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Droschkenkutscher Hartmann macht auf Berlin-Paris-Tour Zwischenstation in Bückeburg

Der Eiserne Gustav in Schaumburg

Karl der Große, Kaiser Wilhelm II., US-Präsident und Ex-General Dwight D. Eisenhower und Willy Brandt – im Schaumburger Land war schon viel Prominenz zu Gast. Doch nur wenige Besucher dürften so freudig und erwartungsvoll empfangen worden sein wie vor 85 Jahren Gustav Hartmann aus Berlin, damals wie heute viel besser als der „Eiserne Gustav“ bekannt.

veröffentlicht am 09.02.2013 um 00:00 Uhr

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Hartmann war quasi über Nacht und aus dem Nichts heraus zu einer Art „Volksheld“ geworden. Grund: Der bis dato völlig unbekannte Droschkenunternehmer hatte am 2. April 1928 seinen Gaul „Grasmus“ vor die Deichsel gespannt und war zu einem Spontan-Trip nach Paris gestartet. Das Unternehmen löste – auch ohne Fernsehen und Internet – einen zu jener Zeit nicht für möglich gehaltenen Medienrummel aus. Die Zeitungen brachten Tag für Tag neue, reißerisch aufgemachte Berichte über Tourenverlauf, Vorkommnisse unterwegs und Gemütslage von Zugpferd und Lenker. „Seine Ankunft in Hannover war ein unglaublicher Triumphzug“, meldete Mitte April 1928 die heimische Landes-Zeitung. Trotz heftigen Schneegestöbers hätten Tausende an den Straßenrändern gestanden und dem aus Richtung Magdeburg antrabenden Gespann zugejubelt. Inzwischen habe das Gefährt die Leine-Metropole bereits wieder verlassen und sei in Richtung Schaumburg unterwegs.

Nur wenige Stunden später konnten sich die Leute hierzulande selber ein Bild von dem neuen Medienstar machen: Am 16. und 17. April des Jahres 1928 rollte der 68-Jährige mit seiner Kutsche durch die hiesige Region. Die Nacht verbrachte er im Bückeburger Hotel „Deutsches Haus“. Als weitere Stationen auf der mehr als 7000 Kilometer langen Tour in die Seine-Metropole waren unter anderem Bielefeld, Düsseldorf, Köln, Metz und Nancy vorgesehen. Vor der Weiterfahrt in Richtung Minden besuchte Hartmann frühmorgens die direkt neben dem Hotel in der Grimmeschen Hofbuchdruckerei sitzende LZ-Redaktion.

Tags darauf stellte das Blatt in einem Exklusivbericht den Eisernen Gustav und sein abenteuerliches Unternehmen vor. Danach hatte der als gesellig geltende Droschkenbetreiber bis dato ein ganz normales Leben geführt. Außer Familie, Freunden und Kollegen kannte ihn keiner. Dann wurde er eines Tages an seinem angestammten Droschkenstandplatz im Stadtteil Wannsee von einer jungen Frau angesprochen und nach dem Weg gefragt. Während des kurzen Gesprächs stellte sich heraus, dass die Dame Rachel Dorange hieß, eine große Pferdeliebhaberin war, an einem damals veranstalteten „Distanz-Ritt“ Paris-Berlin teilgenommen hatte und in Paris zu Hause war. Die „anmutige Erscheinung der jungen Französin und ihre blitzenden Augen“ hatten Hartmann nach eigenem Bekunden auf Anhieb entzückt. Noch während der ersten Begegnung ließ der Berliner seine Zufallsbekanntschaft wissen, dass er sie demnächst an der Seine besuchen werde.

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Der Einzug in Berlin: Der „Eiserne Gustav“, der mit seiner Droschke von Berlin-Wannsee nach Paris und zurück fuhr, wurde bei der Rückkehr unter großem Jubel der Bevölkerung in seiner Heimatstadt empfangen.

Gesagt, getan. Einige Zeit später rief Hartmann den Kollegen zu, er werde jetzt nach Paris fahren, stieg auf den Kutschbock und zog die Zügel an. Die anderen Droschkenkutscher hielten das Ganze für einen April-Scherz. Dass die Sache schon bald – auch außerhalb des Weges – immer mehr ins Rollen kam, war der Berliner Morgenpost zu verdanken. Ein junger Reporter des Blattes hatte sich Hartmann an die Fersen geheftet. Er versorgte nicht nur die eigene Redaktion mit Berichten und Fotos.

Die Geschichte vom kleinen Mann, der sich auf der Suche nach dem großen Glück auch nicht von der Grenze zwischen den „Erzfeinden“ Deutschland und Frankreich aufhalten lassen wollte, löste eine Welle von Anteilnahme und nachdenklichem Staunen aus. Nicht nur diesseits des Rheins rieb man sich gerührt und verwundert die Augen. Als Hartmann am 4. Juni 1928, seinem 69. Geburtstag, in Paris eintraf, bereiteten ihm die Franzosen einen begeisterten Empfang. Seine Pariser Kollegen ernannten ihn spontan zum Ehrendroschkenkutscher.

Besonders gut kam die von Hartmann präsentierte Liebesgeschichte an. Später machten weniger romantisch klingende und zu Herzen gehende Darstellungen die Runde. So soll der Droschkenbetreiber beträchtliche Schulden angehäuft und aus Angst vor den Gläubigern aus Berlin abgehauen sein. In anderen Berichten war von Familienstreitigkeiten und Eheproblemen die Rede. Seine Frau habe ihn entmündigen wollen, war zu lesen. Hartmanns Berufskollegen stellten das Ganze als Protestaktion gegen den Niedergang des hauptstädtischen Pferdedroschkenwesens und die rapide Zunahme der Autotaxen dar. Eine Enkelin Hartmanns interpretierte das Ganze als Ausdruck purer Abenteuerlust. Und wieder andere glaubten zu wissen, dass der Paris-Trip von vornherein als Akt der Völkerverständigung gedacht und angelegt gewesen sei. „Wat Stresemann (damaliger deutscher Außenminister) nich jeschafft hat, det werde ick machen“, wurde Hartmann zitiert.

Wie dem auch sei – dem originellen Berliner gelang es, mit seiner angeborenen naiven Beherztheit Geschichte zu machen. Darüber hinaus wusste er sich offenbar gut zu verkaufen. „Er macht mit seinem breiten Vollbart und den Biedermannsaugen einen treuherzigen Eindruck“, beschrieb die Landes-Zeitung das Auftreten des neuen Volkshelden bei dessen Redaktionsbesuch in Bückeburg und fügte hinzu: „Die Berliner Gerissenheit ist allerdings unverkennbar.“

Als Gustav Hartmann am 1. September 1928, drei Monate nach Reiseantritt, wieder zu Hause ankam, bereiteten ihm die Berliner einen rauschenden Empfang. Er genoss den Triumph, der sich auch finanziell ausgezahlt hatte, in vollen Zügen. Als er zehn Jahre später starb, war er völlig verarmt. Zu seiner bis heute ungebrochenen Popularität haben nicht zuletzt Heinz Rühmann und später Gustav Knuth in zwei erfolgreichen und populären Nachkriegs-Film- und Fernsehproduktionen beigetragen. Bereits 1938 hatte ihn der Schriftsteller Hans Fallada zur Romantitelfigur erhoben. Seit einigen Jahren erinnert ein mitten im Verkehrsgewühl am Potsdamer Straße stehendes Denkmal an den „eisernen“ Ex-Bewohner der Stadt.




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