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Vor Gericht: Fünfeinhalb Jahre für Kinderschänder, Bewährung für Mutter, Vater freigesprochen

Der Retter erweist sich als schlimmster Feind

Rinteln/Bückeburg (ly). Die Mutter ist depressiv, der Vater geht in seiner Arbeit auf und kann Probleme zu Hause nicht bewältigen: In dieser Rintelner Familie, zudem sozial schwach, soll ein kleiner Junge unbeschadet aufwachsen. Natürlich gelingt es nicht. "Vom ersten Tag an belasten die Umstände ihn zutiefst", sagt Dr. Birgit Brüninghaus, Vorsitzende Richterin in Bückeburg. Schlimmer noch, der Fall des Fünfjährigen mündet in eine Katastrophe und endet vor dem Landgericht.

veröffentlicht am 16.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:19 Uhr

Gestern hat dessen 1. Große Jugendkammer im Kinderschänder-Prozess gegen drei Rintelner die Urteile verkündet. Gegen den Hauptangeklagten (49), Patenonkel des Jungen, wurden fünf Jahre und sechs Monate Haft verhängt. Der Schuldspruch lautet auf fünffachen sexuellen Kindesmissbrauch, davon in zwei Fällen schwer. Die Mutter (31) erhält eine sechsmonatige Bewährungsstrafe wegen Beihilfe sowie Förderung sexueller Handlung Minderjähriger. Und der Vater (49): Freispruch. In bewegenden Worten begründete Richterin Dr. Brüninghaus das Urteil. "Fassungslos blickt man auf das Schicksal eines kleinen Jungen", sagte sie. Wie oft mag der Kleine sich nach Geborgenheit gesehnt haben in dieser viel zu großen Welt? Sein Patenonkel hat das Gefühl zu bieten. Gern überlassen die überforderten Eltern ihrem entfernten Verwandten die Erziehung des Sohnes. Fast jede Nacht schläft der Fünfjährige in dessen Wohnung, ganz vernarrt ist er in den Erwachsenen. Doch "der scheinbare Retter erweist sich bald als schlimmster Feind", wie es während der Urteilsverkündung heißt. "Menschenverachtend lebt er seine sexuellen Bedürfnisse an dem Kind aus." Fünf Fälle lassen sich später mit jener Sicherheit nachweisen, die für eine Verurteilung nötig ist. Vielleicht waren es mehr, viel mehr. Doch der eingeschüchterte kleine Junge, ohnehin verzögert in seiner Entwicklung, ist allein viel zu schwach, um gegen seinen Peiniger auszusagen. Vor Gericht sitzt er versunken da, den Mund verschlossen. Angst hat er "vermutlich vor den Erwachsenen, die er liebt", so die Richterin. Schon vorher, bei der Polizei, soll er nicht die Wahrheit sagen. "Die Elternüben Druck auf eine zarte Kinderseele aus, sie schützen den Täter." Vielleicht, weil ihnen selbst Haft droht. Irgendwann hat die Mutter Veränderungen bemerkt, Verdacht gehegt, mindestens eine Ahnung von dem bekommen, was im Doppelbett des Patenonkels geschieht. Doch sie verschließt die Augen. "Jede normale Mutter hätte sich wie eine Löwin vor ihr Kind geworfen, Schutz, Trost und Geborgenheit verschafft", sagt Dr. Brüninghaus. Diese Mutter nicht. Diese Mutter "unternimmt halbherzige Aufklärungsversuche und lässt ihr Kind weiter mit dem vermuteten Kinderschänder in der Wohnung. Wie einsam und verlassen muss der Kleine sich gefühlt haben?" Erst eine Erzieherin macht dem Horror ein Ende. "Sie befreit den Jungen aus der Hölle", sagt die Richterin.




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