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"Rad-Rainer" im "Garten der geliebten Steine" / Im Winter bleibt er zu Hause

Der "Sommer-Vagabund": Unterwegs trifft er viele Freunde und Gönner

Schaumburg (cok). Er hat lange Haare und ein wirklich wettergegerbtes Gesicht, der Gast im "Garten der geliebten Steine" des Bildhauer Peter Lechelt oben an der Paschenburg. Vielleicht einer der durchreisenden Steinmetzgesellen? "Ich bin eher durchreisender Radfahrer", sagt der Mann. "Ich bin Rad-Rainer."

veröffentlicht am 23.09.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:25 Uhr

Viele kennen ihn und sein mächtiges Fahrrad, in dessen Radtaschen und Anhänger er alles mit sich führt, was man bei einer monatelangen Abwesenheit von Zuhause so braucht und unterwegs erwirbt. Immer hat er sein Zelt dabei, aber im Schaumburger und im Lipper Land findet er meistens andere Möglichkeit der Übernachtung. So wie seit ein paar Wochen bei Peter Lechelt, dem er gegen Kost und Logis hilft, den wunderschönen Steinskulpturengarten sauber und gepflegt zu halten. Rad Rainer heißt eigentlich Rainer Theil, ist 49 Jahre alt und kommt aus Hildesheim, wo er in der kalten Jahreszeit bei seinen alten Eltern lebt. Er hat mal Funkelektroniker gelernt, war bei der Bundeswehr, arbeitete im Straßenbau und im Wachdienst und irgendwann fand sich irgendwie kein Job mehr für ihn. Geld vom Staat nimmt er nicht, es ist seine Mutter, die ihm hilft, mit 200 Euro im Monat. "Mehr brauch ich nicht", sagt er. "Das geht schon klar." Einfach so arbeitslos sein, das konnte er nicht aushalten, und so brach er das erste Mal vor sieben Jahren von Zuhause auf, um den Sommerüber unterwegs zu sein, ein radfahrender Landstreicher, Berber, Vagabund, der am Feldweg zeltet, sein Süppchen auf dem Gaskocher kocht und wenn es in Strömen regnet,stoisch das Regenzeug anzieht und weiterfährt. Norddeutschland und Holland waren seine Routen, da ist es nicht so bergig. "Willst Du mal alle Fakten wissen", fragt er und liest vor, was er aufgelistet hat: 36 Kilo Leergewicht hat das Rad (ein einfaches Fahrrad aus dem Supermarkt), voll gepackt wiegt es 60 Kilo. Der Anhänger mit der selbstgebauten Deichsel wiegt mit Gepäck noch mal 90 Kilo und alles in allem transportiert er manchmal bis zu 230 Kilogramm Gewicht durch die Gegend. Zur Paschenburg hoch musste er schieben, die höchste Geschwindigkeit abwärts war fast 70 Kilometer pro Stunde. Dass er sichüberhaupt mit dem Rad in die Weserberge aufmachte, hat mit den Externsteinen im Teutoburger Wald zu tun. Seit er dort vor vier Jahren das erste Mal an einer Sonnenwendfeier teilnahm, mit Feuer, Tanz, Musik, fährt er zweimal im Jahr dorthin. Er lernt dort jede Menge Menschen kennen, die dann später manchmal auch zu Anlaufstationen bei seinen Touren werden. "Ja", sagt er, "Menschen wie Peter Lechelt, nett, vernünftig, bodenständig." In Peters Werkstatt fertigte er eine kleine Steintafel mit dem Abbild der Externsteine an, für die Externstein-Toilettenfrau Elisabeth, die ihn immer freigebig mit Kaffee und Brot versorgt. Irgendwann muss er auch mal wieder nach Hause fahren, zu seinen Eltern. "Frühestens Mitte November", meint er. "Vorher werde ich noch zu einem Hoffest fahren, und dann einem Freund helfen, einen Schornstein hochzuziehen." Auf dem Heimweg wird es viele geben, die ihn bei der Durchfahrt grüßen und die Bedienung am Straßenimbiss gibt ihm sicher wieder einen aus. "Ist dein Leben nicht eine Art Weltflucht", wird er gefragt. "Er schüttelt den Kopf: "Im Gegenteil! Damit habe ich in die Welt zurückgefunden."




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