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Vor 200 Jahren erschien zwischen Horror und Wissenschaft der Roman „Frankenstein“ der jungen Autorin Mary Shelley

Der erste Designer-Mensch

Die moderne gentechnische Forschung steht im Verdacht, dass sie Menschen oder menschenähnliche Wesen mit Supereigenschaften erschaffen könnte. Etwa genmanipulierte Designer-Babys oder gar halb organische, halb maschinelle Cyborgs. Viele denken mit Schrecken an eine solche Vision – Mary Shelley hat in „Frankenstein or The Modern Prometheus“ diesem Schrecken literarische Gestalt verliehen. Der Roman erschien vor 200 Jahren, also 1818, und steht am Anfang der Literaturgattung des wissenschaftlichen Romans, heute allgemein als Science-Fiction (SF) bezeichnet. Wenn Jules Verne der „Vater“ der SF ist, dann ist Mary Shelley eindeutig die „Mutter“.

veröffentlicht am 13.02.2018 um 13:39 Uhr
aktualisiert am 13.02.2018 um 17:40 Uhr

Mary Shelley (1797–1851), Autorin des berühmten Romans „Frankenstein“, der vor 200 Jahren, 1818, erschienen ist. Foto: Archiv Gerd Küveler

Autor:

Gerd Küveler
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„Der sieht ja aus wie Frankenstein“, dieser Schreckensruf geht auf jeden Fall fehl, denn die Romanfigur Viktor Frankenstein ist ein kultivierter und gut aussehender junger Wissenschaftler. Das Monster, das er erschaffen hat, bleibt hingegen namenlos. Das Filmgesicht, das vom Schauspieler Boris Karloff stammt und in drei Filmen zwischen 1931 und 1939 auftaucht, ist allerdings so markant, dass das Publikum dieses Monster und den Namen „Frankenstein“ inzwischen in eins setzt.

In dem vor 200 Jahren erschienenen, erst 1912 auf Deutsch veröffentlichten Roman „Frankenstein“ geht es um ein Vergehen an der Schöpfung im Dienst der Wissenschaft. Genau das ist das Neue dieses Romans: wissenschaftlich vertretbar anhand des zeitgenössischen Wissens, entfaltet die Autorin Mary Shelley den Horror des ersten „Designer-Menschen“. Sicherlich gingen von den Experimenten Luigi Galvanis Ende des 18. Jahrhunderts entscheidende Impulse für Shelleys Roman aus. Damals glaubte man an eine Art elektrischer Lebenskraft, Fluidum genannt. Galvani hatte bei seinen Versuchen mit Elektrizität die Schenkel von toten Fröschen zum Zucken gebracht. Die Zuschauer waren halb fasziniert, halb entsetzt. Schien es doch so, als habe Galvani tote Tiere zum Leben erweckt.

Nun stand er vor mir. In seinem Antlitz lag tiefes Leid, gemischt mit Verachtung und Bosheit, und seine unbeschreibliche Häßlichkeit bot einen Anblick, der für ein Menschenauge kaum zu ertragen war.

Mary Shelley, Aus dem Roman Frankenstein

Die Philosophie steuerte zudem noch ein mechanistisches Weltbild bei, vor allem der französische Denker Paul Henri Thiry d’Holbach. Ihm zufolge war der Mensch im Grunde nichts anderes als eine komplizierte Maschine, ein Automat. Von E.T.A. Hoffmann erschien im gleichen Jahr 1818 „Der Sandmann“ mit der täuschend echt erscheinenden, attraktiven Automatenpuppe Olimpia. Dagegen stückelt Viktor Frankenstein seinen künstlichen Menschen – vermutlich – aus Leichenteilen zusammen. Und erweckt ihn, genaue Angaben macht Shelley allerdings nicht, wohl mit Elektrizität zum Leben.

Die Schauspieler Boris Karloff (li.) und Christopher Lee als Frankensteins Monster. Foto: Gerd Küveler
  • Die Schauspieler Boris Karloff (li.) und Christopher Lee als Frankensteins Monster. Foto: Gerd Küveler

Heutzutage befürchtet man, dass gentechnologische Fortschritte zu Designer-Menschen führen könnten, die alle Wünsche an Intelligenz, Schönheit und Gesundheit erfüllen könnten. Das war auch Frankensteins Vorhaben, das ihm allerdings gründlich misslang. Er ist angeekelt von seinem Werk und verlässt fluchtartig das Labor in seiner Wohnung. Das Monster macht sich daraufhin allein auf den Weg in die Welt.

1818 war das Jahr, in dem der Roman „Frankenstein erschien“

Frankenstein kehrt von seiner Universität in Ingolstadt bald danach in seine Heimatstadt Genf zurück. Bei seinen Wanderungen in heimischer Umgebung begegnet er dem ungeschlachten Riesen erneut. Dieser hat inzwischen durch Beobachtung sprechen und lesen gelernt. Es berichtet ihm von seinen schlechten Erfahrungen mit den Menschen, die ihn schlugen und verjagten, sobald sie ihn zu Gesicht bekamen. Das Geschöpf bittet seinen „Vater“, ihm eine Frau zu erschaffen, mit der er abseits der Menschen leben kann. Frankenstein willigt ein und zieht sich mit seinem Freund und Assistenten Henri auf die Orkney-Inseln nördlich von Schottland zurück. Er beginnt dort, sein Versprechen zu verwirklichen, bekommt jedoch Gewissensbisse, weil er befürchtet, ein zweites Monster zu erschaffen. Also zerstört er sein Werk kurz vor der Fertigstellung, vor den Augen seines Geschöpfs. In unbändiger Wut tötet dieses Frankensteins Freund Henri. Viktor kehrt anschließend nach Hause zurück, um seine langjährige Geliebte zu heiraten. In der Hochzeitsnacht ermordet das rasende Geschöpf aus Rachsucht und Neid die Braut und flieht bis ins ewige Eis der Arktis. Frankenstein verfolgt es und wird schließlich, völlig entkräftet und krank, von einem Forschungsschiff aufgenommen, wo er schließlich stirbt. Das Geschöpf aber trauert um seinen Schöpfer und sucht, aus Ekel und Abscheu vor sich selbst, den Flammentod.

Jules Verne griff knapp 50 Jahre später die Idee des wissenschaftlichen Romans auf

Wer war Mary Shelley und wie kam es zu diesem Roman? Sie stammte aus einem progressiven Elternhaus. Ihre Mutter Mary war eine Vorkämpferin der Frauenbewegung. Sie starb infolge der Geburt ihrer Tochter. Ihr Vater, der Sozialphilosoph William Godwin, gilt als Begründer des Sozialismus. Somit hatte Mary Shelley Zugang zu intellektuellen Kreisen.

Den Sommer 1816 verbrachte sie mit Verwandten und Freunden, darunter Lord Byron, in einer Villa am Genfer See. Es war das „Jahr ohne Sommer“, verursacht durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815. Das miserable Wetter ließ die Gesellschaft zu anregenden Gesprächen zusammenrücken. Die erst 19-jährige Mary, damals noch nicht mit dem englischen Romantiker Percy Shelley verheiratet, entwickelte dabei die Idee zu ihrem Schauerroman. Auf den Namen „Frankenstein“ kam sie möglicherweise während einer Rheinreise, in deren Verlauf sie in Germersheim Station machte und dabei von Burg Frankenstein im Odenwald gehört haben könnte..

Mary Shelleys Roman ist eine Dystopie, also eine Utopie mit negativem Vorzeichen, die als Warnung vor der menschlichen Hybris gedacht ist. Darauf deutet schon der Name „Prometheus“ im Originaltitel hin. Prometheus pfuschte nach dem Mythos den Göttern ins Handwerk und wurde dafür bestraft. Zwar ist Frankensteins Kreatur nicht von Beginn an böse. Sie wird es erst durch die Ablehnung, die es von den Menschen erfährt. Aber Viktor Frankenstein hat sich zum Schöpfer erhoben und muss deshalb ebenso scheitern wie sein Geschöpf.

Jules Verne griff dann knapp 50 Jahre später die Idee des wissenschaftlichen Romans auf. Seine Romane – Utopien und Dystopien – decken fast alle Wissensgebiete ab. Seit dieser Zeit lassen sich Wissenschaftler von Science-Fiction inspirieren. Science-Fiction ist der Soundtrack zum wissenschaftlichen Fortschritt.

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