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Von architektonischen Gemeinheiten

Der wütende Hamster

Doppelhaus, Doppelhaus, Doppelhaus. Kennen Sie diese Stadtbahnfahrt durch Hannover-Ricklingen? Ein Doppelhaus neben dem anderen. Alle identisch gebaut, über die Jahre individualisiert durch den Garten drum rum, das Auto davor. Und durch Fassadenfarben. Aber da wird’s speziell:

veröffentlicht am 29.02.2020 um 07:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Doppelhäuser haben einen Eigentümer pro Hälfte, nicht pro Haus. Also gibt’s auch zwei Anstriche. Rosa links, mint rechts? Eher nicht. Links – nennen wir’s mal – beige, rechts auch beige, aber eine Nuance dunkler. Ich will das nun nicht überbewerten – aber: Müssen wir uns noch über den nie gelösten Nahostkonflikt wundern, wenn sich zwei Nachbarn nicht mal auf denselben Ton Beige verständigen können?

Häuser sind ja generell ein ergiebiges Thema, besonders die ästhetisch problematischen. Jeder kennt mindestens eins dieser Kategorie: die Fassade in praktisch gräulich-weißem Putz, zwei Fenster im oberen Stock. Eins mittelgroß, eins einen Hauch weniger mittelgroß und in der Höhe leicht versetzt. Die Haustür darunter ein mittig platzierter schmaler Schacht. Das Gesamtensemble wirkt, als würde ein Kleinkind das Gesicht eines zornigen Hamsters imitieren. Wie konnte das passieren? Es gibt Bauvorschriften für alles. Steht da wirklich nichts über wütende Hamster?

In Belgien gibt es offenbar noch viel mehr solch bemerkenswerter Architektur. Unter der Überschrift „Ugly belgian Houses“ – hässliche belgische Häuser – sind sie im Internet versammelt. Halb zugemauerte Fenster, gar keine Fenster, Häuser, die schmollen, Häuser, die schielen, groteske Ritterburgen. In Swansea – Wales, nicht Belgien – gibt es ein Haus, das aussieht wie Hitler. Der Betrachter bleibt zurück mit einem großen: Warum nur?

Ich glaube nicht, dass dies nun viel mit der eingesetzten Geldmenge zu tun hat. Auch mit sehr viel Geld lässt sich bekanntermaßen auffallend geschmacklos oder gar menschenfeindlich bauen. Im Urlaub am Mittelmeer oder in Irland schwelgen wir hingegen verzückt in jahrhundertealtem pittoresken Investitionsstau.

Aber vielleicht sind all diese Problemhäuser – die zerstrittenen Doppelhaushälften, die Hamster wie die hässlichen belgischen oder walisischen – von innen bildschön. Lichtdurchflutet, die Abendröte fällt warm auf den Esstisch, die Morgensonne lacht durch raffiniert platzierte Dachluken ins Obergeschoss, das Interieur ein Festival des guten Geschmacks. Ach nein, ich glaube ja auch nicht dran. Und sogar wenn es so wäre: Ist den Leuten so schrecklich egal, wie ihr Heim auf die Außenwelt wirkt? Oder noch schlimmer: Ist ihnen die Außenwelt generell schrecklich egal?

Ein Land weiter – von Belgien wie Deutschland aus betrachtet – gehen die Niederländer einen anderen Weg: Das Außen darf rein. Reingucken zumindest. Holländische Häuser sind Fenster mit einem bisschen Drumherum. Das gilt sogar für städtische Mietshäuser. Ich saß mal in so einem mit der Familie am Abendbrottisch. Jenseits des Innenhofes: leuchtende Fenster auf dreieinhalb Etagen. Keine Gardinen, keine betongrauen Jalousien. Stattdessen: lauter Familien am Esstisch. Jeder für sich und doch alle zusammen. Das hat mir gefallen. Und nirgends ein wütender Hamster.




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