser Unterhaltung die Feierlichkeiten mit Rücksicht auf den Krieg zu beenden.

Im Laufe des Nachmittags im Mai 1918 hatte die Bahn 2500 Gäste zwischen Bückeburg und dem Bad hin- und zurückbefördert. Vorausgegangen waren viele Projekte, die schon in den 70er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts begonnen hatten. Führend in den Planungen war der Landesbaumeister Steinke, dem vor allen Dingen eine Güterverkehrsverbindung mit den Mindener Kreisbahnen am Herzen lag, während die Hofkammer die Beförderung von Renn- und Reitpferden, samt Verpflegung von der Offiziersreitschule in Hannover zum geplanten Rennplatz an der Landesgrenze zwischen Minden und Bückeburg und den Passagierverkehr im Vordergrund sah. 1919 folgte die Verlängerung nach Minden, die aber bereits 1922 aus Rentabilitätsgründen wieder eingestellt wurde. Beobachter hatten es bereits 1919 als kein gutes Omen gedeutet, dass der Fürst sofort nach der Ankunft in Minden „seiner Bahn“ den Rücken kehrte, und in sein Automobil stieg.

Bei der Bad Eilsener Kleinbahn waren ursprünglich vier Dampflokomotiven im Einsatz, und für die Personenbeförderung wurden gebrauchte Straßenbahnwagen angeschafft. Im Jahre 1918 kostete eine Fahrt 3. Klasse 25 Pfennige, für die 2. Klasse mussten 40 Pfennige bezahlt werden. Bei besonderen Veranstaltungen sollen bis zu 5000 Personen befördert worden sein. Schon 1918 wurde durch groben Unfug Jugendlicher ein Kiosk samt Fernsprechanlage zerstört. 1921 wurden zwei Akkumulatoren-Triebwagen mit Platz für 60 Passagiere in Betrieb genommen, die über Jahrzehnte hinweg „Eilser Minchen“ in der Bevölkerung hießen. Weltwirtschaftskrisen zwischen den Weltkriegen gingen auch nicht spurlos am Kleinbahnbetrieb vorüber, aber der Kurbetrieb in Bad Eilsen blühte immer mehr auf, sodass wirtschaftliche Schwierigkeiten aufgefangen werden konnten.

Der Fahrplan aus dem Jahr 1918.
  • Der Fahrplan aus dem Jahr 1918.
Das „Minchen“ auf der Brücke in Ahnsen im Jahr 1965. Repro: gp
  • Das „Minchen“ auf der Brücke in Ahnsen im Jahr 1965. Repro: gp
Ein Bretterschuppen: Der alte Ostbahnhof, dort, wo heute das “Minchen“ steht. Repro: gp
  • Ein Bretterschuppen: Der alte Ostbahnhof, dort, wo heute das “Minchen“ steht. Repro: gp

Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Kurbetrieb in Bad Eilsen eingestellt. Anfangs belegten Lazaretteinheiten die Kurhäuser. 1941 wurde das Bad durch den Rüstungsbetrieb Focke-Wulf Flugzeugbau beschlagnahmt und das „Minchen“ zum Beförderungsmittel für die dort Beschäftigten eingesetzt. Der Bahntunnel wurde als Luftschutzbunker eingerichtet. Im Jahre 1940 gab es eine Beschwerde der NSDAP in der Presse, dass in Jetenburg Einwohner wegen Knattern im Volksempfänger eine „Führerrede“ nicht hören konnten – hervorgerufen durch elektrische Einwirkung der Kleinbahn.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der erste britische Hohe Kommissar, Sir Sholto Douglas, Bad Eilsen als sein „Headquarter“ erkoren, das „Bad Eilser Minchen“ lief unter britischer Kontrolle. Schwere Baumaschinen, Weserkies und Zement „rauschten“ mit schweren Schnellzuglokomotiven teilweise mit mehr als 50 Stundenkilometer Geschwindigkeit über die Gleise und Brücken zum Bau des Flugplatzes Achum. Beobachter wundern sich noch heute, dass es zu keinem Unfall gekommen ist.

Gab es nach dem Krieg keine finanziellen Schwierigkeiten im Unterhalt der Kleinbahn – die britische Besatzungsmacht bezahlte ihre Schulden, und außerdem erbrachte der Personenbeförderungsverkehr beachtliche Einnahmen –, war die Hofkammer aber zu Beginn der 50er-Jahre doch gezwungen, Sparmaßnahmen einzuleiten. Im Jahre 1950 wurde an der Hannoverschen Straße der Ostbahnhof gebaut. Es kam hinzu, dass die alten Triebwagen nicht mehr den technischen Erfordernissen entsprachen – es mussten neue Triebwagen angeschafft werden. Die Hofkammer glaubte, mit dem Kauf einer gut erhaltenen E-Lok aus Gummersbach ein Geschäft gemacht zu haben, aber die Volt-Spannungen stimmten nicht überein, was vorher aus den Unterlagen nicht ersichtlich gewesen war, sodass nur der neue ET 204 voll einsatzfähig war.

Defekte Brücken und Straßenüberführungen mussten mit erheblichem Kostenaufwand ausgebessert und erneuert werden. Die britische Besatzungsmacht verlegte ihre Einheiten mitsamt Hauptquartier 1956 nach Mönchengladbach. Schon 1955 hatten die Briten Bad Eilsen geräumt, aber es gab keine Wiederholung des einstigen exklusiven Badebetriebes, in dem jährlich ein Gerhart Hauptmann Erholung gesucht hatte.

Wolrad zu Schaumburg-Lippe verkaufte „sein“ Bad an die Landesversicherungsanstalt. In Bad Eilsen brannte im November 1963 der Bahnhof Kurhaus ab. Bürgermeister Hofmeister schaffte es, nach Verhandlungen auch mit Nachbargemeinden wie Ahnsen für 220 000 Mark ein repräsentatives neues Bahnhofsgebäude errichten zu lassen, das mit Blasmusik und vielen Ehrengästen in Betrieb genommen wurde.

Während der Feier überraschte Philipp-Ernst zu Schaumburg-Lippe die Ehrengäste bei der Schlüsselübergabe mit der Mitteilung, dass er beabsichtige, Ende Mai des Jahres den Personenverkehr stillzulegen. Die Presse berichtete in dicker Überschrift: „Schildbürgerstreich: Bahnhof für vier Monate“. Alle Versuche des Bad Eilsener Bürgermeisters, die Bahn in eigene Regie zu übernehmen, scheiterten an den Kosten. Und an einem herrlichen Maientag im Jahre 1966 lud Hochfürstliche Durchlaucht zur letzten Fahrt des „Minchens“ ein.

Alle höheren Angestellten der Hofkammer, an der Spitze der Geheime Hofkammerrat Wolrad Schwertfeger, und viele Bückeburger saßen schon im blumengeschmückten Triebwagen, als Philipp-Ernst und Benita mit den Prinzen Georg Wilhelm und Alexander an den Händen die Bahnhofstraße entlangspazierten. An der Haltestelle in Ahnsen öffnete Philipp-Ernst die Schiebetüren und lud den dort stehenden Bad Eilser Bürgermeister Hofmeister zur letzten Fahrt ein. Der antwortete mit hochrotem Gesicht: „Ich mache die Fahrt mit einem lebenden Leichnam nicht mit!“




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