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Erleichterung vor 290 Jahren nach dem Tode des „wunderlichen Grafen von Bückeburg“ Friedrich Christian

Der wunderliche Graf von Bückeburg: Gewalttätig und sexsüchtig

BÜCKEBURG. In den Burgen, Schlössern und Herrenhäusern des Weserberglandes soll es oft hoch hergegangen sein. Nicht selten waren dem Vernehmen nach auch Sex, Eifersucht und Alkohol im Spiel. Eine der bisher heißesten Partys aber dürfte vor gut 300 Jahren im Schloss zu Bückeburg abgegangen sein.

veröffentlicht am 21.12.2018 um 11:47 Uhr
aktualisiert am 24.12.2020 um 16:49 Uhr

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Die Folgen des wüsten Treibens beschäftigten sogar das kaiserliche Reichsgericht. Hauptperson war der schaumburg-lippische Landesherr Friedrich Christian, „der wunderliche Graf von Bückeburg“ genannt. Die Bezeichnung „wunderlich“ war maßlos untertrieben. Der zwischen 1681 und 1728 residierende Potentat darf getrost als einer der unberechenbarsten und „geilsten“, jemals hierzulande an die Macht gekommenen Regenten bezeichnet werden.

Die Beschreibung seines Lebens und seiner zahllosen Eskapaden würde Romanbände füllen. Friedrich Christian galt als intelligent, wissbegierig, gewaltbereit und vergnügungssüchtig. Dazu kam ein extrem unbeherrschtes, sprunghaftes Wesen. Seine Laune konnte von einer Sekunde auf die andere „von sanft auf tobsüchtig“ umschlagen, heißt es in einem Bericht, „so daß man nicht sagen kann, daß er bey sich selbst say und niemand ohne Leib- und Lebensgefahr alßdann bei ihm bleiben könnte“.

Das Wohlergehen seiner Untertanen interessierte den rabiaten Adligen wenig. Sein Regierungsstil war chaotisch. Er häufte gewaltige Schuldenberge an. Des Öfteren soll er mit dem Gedanken gespielt haben, sein kleines Territorium an den Landgrafen von Hessen-Kassel zu verkaufen.

Die meiste Zeit seiner fast ein halbes Jahrhundert andauernden Regentschaft hielt sich Friedrich Christian außerhalb des eigenen Herrschaftsbereichs auf. Reiseziele waren Österreich und Italien. Auch beim „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. in Paris und Versailles war er längere Zeit zu Gast. In der Fremde fand er das, was im provinziell-beschaulichen Bückeburg nicht zu haben war: Unterhaltung, rauschende Feste und amouröse Abenteuer. Dem „wunderlichen Graf von Bückeburg“ eilte der Ruf eines unersättlichen Liebhabers voraus. Sein liebstes Betätigungsfeld war Venedig. Die Stadt war damals nicht umsonst als „italienischer Venusberg“ bekannt.

Nach Hause kam Friedrich Christian nur, um seine Reiseschatulle aufzufüllen und seiner zweitgrößten Leidenschaft zu huldigen – dem Jagen. Bei seinen Streifzügen durch die Wälder soll er – aus purem Jähzorn – auch Menschen zur Strecke gebracht haben. Im Schaumburger Wald erschoss er kurzerhand einen Treiber, und auf der Arensburg köpfte er eigenhändig den dort zuständigen Forstaufseher.

Das ausschweifende Leben legte sich auch nicht, als der mittlerweile 36-Jährige die gerade mal 17-jährige Prinzessin Johanna Sophie aus dem Hause Hohenlohe-Langenburg heiratete. Die als attraktiv beschriebene junge Dame soll das genaue Gegenteil ihres Gatten gewesen sein – fromm, gütig und treu. In den ersten sechs Jahren der Ehe brachte sie – kurz hintereinander – vier Nachkommen zur Welt. Die Kinder wurden nur wenige Monate alt. Ehemann und Vater Friedrich Christian schien das kaum zu interessieren. Er war ständig auf Achse. Für den Fall, dass eine Rückkehr nicht zu vermeiden war, hielt er Extra-Liebesnester vor. Der Graf habe „fast auff allen seinen Jagt-Häusern und Vorwercken gewisse Persohnen zur Büssung seiner Venerischen Lust unterhalten“, heißt es in einem Bericht. Sogar im Schloss reichte ihm seine junge Ehefrau als alleinige Bettgefährtin offenbar nicht aus. Immer wieder sei „der Graff des Nachts wohl aus dem Bett bey ihr auffgestanden und denen sich in Fraw (Frau) Gräffin Diensten befindlichen Mägdens dergestalt nachgegangen, daß dieselben sich vor ihn nicht zu retten gewusst“.

Eines Nachts, es war in den frühen Morgenstunden des 20. Januar 1702, wurde es der jungen Ehefrau zu viel. Ihre Eltern im fernen Württemberg, denen die Zustände am Bückeburger Hof nicht verborgen waren, hatten für sie - als Beschützerin eine Extra-Zofe engagiert. Das „neue Fräulein von Berg“ zog sofort die lüsternen Blicke Friedrich Christians auf sich. Doch die junge Frau wollte nicht. Voller Wut ersann der Hausherr eine schnöde List. Er arrangierte ein feucht-fröhliches Trinkgelage. Was dabei passierte, beschreibt der Zeitchronist so: „Auff der weise musste ausgetruncken werden, und damit wurde so lang continuiret, biß alle, und in specie die Fräulein ihre volle Ladung hatten. Nach endlich auffgehobener Taffel that der Herr Graff bey der berauschten Fräulein (von Berg) in der Fraus Gräffin Vorgemach ferner instanz, aber sie leistete Widerstand und verschloß sich auf ihrem Zimmer. Danach lieff er nicht anders, alß ein rasender Mensch mit blossem Degen auff dem Schloß herumb und schlug die Fenster in Stücken“.

Johanna Sophie, die mittlerweile einem gesunden Sohn (Albrecht Wolfgang) das Leben geschenkt hatte und erneut schwanger war, nahm den dreijährigen Erbprinzen an die Hand und floh mitten in der Nacht ins preußische Ausland nach Minden. Zur Finanzierung des Unterhalts ließ sie einen Teil der Kronjuwelen mitgehen. Im Mindener Exil brachte sie später einen weiteren Knaben (Friedrich Ludwig Karl) zur Welt.

Friedrich Christian tobte. Er drohte, seine Ehefrau „zu massacriren und darauff auch das Schloß mit allem so in Brand zu stecken“. Mit allen Tricks arbeitete er fortan darauf hin, die beiden Söhne und den Schmuck zurückzubekommen. Es kam zu einem Jahrzehnte andauernden Verfahren vor dem Wiener Reichsgericht. Johanna Sophie fand Unterkunft und Schutz am Hannoverschen Welfen-Hof. Als der dortige Hausherr (Kurfürst Georg Ludwig II.) 1714 zum König (Georg I.) von Großbritannien gekrönt wurde, folgte sie ihm und seinem Hofstaat nach London. Auch die Kinder konnte sie vor dem Zugriff des unberechenbaren Erzeugers und Ehemanns bewahren.

Wie eine Erlösung wurde nicht nur hier zu Lande, sondern überall im Reich die Nachricht vom Tode Friedrich Christians aufgenommen. Er starb am 13. Juni 1728, also vor 290 Jahren, nach einem Schlaganfall. Seine Ex-Frau und die beiden Prinzen kehrten nach Bückeburg zurück. Albrecht Wolfgang übernahm die Regierung. Johanna Sophie zog sich auf den Witwensitz der Familie in Stadthagen zurück. Trotz des erlittenen Ungemachs hegte sie keinen Groll. „Ich bedaure seine arme Seele und wünsche, daß die Barmherzigkeit Gottes sie möge zu sich gezogen haben“, soll sie über den verblichenen Ehemann gesagt haben. „Das weiß mein Gott, daß ich ihn treu geliebet“.




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