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450 Jahre Reformation: Glaubenskonflikte im Schaumburger Land – Anekdoten und historisch Belegtes

Der liebe Gott greift gnädiglich ein

Du lügst! Du lügst!“ sollen die Klosterfrauen des damaligen Augustinerchorfrauenstifts Obernkirchen in den 1550er Jahren den Prediger Matthias Wesche niedergeschrien haben. „Es ist nicht wahr, was Du erzählst“. Grund des zornigen Protests: Wesche hatte die Forderung Luthers nach einer grundlegenden Erneuerung der Glaubenslehre und der Beseitigung der herrschenden Missstände innerhalb der Amtskirche unterstützt.

veröffentlicht am 14.08.2009 um 23:00 Uhr

Autor:

Wilhelm Gerntrup

In der Tat war es mit Moral und Sitte vieler geistlicher Würdenträger und kirchlicher Einrichtungen nicht weit her. Die Päpste lebten in Saus und Braus. Bischofsposten und Pastorenstellen wurden zur Abschöpfung von Pfründen unter der Hand verschachert. Ablasshändler, zwielichtige Ordensbrüder und umherziehende Bettelmönche nutzten die mangels Schulbildung vorherrschende „Stupidität“ und den Aberglauben der Leute skrupellos aus.

Ein auch hierzulande weitverbreitetes Geschäft war der Heiligenkult. In nahezu allen heimischen Kirchen und Klöstern waren Altäre und Figuren der Schutzpatrone aufgestellt. Dreiste Heilsversprechen setzten Jahr für Jahr große Scharen von Wundergläubigen in Bewegung. Besonders kräftig klingelten die Kassen in Obernkirchen. Anziehungspunkt und Kultobjekt war eine in der Stiftskirche aufbewahrte Marienstatue. Nicht nur die Konventualinnen, sondern der gesamte Händler- und Marktschreiertross der Stadt nahm das zu diesem „Gnadenort“ herbeipilgernde Volk rigoros aus. Kein Wunder, dass sich die Profiteure heftig gegen die Lehren Luthers und seines bekennenden Anhängers Wesche zur Wehr setzten.

Schon lange vor den Obernkirchener Tumulten hatte es einen Glaubenskonflikt im benachbarten Lindhorst gegeben. Auslöser war der dortige Prediger Johannes Rhode. Er soll bereits in der 1530er Jahren im „neuen Geiste“ gepredigt, „das Abendmahl in zweierlei Gestalt ausgeteilt und während des Gottesdienstes geistliche Lieder angestimmt“ haben. Überhaupt nicht einverstanden mit solch neumodischem Tun war der örtliche Küster Kulpes. Seine Ablehnung nahm weiter zu, als Rhode offiziell heiratete und Kinder zeugte. Eheähnliche Partnerschaften (Concubinate) waren zwar auch vorher bei der Geistlichkeit weitverbreitet, galten aber, obwohl jeder davon wusste, als sündhaft und illegal.

Um den Hick-Hack der beiden Männer und die Versuche, Rhode mundtot zu machen, rankt sich eine skurrile Geschichte. Sie wurde von dem einige Jahrzehnte später als Dorfmagister in Lindhorst tätigen Anthonius Nothold überliefert. Danach soll Kulpes des Öfteren versucht haben, den ungeliebten Gemeindepastor zu vergraulen. So pflegte er während des Gottesdienstes – ohne Rücksicht auf den vorbestimmten Choral – regelmäßig das Lied „Sancte Dionysius, du bist ein heilig Mann, in allen unseren Nöten, so rufen wir dich an“ anzustimmen. St. Dionysius war der Schutzpatron der Lindhorster Kirche.

Concubinarius „brennt sich zu Tode“

Kulpes’ Protestaktionen führten schließlich dazu, dass Rhode seines Amtes enthoben wurde. Zu seinem Nachfolger bestimmte man einen „Meßpfaffen und Concubinarius“ aus Obernkirchen. Zur Postenübernahme durch den „Neuen“ kam es jedoch nicht. Laut Nothold hatte der liebe Gott selbst „gnädiglich“ und schicksalhaft eingegriffen. So habe die „Beischläferin“ des Obernkircheners vor dessen Aufbruch in Richtung Lindhorst noch „ein Bad in einer Bütte bereitet und einen Kessel mit heißem Wasser dazu getan“. Vermutlich sei der Pfaffe jedoch – wie üblich – vom Wein berauscht gewesen und „deshalb, wie er den Kopf aus der Bütte gesteckt hat, um sich etwas abzukühlen, hat er seinen Sitz verfehlt und hat sich in den Kessel gesetzt, als er das aber gefühlt und die post-praedicamenta (Hinterteil) verbrannt hat, ist er aufgewischt (aufgestanden) und hat eine der Zwillen (Krücken) ergriffen, um sich damit zu erheben, aber die ist ihm viel zu schwach gewesen und ist gebrochen. Da ist er wieder in den Kessel gefallen und hat sich zu Tode gebrannt“.

Während die Ereignisse um Wesche und Rhode heute eher anekdotenhaft wirken und nicht durch zeitgenössische Dokumente nachweisbar sind, ist das Wirken von Eberhard Poppelbaum in (Hessisch) Oldendorf historisch belegt. Der seit etwa 1952 unerschrocken die evangelische Sache vertretende Geistliche darf und muss deshalb als erster bekennender Protestant der hiesigen Region angesehen werden. Wie alle anderen Luther-Sympathisanten stieß auch Poppelbaum lange Zeit auf heftigen Widerstand. Sein größter Gegner war mit Nikolaus von Busche einer der damals prominentesten heimischen Adligen. Doch auch dessen Einfluss reichte nicht (mehr) aus, um den Oldendorfer Prediger aus dem Amt zu jagen. Im Gegenteil: Busche wurde kurz darauf selbst „bekehrt“ und galt fortan als überzeugter Anhänger und Verfechter der protestantischen Sache.

Neue Lehre in Rinteln und Stadthagen

Als erste Bevölkerungsgruppe ließen sich – wie überall im Reich – die Bürger in Schaumburgs Städten vom Geist der neuen Lehre überzeugen. In Stadthagen sammelte ein Kirchenmann namens Johann Weber schon früh eine evangelische Gemeindeschar um sich. Zu den Pionieren in Rinteln gehörte der Geistliche Theodor Heidemann, der zuvor wegen seiner Sympathie für die Luther-Lehre aus Gandersheim vertrieben worden war. Bückeburg war damals noch ein kleiner, völlig unbedeutender Flecken.

Am 5. Mai 1959 war es in ganz Schaumburg soweit. Graf Otto ließ eine evangelische Kirchenordnung einführen. Am Pfingstsonntag fanden überall im Lande erstmals evangelische Gottesdienste statt. Wenig später wurde der Vollzug des Religionswechsels in den Gemeinden im Rahmen von Kirchenvisitationen überprüft. Zu der dazu eingesetzten Kontrollkommission gehörten auch die zuvor verleumdeten Protestanten Poppelbaum und Heidemann.




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