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„Splashdiving“: 2009 und 2010 gab’s noch WM-Edelmetall – heute gibt es keine Weltmeisterschaft mehr

Dem freien Fall ins Bodenlose fehlt das Ziel

Bückeburg (jp). Bis vor einem Jahr waren sie aus dem Bild des Bückeburger Bergbads nicht wegzudenken: Die Turmspringer beherrschten vor allem an heißen Tagen mit ihren akrobatischen Sprüngen in luftiger Höhe, mit ihren spektakulären Rückwärts- und Vorwärts-Salti, Schrauben, Cannonballs und sonstigen Flug-Kapriolen sowie den oft meterhohen Fontänen beim Auftreffen ins Wasser die Szenerie rund um das Sprungbecken und den Zehn-Meter-Turm. Und von Jahr zu Jahr schienen es mehr sprungverrückte Jugendliche zu werden, die sich Tag um Tag in ihren charakteristischen schwarzen Neoprenanzügen aus den verschiedenen Plattformen des Sprungturms im Badeparadies an der Birkenallee in die Tiefe stürzten.

veröffentlicht am 21.08.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 21:21 Uhr

Auch hohe sportliche Erfolge waren den Springern nicht fremd: Mehrere Weltmeistertitel holte der „Splashdiving-Niedersachsenkader“ – so der offizielle Name der Kerntruppe, die seit 2007 unter Anleitung von Teamleiter Thomas Stefener im Bergbad trainiert – nach Bückeburg. 2009 errang das Brüderpaar Malte und Lukas Kruse aus Dankersen bei der „Splashdiving World Championchip“ in Essen im Juniorenbereich einen Weltmeister- und einen Vize-Weltmeister-Titel. Platz eins, zwei und drei lauteten die WM-Platzierungen im Jahr darauf bei der Weltmeisterschaft in Würzburg für die Junioren-Springer Malte Kruse und Florian Brill sowie für Denise Gbur in der Damen-Wertung.

Doch in diesem Jahr scheint der Boom verebbt. Selbst an heißen Tagen, wenn sämtliche Becken und Wiesen des Bergbads vor Wasserratten und Sonnenanbetern förmlich überquellen, sieht man unter den schwindelfreien Völkerscharen auf dem Sprungturm nur noch vereinzelt schwarze Neoprenanzüge hervorglänzen. Und auch das reguläre Training des Niedersachsenkaders – bei gutem Wetter immer sonntags ab 15 Uhr – erlebt längst nicht mehr den Ansturm begeisterter Splashdiving-Zauberlehrlinge wie in den vergangenen Jahren.

Was ist geschehen? Vor allem zwei äußere Einflüsse haben dem Salto-, Schrauben-, Brett- und Arschbomben-Boom im Bückeburger Bergbad einen massiven Dämpfer verpasst. Da ist zum einen das Fehlen großer Meisterschaften, auf denen die Turmspringer ihre Trainingsanstrengungen einer echten Prüfung unterziehen können. Bis 2010 gab es in Deutschland regelmäßig große Wettkämpfe bis hin zu Weltmeisterschaften, seit 2011 jedoch nicht mehr. Die Ursache dafür liegt in der nicht nur für den außen stehenden Betrachter reichlich undurchsichtigen und verworrenen Organisation dieser Veranstaltungen. Im Gegensatz zu etablierten Sportarten wie Fußball, Handball, Schwimmen oder Leichtathletik besitzt die noch sehr junge Fun-Sportart Splashdiving keinerlei feste Verbandsstrukturen oder Dachorganisationen. Durchgeführt wurden die bisherigen Meisterschaften von einer Veranstaltungsagentur aus Bayreuth, die so clever war, sich alle Rechte an dem Namen „Splashdiving“ rechtzeitig zu sichern, als die akrobatischen Sprünge mit anspruchsvollen, teilweise spektakulären Figuren in zahlreichen deutschen Freibädern populär wurden. Und die sorgte vor einem Jahr bei vielen Turmspringern für massiven Frust, als diese wochenlang in der Erwartung einer Weltmeisterschaft trainierten, diese dann jedoch nicht stattfand. Der Grund dafür – so verlautete aus den Reihen der Springer – war angeblich der Wegfall eines maßgeblichen Sponsoring-Partners.

„Man hat uns bereits letztes Jahr wochenlang im Unklaren gelassen, ob es eine WM gibt oder nicht“, merkt Teamtrainer Thomas Stefener kritisch an. „Das hat gerade viele gute und ehrgeizige Springer verunsichert.“ Auch in diesem Jahr ist eine erneute Weltmeisterschaft weiterhin nicht in Sicht. Und das hat auch dem Splashdiving in Bückeburg eine Menge Anziehungskraft gekostet: „Zwar sind unsere Leistungsträger noch aktiv dabei“, so Thomas Stefener, „doch die große Gruppe der Nachwuchs-Springer hat sich weitestgehend verflüchtigt, weil die einfach kein Ziel mehr haben, auf das sie hinarbeiten können.“

Der zweite Grund für den Rückgang ist ein ganz profaner: Das Wetter. Im völlig verregneten Sommer 2011 erlebte das Bergbad seine schlechteste Saison seit 1978. Und auch in diesem Jahr sah es phasenweise nach einer Wiederholung dieses barbarisch ungemütlichen und keinesfalls zum Baden oder Turmspringen einladenden Sommers aus. Einen weiteren Punkt muss sich Teamtrainer Thomas Stefener selbst ans Revers heften: Auch er kann aus familiären Gründen lange nicht mehr so häufig beim Training präsent sein wie in den vergangenen Jahren, als er praktisch jeden Nachmittag ab 17 Uhr selbst die Lüfte über dem Sprungbecken durchflog. Oder auf der Zehn-Meter-Plattform einen anderen Springer durch seine zum Spagat aufgespreizten Beine sausen ließ. Ein Trost bleibt dem Chef des Niedersachsenkaders: „Die Mitglieder, die dabei geblieben sind, sind mittlerweile unglaublich gut. Sollte es also irgendwann wieder zu einer Weltmeisterschaft kommen, rechne ich fest damit, dass sie um Medaillen mitspringen werden.“




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