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1. Juli 1891: Kiloschwere Hagelkörner aufs Weserbergland / Enkel schildert Eindrücke einer Zeitzeugin

Der blanke Horror

WESERBERGLAND. Wer die teils folgenschweren Regenfluten der letzten Zeit allein einem menschengemachten Klimawandel zuschreibt, könnte sich täuschen. Denn extreme Niederschläge gab es auch früher schon. So wurde das Weserbergland vor 125 Jahren, am 1. Juli 1891, von einer Unwetterkatastrophe heimgesucht, deren Ausmaß bis heute beinahe unvorstellbar scheint. „Seit Menschengedenken ist hier ein derartig schweres, so furchtbare Verwüstungen anrichtendes Unwetter nicht erlebt wurden“, stand am Folgetag in der Deister- und Weserzeitung.

veröffentlicht am 30.06.2016 um 18:12 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:22 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite

Den Schilderungen aus Hameln und diversen Dörfern zufolge muss der ebenso folgenschwere wie kurze Spuk der blanke Horror gewesen sein: Die aus gespenstisch dunkelroten Wolken schießenden, bis zu 1,5 Kilo schweren Hagelkörner zerstörten Abertausende von Scheiben – darunter auch die großen Glasfenster der Hamelner Münsterkirche. Der Schornstein der Aerzener Maschinenfabrik ging ebenfalls zu Bruch, und die hühnereigroßen Eisklumpen deckten unzählige Dächer ab. Durch den Hagel stürzten auch ganze Häuser ein. Obendrein war vielerorts die komplette Ernte hin.

Minna Vollmer aus Herkensen war damals 13 Jahre alt. Das Unwetter brannte sich dem Mädchen ganz tief ein. „Sie hat immer wieder davon erzählt“, berichtet ihr Enkel Günter Meywerk aus seiner Kindheit. Deshalb fiel es dem heute 76-Jährigen nun nicht schwer, den Augenzeugenbericht seiner 1961 verstorbenen Großmutter aufzuschreiben.

Demnach hatte Minna am späten Nachmittag des 1. Juli große Angst um ihren Vater. Denn der „Anbauer und Forstschutzgehülfe“ Heinrich Vollmer ackerte auf dem Feld, als es losging. Minna, ihre Mutter und die Geschwister kauerten sich auf der Treppe ihres Hauses zusammen. „Sie beteten um sein Leben“, schildert Günter Meywerk. Derweil zerschlugen schneeballgroße Hagelkörner Dachpfannen und Fensterscheiben. Einige der eisigen Klumpen rollten neben der Familie die Stufen herab.

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  • Heinrich Vollmer aus Herkensen überstand den Hagel in einem Wasserrohr am Feld. Foto: pr
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  • Faustgroße Hagelkörner wie dieses schossen am 1. Juli 1891 aus dem Himmel herab. Foto: pr

Anders als viele andere Menschen in Deutschland kam Minnas Vater mit dem Leben davon. Als das Unwetter einsetzte, kroch er in ein Wasserrohr unter einer Brücke am Feld. Später kam er unversehrt wieder nach Hause.

Die Folgen des Unwetters machten das Leben des Landarbeiters allerdings noch beschwerlicher: Um neues Fensterglas zu kaufen, schob Vollmer seine Karre von Herkensen bis Hameln. Dort angekommen, musste er feststellen: Der Acht-Kilometer-Marsch war umsonst. Glasscheiben waren überall ausverkauft. Sein nächster Weg führte ihn nach Hannover, wo er dann mehr Glück hatte. Auch diese Strecke habe er – mangels Pferd – wohl zu Fuß mit einer Schubkarre zurückgelegt, berichtet sein Urenkel.

Den Ernteausfall versuchten die Menschen später durch den Anbau schnellwachsender „Pluckrüben“ aufzufangen. So hatten sie im Winter wenigstens Irgendetwas zu beißen.

Berichte über das Unwetterchaos finden sich in vielen Ortschroniken von damals. Besonders dramatisch waren die Folgen im Dorf Süchteln bei Viersen (Nordrhein-Westfalen). Dort schredderte am 1. Juli 1891 ein Tornado binnen Sekunden 124 Häuser. 154 Familien wurden obdachlos. „Wohin das Auge blickte, Vernichtung und Not!“, hielt der Chronist fest. Doch die Süchtelner verstanden sich aufs Fundraising: Sie schickten einen „Hilferuf“ an rund 450 Zeitungsverlage. Spenden gingen sogar aus den USA ein: Die Firma „Oppenheim & Söhne“ schickte 1000 Mark.




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