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Auf der Suche nach der indischen Seele: Eine Rundreise durch das winterliche Rajasthan / Indien wächst und wächst

Das Glück ist ein Plastikdrachen am Abendhimmel

Ein Mann, so erzählt Narenda Singh, während er auf der grünen Terrasse in seinem großen Garten sitzt und in die Hände klatscht, auf dass der Diener, aber pronto bitte, den Kaffee serviere, ein richtiger Mann also muss einen Traum haben, den er sich erfüllen kann. Und während er mich irgendwo im indischen Nirgendwo durch seine verspiegelte Sonnenbrille anguckt, weisen die Arme nach links und rechts: Dort ist eine Salzfabrik, hier wird gebaut – Wohnungen für Arbeiter, die einmal kommen sollen. Das Hotel steht, bald ist Eröffnung: „Wir sitzen an der Schnittstelle, zwischen den Fabriken, die Leute suchen Arbeit, Arbeit, Arbeit. Und touristisch gibt es hier ein Indien jenseits der Prospekte zu entdecken“, sagt Singh, während er seinen Kaffee schlürft und das Teleobjektiv des Besuchers begutachtet.

veröffentlicht am 20.03.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 26.03.2009 um 12:27 Uhr

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Im Sehnsuchtsland der Deutschen

Der Mann mit der Sonnenbrille und dem Lebenstraum hat recht: Indien wächst und wächst und wächst. Nicht nur in Bombay, wo die Preise für den Quadratmeter Paris und London längst überholt haben, auch in den Dörfern und auf den Straßen selbst wird gebaut, als gäbe es kein Morgen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit schießen in den größeren Städten Luxus-Wohnanlagen und Shoppingmalls in die Höhe, in den Zentren zieht die Beliebigkeit der globalisierten Konsumkultur ein – sichtbarer Ausweis eines Aufstieges einer Elite, die ihren Erfolg gerne ausstellt und dem Fernsehen die Bilder liefert, die vom Wachstum sprechen.

Vergessen werden dabei die Armen. Ein Bericht der Vereinten Nationen zur Armut in Indiens Städten stuft ein Viertel aller Stadtbewohner als arm ein, meldete die taz. Gut 23 Prozent der Städter leben in Slums. Tendenz: steigend. Das Leben in den dreckigen Elendsvierteln am Rande der Städte wird gerne ausgeblendet. Zwei- oder dreimal bringe ich auf meiner Reise das Gespräch auf den Film „Slumdog Millionaire“, der in den Slums von Bombay spielt, jedes Mal erhalte ich eine bestenfalls kurze Antwort.

Gottessucher und Gotteszweifler, Wissenschaftler und Wahrheitsforscher, Langzeithippies und Kurzzeitaussteiger – sie alle zog es seit jeher nach Indien, ins Sehnsuchtsland der Deutschen, wie es Heine einmal formulierte. Ich bin aus profaneren Gründen hier: Gerade im deutschen Winter ist Indien ein Paradies. 25 bis 30 Grad herrschen jetzt in einem Land, in dem Nettigkeit und Freundlichkeit keine Charaktermasken sind, sondern Eigenschaften, mit denen es sich leichter und gemeinsam durch das oft so schwere Leben gehen lässt.

3 Bilder
Das große Weltwunder: An der Träne aus Marmor macht sich ein buddhistischer Mönch ein Bild.

Viel braucht man ja sowieso nicht, vor allem nicht am Steuer eines Autos, erklärt mir Vinja, mein Taxifahrer, während er durch Agra braust: „Eine gute Bremse, eine gute Hupe und viel Glück – das muss reichen.“ Eine Stunde später stehe ich vor dem großen Weltwunder. Und egal, wie oft ich hier noch herkommen werde, das Taj Mahal ist bei jedem Wiedersehen ein schier überwältigender Anblick. Wer beim Anblick dieser „Träne aus Marmor“ nicht berührt ist von dieser ewig-schönen und unvergänglichen Pracht, der hat kein Herz.

Zum spirituellen Zentrum des Subkontinents

In Tundla warte ich neun Stunden auf den Nachtzug. 20 Cent für den Bahnhofsmitarbeiter sorgen dafür, dass der Wartesaal die meiste Zeit rattenfrei bleibt und ich eine Stunde schlafen kann. Es geht nach Varanasi, der am längsten ununterbrochen bewohnten Stadt dieser Welt, dem spirituellen Zentrum des Subkontinentes. Wer hier stirbt, durchbricht den ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, wer hier sein Leben aushaucht, kommt direkt ins Paradies. Aus dem ganzen Land treffen sich hier die Kranken und Schwachen, Alte und die Todgeweihte. Über 100 Treppen, die berühmten Ghats, warten darauf, dass sich morgens ein unendlicher Strom von Einheimischen in den Ganges wirft, um sich zu reinigen und das größte Wunder anzubeten, das die Welt täglich zu bieten hat: den Aufgang der Sonne. Doch im indischen Winter bleiben die Einheimischen daheim und die Ghats frei; auf jeden, der religiös anmutet, kommen fünf Boots-Touristen, die ihn fotografieren. Ärger gibt es nur am Manikarnika Ghat. Hier werden die Toten auf Scheiterhaufen verbrannt, anschließend wird ihre Asche in den Ganges gestreut. Deutlich wird mir zu verstehen gegeben, dass Fotografen nicht erwünscht sind.

Masseure und Friseure, Bettler und Betrüger, Priester und Scharlatane, meditierende Mönche, tobende Kinder, Wäsche waschende Frauen – am heiligen Fluss tobt das pralle Leben, das sich vornehmlich von Touristen nährt. Das Wasser ist von übelsten Keimen verpestet, verdreckt mit Kot und Abfall, zuweilen schwimmt eine Tierleiche oder ein toter Mensch vorbei – es stört niemanden. Für die Gläubigen reinigt und heiligt er – der Ganges ist Erlösung und ewiges Leben. In Varanasi gibt es 1500 Tempel und Klöster, in denen über 40 000 Mönche beten und arbeiten.

Masseure, Friseure, Bettler und Betrüger

Abends sitze ich auf dem Hoteldach und verarbeite die Eindrücke. Ein Junge auf einem Nachbarhaus bastelt sich aus Mülltüten einen bunten Drachen und lässt ihn steigen, höher und höher. Er lächelt. Dann geht die Sonne unter.




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