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Wissenschaftler klärt beim Landvolktag auf / Landvolk-Chef mahnt: Stirbt der Bauer, stirbt das Dorf

Dem Verursacher auf der Spur

BÜCKEBURG. Es geht um Wasserqualität – und um die Frage: Wer ist der Verursacher? Prof. Dr. Tobias Licha stellt sie gern. Und er liefert die Antworten gleich mit. Bei Landwirten ist der Hydrogeochemiker der Ruhr-Universität Bochum ein gern gesehener Gast, denn ist überzeugt davon, dass nicht nur die Bauern einen Anteil an der Verschmutzung des Grund- und Trinkwassers haben, sondern der Mensch im Allgemeinen und Besonderen.

veröffentlicht am 28.02.2020 um 16:58 Uhr

Leonhard Behmann

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Erst im vergangenen Jahr hat der Wissenschaftler in Bochum die Professur für Hydrogeochemie übernommen - eigenen Angaben zufolge setzt Licha dort im Rahmen seiner Forschung „neue Akzente in Wasserqualitätsthemen“. Die Landwirte hören‘s gern. Er spricht sie nicht grundsätzlich von Mitschuld frei, nimmt sie jedoch ein Stückweit aus der Schusslinie. Seine These: „Die Landwirtschaft wird oft pauschal verurteilt, ohne dass sich das auf wissenschaftlich fundierte Fakten stützt.“ Die Kenntnis zur Herkunft von Kontaminationen sei wichtig, um geeignete Maßnahmen zur Verbesserung der Wasserqualität ergreifen zu können und die Ergebnisse bewerten zu können. Dazu eignen sich nach Überzeugung von Prof. Licha Mikroschadstoffe - und deshalb sind diese „essentieller Bestandteil eines investigativen Monitorings“. Mehr Information über Systeme statt mehr Daten sei notwendig, um daraus überhaupt Verursacher und Maßnahmen ableiten zu können, meint Licha und stellt beim Landvolktag in Bückeburg klar: „Umweltforensik ist wichtiger Baustein in der Wassersicherheit.“ Im Kern geht es um diese Aussage: „Die Landwirtschaft wird oft mit der Beeinträchtigung der Gewässerqualität in Zusammenhang gebracht. Dabei hinterlässt unsere Gesellschaft weitaus vielfältigere Spuren.“ Die ständige Verfügbarkeit von Genussmitteln, medikamentöse Therapien und chemischer Pflanzenschutz sind zentrale zivilisatorische Errungenschaften. Das Problem: Eingenommene Arzneimittel werden häufig vom menschlichen Körper nicht vollständig abgebaut. Da eine Vielzahl dieser organischen Verbindungen in der Abwasserbehandlung nicht oder zumeist nur unvollständig eliminiert werden, können Pharmaka, Genussmittel beziehungsweise deren Transformationsprodukte praktisch überall in der Umwelt nachgewiesen werden. Mithilfe der Umweltforensik kann man heute damit den Anteil der landwirtschaftlichen Wasserqualitätsbeeinträchtigung relativ zu anderen Quellen sehr genau feststellen. Die Frage, wie wir es als Gesellschaft mit Natur und Umwelt halten, ist aktueller denn je und beschäftigt insofern selbstverständlich auch und gerade uns Bauern“, sagt Achim Pohl, Schaumburgs Landvolk-Vorsitzender. Deshalb habe er ja nicht nur Landwirte, sondern extra alle interessierten Bürger zum Landvolktag eingeladen. Der Bus auf den letzten Platz besetzte Rathaussaal zeigt: Das Thema „Wasserschutz = Bauernschutz“ ist viral und interessiert auch Verbraucher. In die gleiche Kerbe schlug auch Karl-Friedrich Meyer, der aber auch weitere Themen ansprach, die den Bauern auf den Nägeln brennen. Der Vorsitzende des Landvolks Weserbergland warb um mehr Wertschätzung und Verständnis für die Nöte der Bauern und warnte eindringlich davor, Landwirte an den Pranger zu stellen. „Wir wollen nicht verantwortlich gemacht werden für Fehlentwicklungen in einer industrialisierten Welt“, sagte Meyer. Die zahlreichen Bauern-Demos zeigten „den Druck, der momentan auf dem Kessel ist.“ Meyer warnte: „Wenn sich landwirtschaftliche Betriebe nicht mehr weiterentwickeln können, wenn keine neuen Ställe mehr gebaut werden dürfen, um für mehr Tierwohl sorgen zu können, wenn keine neuen Lagerstätten für flüssige Nährstoffe mehr errichtet werden dürfen, um diese effektiver und zeitgerechter ausbringen zu können, dann wird sich die Landwirtschaft im Weserbergland nicht weiterentwickeln.“ Die Folgen seien ein wirtschaftlicher Rückgang im ländlichen Raum, zudem werde die Anzahl der Betriebe abnehmen. Meyer: „Stirbt der Bauer, stirbt das Dorf.“ Zum Abschluss seines vortrags verblüffte Professor Licha mit einer Antwort auf die Frage: Wollen Sie etwas für die Umwelt tun? Sie lautet: „Nehmen Sie Ibuprofen statt Diclofenac!“

Zahlreiche Besucher folgten der Einladung des Landvolkes. Foto: leo



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