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Kronzeuge gegen viele Bauprojekte

Der Feldhamster – als „Jobkiller“ denunziert

Wo er auftaucht, bleiben häufig alle Maschinen stehen. Nicht selten sorgt dieser Nager für den sofortigen Stopp von Bauvorhaben. In unserer Serie „Einfach tierisch“ geht es heute um den Feldhamster. Unter der Erde ist er ein wahrer Architekt, über der Erde macht er so manchem menschlichen Architekten das Leben schwer.

veröffentlicht am 22.05.2018 um 15:02 Uhr
aktualisiert am 22.05.2018 um 15:54 Uhr

Feldhamster fühlen sich auf nahrhaften Flächen wohl und werden bis zu 35 Zentimeter lang. Foto: dpa
Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite
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WESERBERGLAND. Vor knapp zwei Jahren hatte die Stadt Springe einen Plan: Um den Trassenverlauf der Stromautobahn Südlink zu beeinflussen, wurde der Feldhamster als stichhaltiges Argument angebracht. Zwar sei die Population im betreffenden Gebiet südlich von Bennigsen zwischen Völksen und Gestorf gar nicht nachgewiesen, doch könnte sich der Feldhamster auch hier zuhause fühlen. Die Stadt verwies auf das „Schutzkonzept Feldhamster in der Region Hannover“ – wenn auch nicht nachgewiesen, aber rein potenziell betrachtet, würden auch die Springer Felder den bedrohten Nagern einen geeigneten Lebensraum bieten, hieß es 2016.

Den Südlink wird der Feldhamster wohl nicht verhindern, überall dort aber, wo er unverhofft auftaucht und Bauvorhaben geplant sind, sorgt er nicht selten für zeitliche Verzögerungen und damit für Ausgaben, die Bauherren gar nicht eingeplant haben.

Der Nager, der sich am liebsten in Ackerlandschaften mit reichlich Getreidesorten und Feldfrüchten aufhält und aufgrund seiner unterirdischen, weitverzweigten Bauten als guter Architekt unter den Tieren gilt, macht so manchem menschlichen Architekten das Leben schwer.

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Bekanntgeworden ist er Feldhamster als „Bauverhinderer“ Ende 1990er Jahre in Göttingen. Damals hätten die streng geschützten Tiere beinahe den Bau des Zentrums für molekulare Biowissenschaften im Nordbereich der Universität verhindert, weil sie ausgerechnet in dem Gebiet ihre Bauten angelegt hatten. Es wurde versucht, ihn umzusiedeln. Heute gibt es in Göttingen ein explizites „Hamster-Management“: Auf Flächen, die außerhalb des Bebauungsplans liegen, werden den Nagern attraktive Lebensräume geschaffen. In Pattensen wurde Anfang 2016 der Bau eines Kindergartens unterbrochen. Der Feldhamster wurde nachgewiesen, und durfte in seiner Winterschlafphase, die meist von Oktober bis in den April hinein andauert, nicht gestört werden.

Solche und ähnliche Fälle treten zuhauf auf: In Sachsen hat der Feldhamster den Bau eines Autozentrums von Daimler blockiert; jahrelang gab es wegen ihm auch Verzögerung bei einem Gewerbepark in Mainz. In Mannheim wurde die Ausweitung des Messegeländes wegen Hamstern ausgesetzt. Eine Milliarden-Investition in ein Braunkohlewerk bei Köln des Energiekonzerns RWE scheiterte 2005 auch am Hamster. Ob dieser Umstände und weil Arbeitsplätze auf dem Spiel standen, wurden die Nager beizeiten als auch „Jobkiller“ bezeichnet.

Laut Bundesamt für Naturschutz ergab ein Monitoring aus dem Jahr 2012, dass der Feldhamster auf 14 Flächen in Niedersachsen nachgewiesen worden ist. Der landesweite Bestand sei jedoch nur schwer zu bemessen. Verbreitungsschwerpunkte sind demnach die Hildesheimer und Braunschweiger Börde, die Region Hannover und Göttingen. Nachfragen im Hameln-Pyrmonter Kreishaus und im Hamelner Rathaus haben klare Antworten ergeben: Von Feldhamster-Beständen im Weserbergland ist den Behörden nichts bekannt. Mancher mag das mit Erleichterung hören.

Vermeintliche gewiefte Geschäftsleute haben im Internet sogar einmal einen „Feldhamsterverleih“ angepriesen. Baugegner könnten dort tageweise ein Tier mieten, für einen Betrag von einigen tausend Euro – aber sie erhielten dafür ein schlagkräftiges Argument gegen jedwedes Bauvorhaben, hieß es. Es stellte sich jedoch heraus: Bei der Geschäftsidee handelte es sich um bitterböse Satire. Wie viele Feldhamster dort tatsächlich zur Ausleihe bestellt wurden, ist nicht bekannt.




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