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Hinter der Maske

„Der kaukasische Kreidekreis“ – Theaterstück mit besonderem Clou

RINTELN. Das Ensemble von Eurostudio Landgraf hat am Dienstagabend Bertolt Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“, ein unglaublich pralles, vielschichtiges Theaterstück, im Brückentorsaal gespielt.

veröffentlicht am 07.03.2018 um 14:22 Uhr
aktualisiert am 07.03.2018 um 17:20 Uhr

Beide Mütter ringen um den kleinen Michel, indem sie, ganz wie der Richter es verlangt, den Jungen an dessen Händen aus dem kaukasischen Kreidekreis zu ziehen versuchen. Foto: cm
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Autor

Claudia Masthoff Reporterin
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Die Geschichte dürfte hinlänglich bekannt sein. Grusche, eine einfache Magd, nimmt sich des Fürstenkindes Michel an, das im Verlauf eines gewaltsamen Staatsstreichs von seiner leiblichen Mutter eiskalt im Palast zurückgelassen wird. Von Söldnern verfolgt, durch Hunger und Armut geschwächt flüchtet sie in die Berge, sucht vergeblich Zuflucht bei ihrem Bruder und heiratet schließlich einen Bauern, der dem Tod längst nicht so nah ist, wie es erst scheint, alles, um „ihrem“ Kind Sicherheit, gesellschaftliche Anerkennung und ein Dach über dem Kopf geben zu können.

„Die Grusche verwandelt sich langsam unter Opfern und durch Opfer in eine Mutter für das Kind“, beschreibt Brecht selbst diesen Prozess. Das bekannte Ende: die Gerichtsverhandlung vor Arme-Leute-Richter Azdak. Der soll darüber entscheiden, ob die wieder aufgetauchte Fürstin oder Grusche die wahre Mutter des Kindes ist. Sein höchst eigenwilliger Weg zur Urteilsfindung ist Allgemeingut: ein Kreidekreis wird um das Kind gezogen. „Nehmt jede eine Hand und zieht. Die stärkere Mutterliebe wird gewinnen“, ordnet der Richter an. Doch schlussendlich spricht er den kleinen Michel der Grusche zu, obwohl die, beziehungsweise gerade weil sie („Ich kann’s doch nicht zerreißen.“) als Erste loslässt. Sie ist für ihn die bessere Mutter für das Kind.

Der Clou bei der Inszenierung des Brecht-Stücks lag in einem besonderen Kunstgriff: in der Ausstattung fast aller Schauspieler mit Halbgesichtsmasken, die nur Augen und Mundpartie der Darsteller freiließen. Auf den ersten Blick wirkten diese Masken beinahe putzig. Riesige Zinken von Nasen, unförmige Polster an Wangen und Stirn, merkwürdige Proportionen, Vernarbtes und Zerklüftetes, fusselige Schädel. Diese Gesichter weckten die Neugier. Doch mit der Zeit wandelten sich die Gefühle beim Betrachten der unbewegten und somit völlig unberührbaren Mienen. Man litt mit Grusche (Marianne Thies), ihrer großen Liebe, dem Soldaten Simon (Stephan Sitaras), die sich neben der Figur des Sängers und Erzählers (Peter Bause, später auch in der Rolle des alten Richters), als einzige unmaskiert in dieser befremdend wirkenden Welt bewegten. Umgeben von Menschen, denen Gier, Hass, Grobheit, Feigheit, Härte, Dummheit im wörtlichsten Sinne ins Gesicht geschrieben stand, hielten die drei Protagonisten an ihren Gefühlen von Liebe, Treue, am schelmenhaften Humor und der Sehnsucht nach einer tieferen Gerechtigkeit fest.

Doch selbst für die anderen in der eigenen inneren Hölle aus zementierten Emotionen feststeckenden Gestalten, kam im Publikum mit der Zeit Mitgefühl auf. Immer mal wieder schienen die Augen, einziger lebendiger Teil im erstarrten Gesicht, etwas anderes ausdrücken zu wollen, als die Maske hergab. Ein hoffnungsloses, tragisches Unterfangen. Wie irritierend das lang anhaltende Betrachten unbeweglicher Gesichter wirklich ist, merkte man erst beim großen Schlussapplaus. Hier rissen sich die Schauspieler endlich ihre Masken vom Gesicht, und man staunte, über die eigene große Freude, die so ausgelöst wurde. „Nein, so fein geschnittene Gesichter! Echte Menschen.“ Und man konnte es beinahe hören, wie die urmenschlichen neuronalen Werkzeuge des sozialen Miteinanders, die Spiegelneuronen, zu jubeln begannen: „Endlich verstehe ich wieder, was vor sich geht.“




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