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Geändertes Freizeitverhalten plus Kälteschock: Die geliebte Kirmes hat’s trotz Besucherscharen schwer

Der Herbstmarkt floriert, muss aber kämpfen

Bückeburg (jp). Der Bückeburger Herbstmarkt ist an seinen ersten beiden Tagen eher verhalten in Schwung gekommen. Sowohl am Eröffnungstag als auch am Samstag tummelten sich bei überwiegend trockener, aber ungewöhnlich kühler und herbstlicher Witterung vergleichsweise überschaubare Menschenmengen in Bückeburgs guter Stube, um sich auf einem der Fahrgeschäfte zu vergnügen, eine Bratwurst zu essen oder – ganz der Wetterlage entsprechend – den ersten Glühwein des Jahres zu genießen.

veröffentlicht am 29.10.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 15:21 Uhr

Deutlich mehr Besucher frequentierten dann am gestrigen Sonntag die Kirmesmeile zwischen Stadtkirche und Rathaus, als zusätzlich zu Karussells, Losbuden und Mandelbrätern auch die Bückeburger Einzelhändler ihre Tore zum verkaufsoffenen Sonntag des Jahres geöffnet hatten. Zeitwiese war das Zentrum schwarz vor Menschen – der Herbstmarkt floriert.

Und dennoch: Hat der Frühjahrsmarkt über die Jahre an Anziehungskraft verloren? Und ist ein Jahrmark mit Fahrgeschäften und Buden, die man teilweise seit Jahrzehnten kennt, noch zeitgemäß? „Quo vadis – wohin gehst du, Herbstmarkt?“, hat die Redaktion Besucher und Schausteller gefragt.

Die Meinungen unter jüngeren Besuchern des Herbstmarktes sind unterschiedlich. „Ich bin stolz darauf, dass es hier in Bückeburg überhaupt noch so etwas wie den Herbstmarkt gibt, dann ist es hier nicht ganz so langweilig“, lautet das Urteil von Hans-Helmut Ellenbeck (14). Sehr bedauerlich findet er hingegen, wie wenig auf dem Herbstmarkt gegenüber früher los ist: „Ich fürchte, dass das auf Dauer auch nicht gut gehen wird.“ Das sieht auch der 14-jährige Jan Oltmanns so: „Früher gab es hier viel mehr Attraktionen, und es kamen auch mehr Leute.“ Janina Rüther (15) und Svenja Seifert (14) halten dem Herbstmarkt dennoch die Treue: „Sonst wäre hier in Bückeburg doch gar nichts mehr los.“

Am Sonntagnachmittag drängen sich die Menschen auf den Budengassen in Scharen.

Auch Tino Blaume (14), Julia Metzger (13), Regina Salzwasser (13) und Jan Schmidt (13) möchten den Herbstmarkt nicht missen: „Hier kann man nicht nur Karussell fahren oder etwas Nettes essen, sondern sich einfach auch nur mal für ein paar Stunden mit Freunden treffen.“ Für Regina Salzwasser könnte der Jahrmarkt in Bückeburg daher auch durchaus öfter stattfinden als nur zwei Mal im Jahr. Ihr Wunsch: „Ein weiterer Termin in den Sommerferien, wenn man keine Schule hat und das Wetter besser ist.“

Das Wetter macht auch Schausteller-Sprecher Josef Weber in erster Linie dafür verantwortlich, dass es der Herbstmarkt an den beiden ersten Tagen nicht auf die Pole-Position der Publikumsgunst schaffte: „Die Leute mussten in den letzten Tagen einen Kälteeinbruch um satte 20 Grad verkraften, kommen sehr viel schwerer als sonst vor die Tür“, so seine Einschätzung. Zudem liege der Herbstmarkt am Monatsende: „Daher haben viele Arbeitnehmer nicht mehr genügend Geld übrig, um noch etwas für ihre Familien zu tun.“

Als generell nicht mehr zeitgemäß sieht Josef Weber den Herbstmarkt auf keinen Fall, auch wenn dabei Buden oder Fahrgeschäfte zu erleben sind, wie es sie auch schon vor dreißig Jahren gab, als Frühjahrs- und Herbstmarkt noch auf dem Neumarktplatz residierten und man in Bückeburg traditionell „auf’n Schock“ ging: „Schauen Sie sich den Bremer Freimarkt an, dort stehen exakt die gleichen Buden, und es ist jeden Tag brechend voll dort.“ Daher werde es auch kleinere Kirmesveranstaltungen wie den Herbst- und den Frühjahrsmarkt in Bückeburg immer geben: „Wir sind schließlich, verglichen mit anderen Freizeitangeboten, ein vergleichsweise günstiges Vergnügen. Hier kann jeder herkommen und sich immer noch überlegen, ob er den Euro ausgibt oder nicht. Der Einzelhandel hat es da viel schwerer als wir.“

Dass es aber für Jahrmarktbetreiber und Schausteller schon bessere Zeiten gab, räumt auch Weber ein: „Die 80er und 90er Jahre waren wirklich gute Zeiten, da hatten die Leute Geld und konnten sich was leisten.“ Doch dann sei der Euro gekommen, und mit ihm seitdem auf der einen Seite eine Explosion bei den Kosten in allen Bereichen, auf der anderen immer stärker schrumpfende Realeinkommen. „Die Schere geht immer weiter auseinander. Die breite Masse hat einfach nicht mehr das Geld für Freizeitausgaben zur Verfügung wie noch vor zwanzig Jahren.“

Daneben macht den Betreibern großer, attraktiver Fahrgeschäfte das deutlich geänderte Freizeitverhalten vor allem junger Kirmesbesucher zu schaffen. „Viele gehen vor 21 Uhr nicht mehr vor die Tür.“ Das zeige sich auch daran, dass Diskotheken heutzutage viel später öffneten als früher. Auf dem Herbstmarkt hingegen sei um 22 Uhr Schluss. Daher seien Buden, Verkaufsstände und kleine Fahrgeschäfte, die überwiegend vom Besuch von Familien mit Kindern lebten, noch vergleichsweise gut dran: „Aber schauen Sie sich ein großes Fahrgeschäft wie den Top Spin auf dem Marktplatz an, der hat richtig zu kämpfen.“ Auf anderen großen Jahrmärkten hätten genau die gleichen Fahrgeschäfte überhaupt keine Probleme: „Der Bremer Freimarkt läuft abends bis 24 Uhr, und da ist so ein Top Spin immer rappelvoll.“




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