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„Alle meinen: Das ist sinnvoll!“ – Stadt sucht nach einem geeigneten Platz auf dem Weinberg

Denkmal soll ans Freundschaftsheim erinnern

Bückeburg. Dem Konsumverhalten der modernen Menschen von heute ist auf dem Weinberg Genüge getan. Zeitgenössische Kunst hat im dortigen Kreisel ebenfalls ihren Platz gefunden. Keinesfalls zu kurz kommen kann da das Erinnern daran, dass die beiden zuerst genannten Installationen gleichsam historischen Raum für sich beanspruchen, denn dort stand einst das weit über unsere Region hinaus bedeutsame Internationale Freundschaftsheim. Jetzt steht fest: Die Stadt wird an diese Einrichtung am einstigen Standort erinnern.

veröffentlicht am 30.10.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:03 Uhr

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Thomas Meinecke Redakteur zur Autorenseite

„Wir haben darüber beraten, aber wir haben noch kein Ergebnis“, gibt Bürgermeister Brombach Einblick in den derzeitigen Stand des Verfahrens. Danach sind sich die Verantwortlichen einig: Auf dem Weinberg soll an Pastor Wilhelm Mensching und das von ihm gegründete Freundschaftsheim erinnert werden.

Wenn es bislang noch kein Ergebnis gibt, so hat das vor allem mit dem zeitlichen Ablauf der Einweihung der beiden Supermärkte zu tun. „Zunächst muss ja dort mal der Betrieb anlaufen, erst dann sieht man, wie die Kundenströme verlaufen“, erläutert der Bürgermeister. Das zu wissen sei wichtig, um einen geeigneten Standort für ein wie auch immer geartetes Denkmal finden zu können.

Brombach kommt es darauf an, für ein solches Denkmal einen Standort zu finden, „wo viele Menschen es zur Kenntnis nehmen“ können. Dieser Wunsch spiegelt sich auch in der Bereitschaft der Beteiligten – Marktbetreiber, Politik, Verwaltung – wider, für den genannten Zweck überhaupt einen Ort des Erinnerns zu schaffen. „Alle meinen: Das ist sinnvoll!“, sagt Brombach.

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Von der Standortfrage hängt die Frage ab, wie das Denkmal aussehen soll. Da ist laut Brombach „vieles denkbar“ – ein Stein, ein Schild, irgendeine andere geeignete Form. „Das werden wir sehen, wenn wir einen Standort haben. Wir sind am Ball.“

Zum Hintergrund: Wilhelm Mensching (1887–1964) war evangelischer Pastor in Petzen. Seine Erfahrungen als Missionar ließen ihn zum Pazifisten werden, der auch im Nationalsozialismus Zivilcourage bewies, indem er eine Jüdin vor den Nazihäschern im Pfarrhaus versteckte.

Angeregt von seinem Freund, dem französischen Pfarrer André Trocmé, gründete Mensching kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Weinberg das Internationale Freundschaftsheim Bückeburg – die erste Friedensschule der Bundesrepublik Deutschland. Ab Juni 1948 wurden zuerst zwei Nissenhütten aufgestellt. Die provisorischen Behausungen dienten den Freiwilligen als Unterkunft, während sie die massiven Gebäude des Freundschaftsheimes errichteten.

„Juden und ehemalige Nationalsozialisten, Farbige und Weiße, Christen und Nichtchristen, Pazifisten und Nichtpazifisten wurden zusammengeführt und lernten einander zu achten“, wird die Arbeit der ersten Stunden von zeitweilig bis zu 300 freiwilligen Helfern beschrieben, die das hinter dem Freundschaftsheim stehende gedankliche Konzept verdeutlicht.

Vor allem durch Spenden finanziert, entwickelte sich das Freundschaftsheim zu einer Einrichtung mit insgesamt drei massiven Gebäuden. Nach ihrem Ausbau in den Jahren 1967/68 stand die alte Mühle auf dem Weinberg als viertes Haus zur Verfügung.

Die Einrichtung wurde zu einem multikulturellen Treffpunkt. Die Gästebücher verzeichnen Namen aus Amerika, Australien, China, Dänemark, England, Finnland, Frankreich, Holland, Indien, Irland, Italien, Japan, Kanada, Madagaskar, Neuseeland, Norwegen, Österreich, Polen, Schottland, Schweden, der Schweiz, Sierra Leone, Spanien und der Tschechoslowakei.

Zum zehnjährigen Bestehen des Freundschaftsheims schrieb der Theologe Martin Niemöller: „Wenigstens an dieser Stelle wird nicht nur über den Frieden geredet; hier wird am Frieden gearbeitet und hier wird Friede praktisch unter Angehörigen der verschiedensten Völker und Rassen geübt.“ Und Bundespräsident Gustav Heinemann, selbst mehrmals im Freundschaftsheim zu Gast, sagte im April 1973: „Wer erkannt hat, dass der Frieden der wesentliche Inhalt unserer Verantwortung ist, kann sich der Verpflichtung nicht mehr entziehen, für ihn zu arbeiten. Das Internationale Freundschaftsheim Bückeburg leistet auf diesem Gebiet Vorbildliches.“

Das Aus kam 1992. Die Immobilie wurde an eine Firma aus Hameln verkauft. Von dieser mietete die Stadt Bückeburg Räume an, um darin die ihr zugewiesenen Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge unterzubringen. Seit 2002 standen die Gebäude leer. Im September 2007 gaben die städtischen Gremien grünes Licht für den Abriss der Gebäude und den Bau der Supermärkte.




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