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Ausverkaufte Kampa-Halle: Udo Jürgens begeistert mit Hits und Nachdenklichem

Der Großmeister der großen Pose und des ganz großen Gefühls

Von Johannes Pietsch

veröffentlicht am 06.02.2009 um 17:34 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 10:41 Uhr

Minden. Natürlich sitzt er zum Schluss allein am Flügel, gehüllt in seinen legendären, weißen Bademantel. Das legere Frotteestück gehört seit Jahrzehnten zum festen Kostüm-Repertoire für die letzte Zugabe, wenn Udo Jürgens ganz allein auf die Bühne zurückkehrt, um „Merci Chéri“ zu singen, das Lied, mit dem er vor über 40 Jahren für Österreich den Grand Prix de la Chanson gewann.

Inzwischen zählt der Mann, der zum dritten Mal innerhalb von nur vier Jahren die Mindener Kampa-Halle locker ausverkaufte, stolze 74 Lenze. Und noch immer ist Udo Jürgens ein Großmeister echten Entertainments, der großen Pose und des ganz großen Gefühls, ein Charmeur, Chansonnier und Conférencier, ebenso Schlagerstar wie nachdenklicher Liedermacher und Poet. Er hätte es sich leicht machen können bei seinem Auftritt in der Kampa-Halle und die Masse mit einem Griff in seinen allemal für einen Abend ausreichenden Fundus von All-Time-Gassenhauern locker zufriedenstellen können.

Doch Udo Jürgens wäre nicht Udo Jürgens, wenn er nicht auf jeder seiner Konzertreisen den musikalischen wie inhaltlichen Horizont seiner Auftritte um ein paar interessante Akzente und unerwartete Nuancen variieren würde. Natürlich dürfen Klassiker wie „Vielen Dank für die Blumen“, „Aber bitte mit Sahne“, „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ nicht fehlen. Doch dieser Sänger, begleitet wie immer vom exzellent aufgelegten und aufspielenden Orchester Pepe Lienhard, kennt genauso die nachdenklichen, die melancholischen, aber auch die absolut treffsicher formulierten ironischen Untertöne.

Das bitterböse „Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“ hat er bereits 1980 geschrieben, und heute textet er dazu: „Mein Geld habe ich den Lehman Brothers geschickt, jetzt habe ich die Aktien zum Heizen.“ Und: „Die Amis haben den Obama, denen wird’s bald besser geh’n. Und wir, wir haben Ypsilanti, Gesine Schwan und Lafontaine.“ Zum wehmütigsten Stück des Abends avanciert die Ballade „Ich lass Euch alles da“, die den Fans in der Kampa-Halle eine Vorahnung davon vermittelt, dass es vielleicht nicht immer so weiter gehen wird mit dem scheinbar wie ein Dorian Gray nicht altern wollenden Künstler. Dabei kann Udo Jürgens wunderbar selbstironisch mit seinem Alter kokettieren. Stepptanz wolle er jetzt lernen, verrät er dem Publikum: „Ich hab ja schließlich noch Zeit.“

Manche mögen ihn als altmodisch und übertrieben pathetisch empfinden. Doch im Gegensatz zu dem unüberschaubaren Heer hohler Phrasen dreschender Schlagerbarden, Popsternchen, Möchtegern-Superstars und Dieter-Bohlen-Ziehkindern hat Udo Jürgens seinem Publikum noch immer etwas mitzuteilen. Auch Unbequemes, was in einer seichtgespülten, heilen Schlagerwelt nie Platz fände: „Was ist das für ein Land?“ klagt er in dem Lied über einen Nachbarn, den zehn Fäuste zum Krüppel schlugen. Und träumt sich dann wieder musikalisch in eine Welt, in der um jede Blume und jeden Tropfen Tau gekämpft wird, in der das Leben noch ein Abenteuer ist und kein Kind mit Plastikpanzern spielt. Udo Jürgens, für den das Leben angeblich erst mit 66 Jahren beginnt, hat auch mit 74 noch eine Botschaft, eine Mission: „Streckt eure Arme in den Himmel gleich den Bäumen und lernt zu staunen wie ein Kind.“

Mit einem Augenzwinkern singt Udo Jürgens: „Ich hab ja schließlich noch Zeit.“

Foto: jp




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