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Wechsel ziehen sich durch die Wälder

Das geheime Wegenetz der Tiere

HAMELN. Nicht nur der Mensch verfügt über ein ausgeklügeltes Verkehrsnetz, auch die Tiere im Wald haben ihre festgelegten Wege. Dabei kommen sich Mensch und Tier mitunter in die Quere. In unserer Dewezet-Serie „Einfach tierisch“ geht es heute um das „geheime“ Verkehrswegenetz des Wildes im Wald.

veröffentlicht am 09.05.2018 um 17:00 Uhr
aktualisiert am 10.05.2018 um 15:30 Uhr

Rehwild auf einem Feld am Ohrberg. Foto: fn/pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Der Mensch hat sich in der Natur ganz schön breitgemacht: Das zeigt sich schon beim Blick auf die Wanderkarten für den heimischen (und forstwirtschaftlich gepflegten) Stadtwald. Da tut sich ein eng gestricktes Wegenetz auf, in dem Forstarbeiter, Spaziergänger, Radfahrer und Wanderer ihre Strecken machen. Nicht kartiert sind die Wege, welche die Tiere benutzen. Das bedeutet aber nicht, dass es sie nicht gibt.

Wer sich etwa beim Pilzesammeln mal etwas abseits der angelegten Wege durch den Klüt bewegt, dem sind vielleicht schon einmal die schmalen Wege aufgefallen, die sich querfeldein durch den Wald ziehen. Sie sehen aus wie kleine Trampelpfade, kommen scheinbar aus dem Nichts und führen dann ins Nirgendwo. Das sind die Wege der Tiere, die sogenannten Wechsel von Schwarz- und Rehwild: Wildwechsel.

Aus dem Straßenverkehr bekannt sind die dreieckigen, rotumrandeten Warnschilder mit dem springenden Hirsch. Sie warnen vor Wildwechsel. Aufgestellt werden die Schilder nur an Stellen, von denen bekannt ist, dass es dort häufig zu Wildwechsel kommt. Und das liegt daran, dass die Wechsel, also die Wege der Tiere, oft älter sind als die Straßen, die dann dort angelegt werden – und den Tieren buchstäblich in die Quere kommen. „Das Wild war zuerst da“, sagt Jäger Alexander Voeth beim Pressetermin am Finkenborn. Teilweise sind die Wechsel jahrzehnte-, ja, sogar jahrhundertealt, merkt Voeth an. Er ist Jäger in einem Jagdbezirk im Hamelner Klütwald. „Die Wildwechsel übertragen sich von der einen Generation auf die nächste“, sagt Voeth.

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Den Weg zu den Feldern, wo sie vor allem in den Sommermonaten Futter finden, erschließen sie sich über sogenannte Wechsel – Wildwechsel (kleines Bild). Foto: fn/pk
  • Den Weg zu den Feldern, wo sie vor allem in den Sommermonaten Futter finden, erschließen sie sich über sogenannte Wechsel – Wildwechsel (kleines Bild). Foto: fn/pk

Die Wechsel führen vom Einstand der Tiere, also dem Bereich, in dem sie sich tagsüber aufhalten, zu den Feldern oder ihren im Wald gelegenen Nahhrungsquellen, wo sie fressen, und zurück. Dabei ist zwischen Winter- und Sommerwechseln zu unterscheiden. Im Winter halten sich die Tiere eher im Wald auf, wo sie dann Bucheckern und Eicheln finden, während die Felder in der kalten Jahreszeit wenig zu bieten haben. Im Frühjahr und in den Sommermonaten sind die Felder hingegen „wie ein gedeckter Tisch für die Tiere“, so Voeth. Raps, Mais und Weizen locken die Tiere aus dem Wald. Folglich sind die Wechsel im Sommer weniger gut sichtbar als im Winter oder in Regenzeiten. Oftmals bleibt das Wild im Sommer sogar im Feld in Deckung – und nutzt die Wechsel entsprechend weniger.

Um sicher an die Futterquelle und wieder zurückzukommen, bahnen sich die Tiere also auf bestimmten Pfaden ihren Weg. „Eine große Rolle spielt dabei neben der Nahrungsaufnahme auch der Wind, gerade beim Schwarzwild“, sagt Voeth. „Die Tiere wechseln in der Regel zumindest mit gutem halben Wind.“ Das heißt: Sie bewegen sich immer ein bisschen gegen den Wind, führt der Jäger aus. Auf diese Weise können sie riechend und hörend frühzeitig Gefahr, wie störende oder eben jagende Menschen, wahrnehmen und ihnen ausweichen. In der Region herrsche überwiegend Ost- oder Westwind, auch wenn sich die Windrichtung laut Voeth zugunsten einer Südausrichtung zunehmend ändere.

Die Wechsel der Tiere sind entsprechend ausgerichtet: am Wind. Auch in der Nähe von Wasserstellen lassen sich häufig Wechsel finden. „Die Nahrungsaufnahme ist das A&O“, sagt der Jäger. Von steilen Hängen hingegen, „an denen wir uns die Knochen brechen würden“, wie Voeth sagt, lassen sich die Tiere bei der Wahl ihres Weges nicht beeindrucken. Die Wechsel des Schwarzwilds sind sichtbarer als die des Rehwildes. Wildschweine treten oft in der Rotte auf, haben ein großes Gewicht, einen schwereren Gang und hinterlassen entsprechend Spuren. An unüberwindbaren Hindernissen, wie Gatter oder Zäunen, seien die Wechsel von Schwarz- wie Rehwild teilweise besonders gut sichtbar, Zwangswechsel genannt. „Das ist wie eine Autobahn“, sagt Voeth augenzwinkernd.

Genutzt werden die Wechsel nicht nur von Reh- und Schwarzwild. Auch der Fuchs- oder Waschbär macht sich die Wildwechsel gern zu eigen. Darauf deutet an diesem Tag im Klüt ein Knochen von einem Rehwild hin, den Alexander Voeth auf einem Wechsel entdeckt.

Am Samstag lesen Sie: Warum der Regenwurm so wichtig ist.




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