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Erich Moewes (1875-1951) – zum 60. Todestag des ehemaligen Landrats der Grafschaft Schaumburg

Der vergessene Staatsdiener

Die Nachrufe fielen eher dürftig und nichtssagend aus. Am 21. Januar 1951 sei im Alter von 76 Jahren in Hildesheim „Oberregierungsrat Dr. Moewes, der frühere Landrat unseres Kreises, verstorben“, meldete vor 60 Jahren die Schaumburger Zeitung. Moewes habe „unter schwierigen Verhältnissen unseren Kreis mit geschicktem Ausgleich der politischen Gegensätze und mit großem Verwaltungstalent bis 1934 geführt“. Dabei habe er in Rinteln und der Grafschaft viel Vertrauen genossen, „seine von politischen Gegnern erzwungene Versetzung sei allseits lebhaft bedauert“ worden. „Viele werden seiner gern gedenken“.

veröffentlicht am 15.07.2011 um 12:43 Uhr

Landrat Erich Moewes (Quelle: Museum Eulenburg Rinteln). Repros: gp

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Von Bedauern konnte allerdings weder 1934 noch später die Rede sein. Und auch mit dem Andenken an den 17 Jahre lang als einer der ranghöchsten heimischen Staats- und Verwaltungsrepräsentanten hierzulande tätigen Juristen tat und tut man sich schwer. Mehr noch. Erwin Moewes ist nahezu komplett in Vergessenheit geraten. Wenn überhaupt, wird sein Leben und Wirken nur am Rande und im Zusammenhang mit Schaumburgs NS-Ära erwähnt. Dabei gehört der vor 60 Jahren verstorbene Landrat zu den ganz wenigen deutschen Führungskräften, die im Laufe ihrer Amtszeit vier ganz und gar unterschiedliche politische Systeme erlebt und mitgestaltet haben.

Moewes war 1875 als Sohn eines wohlhabenden Berliner Brauereibesitzers geboren worden. Schon als Schuljunge fiel er durch zurückhaltendes Auftreten, kultiviertes Benehmen und tadellose Manieren auf. Weniger gut war es um die Zeugnisnoten bestellt. Vor allem während des Jura-Studiums, auf das er sich auf Wunsch des Vaters eingelassen hatte, ging es nur mühsam voran. „Der Umfang steht in gar keinem Verhältnis zu dem dürftigen Inhalt“, heißt es beispielsweise in der Bewertung seiner schriftlichen Arbeit während des Staatsexamens. Trotz des zweifellos verwendeten Fleißes sei „die Lektüre eine Tortur“. Es war nicht das erste und letzte Mal, dass der junge Kandidat eine Prüfung wiederholen musste. Trotzdem klappte es schließlich mit Doktortitel und Einstieg in den höheren preußischen Verwaltungsdienst.

Nach mehreren Zwischenstationen, bei denen dem Nachwuchsbeamten unter anderem ein „zu nachgiebiger“ Charakter bescheinigt worden war, wurde Moewes im April 1917 der Landratsposten des Kreises Grafschaft Schaumburg mit Dienstsitz in Rinteln übertragen. Von einem Einsatz in dem seit 1914 tobenden Ersten Weltkrieg war er aus gesundheitlichen Gründen verschont geblieben.

Moewes Dienstsitz: das Landratsamt Rinteln um 1940.
  • Moewes Dienstsitz: das Landratsamt Rinteln um 1940.
NSDAP-Radikalinski und Moewes-Gegner Gustav Reineking.
  • NSDAP-Radikalinski und Moewes-Gegner Gustav Reineking.

In seinem neuen, zur preußischen Provinz Hessen-Nassau gehörenden Zuständigkeitsbereich hatte Moewes mit knapp 50 000 Untertanen und 89 Gemeinden und Bürgermeistern zu tun. Seine vorgesetzte Stelle war bis 1932 die Bezirksregierung Kassel. Danach unterstand er dem Regierungspräsidenten Hannover.

Die revolutionären Veränderungen im Gefolge des verlorenen Krieges und die inhaltliche Neuausrichtung seiner Aufgabenstellung nach Gründung der Weimarer Republik nahm Moewes – nach außen hin loyal und innerlich murrend – problemlos hin. Wie das Gros der Beamtenschaft hatte er mit linkem Aufrührertum nichts im Sinn. Während seiner Studentenzeit war er im „Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie“ aktiv gewesen und hatte bei der Gründung der unmittelbar nach Kriegsende aus der Taufe gehobenen republikfeindlichen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) mitgemacht. Das hinderte ihn jedoch nicht, sich dem neuen, erstmals frei gewählten und mehrheitlich mit Sozialdemokraten besetzten Kreistag als neutraler und um Harmonie und Ausgleich bemühter Demokrat und Verwaltungschef zu präsentieren. Drohende Konflikte versuchte er auszusitzen. Moewes „Tatkraft und Initiative“ ließen gelegentlich „zu wünschen übrig“, heißt es in einer dienstlichen Beurteilung 1927.

Der „nationalkonservative Stallgeruch“ schien Moewes bei der „Machtergreifung“ Hitlers zugute zu kommen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kollegen blieb er im Amt. Dass er trotzdem schon bald große Probleme bekam, hatte mit dem rabiaten und umtriebigen NSDAP-Kreisvorsitzenden Reineking zu tun. Der skrupellose Fanatiker ging 1933 – gestärkt durch den Reichstag-Wahlsieg seiner Partei – sofort zum Frontalangriff über. Schon bald war klar, dass es der gelernte Korbmacher auf Moewes Posten abgesehen hatte. Durch selbstherrliche und zum Teil illegale Aktionen begann er, dessen Autorität als Kreispolizeichef zu untergraben. Darüber hinaus streute er Gerüchte, der oberste Rintelner Kreisbeamte treibe es mit einer Sekretärin.

Im April 1934 konnte Moewes dem Druck nicht mehr standhalten. Er wurde zur Bezirksregierung Hildesheim abgeschoben. Einziger Trost: Finanzielle Nachteile hatte die Versetzung nicht. Nur wenig später wurde dem Geschassten eine Planstelle als Regierungsrat übertragen. Wegen der kriegsbedingten Personalknappheit blieb er sogar noch nach Erreichen der Altersgrenze (1940) im Amt. Und auch die englischen Besatzer griffen 1945 nochmals auf die Dienste des erfahrenen und vor allen unbelasteten Verwaltungsjuristen zurück. Moewes wurde als Landrat reaktiviert. Erst Ende März 1947, im Alter von 71 Jahren, war für den inzwischen zum Oberregierungsrat beförderten Fachmann endgültig Schluss.

Die Zeit nach der Machtergreifung und der erzwungene Wechsel nach Hildesheim seien „ein einziges, großes Martyrium“ für ihn gewesen, beschrieb Erich Moewes später seine Erfahrungen während der NS-Zeit. Als Regimegegner oder gar Widerstandskämpfer ist er – trotz des zweifellos erlittenen Unrechts – allerdings nicht in Schaumburgs Geschichte eingegangen. Dazu hat es im Laufe seines Lebens zu viel „Flexibilität“ und zu wenig persönliche Ecken und Kanten gegeben.

Was Moewes aus historischer Sicht bis heute interessant und bemerkenswert macht, ist seine für das Gros der deutschen Beamtenschaft typische Verhaltensweise. Anders gesagt: An Moewes lässt sich – beispielhaft – die Rolle der Staatsdiener in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachvollziehen. Darüber hinaus bleibt ein außergewöhnliches, von den Verwerfungen der damaligen Zeit in besonderer Weise geprägtes Menschenleben.




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