weather-image
×

Der 88-jährige Heimold Hahn erinnert sich: Auch Katholiken beteiligten sich am Wiederaufbau

Der „Zeigefinger Gottes“ musste wieder her

Hameln. „Der Wiederaufbau der Marktkirche – das war die schönste Aufgabe, die ich je in meinem Leben hatte.“ 50 Jahre ist es jetzt her, seit Heimold Hahn, der mittlerweile 88-jährige ehemalige Vorsteher der Hamelner Marktkirchengemeinde und einzige Überlebende des damaligen Kirchenvorstands, mitverantwortlich für den Wiederaufbau des mitten in der Stadt gelegenen Kirchengebäudes war, das am 6. April 1945 durch den Beschuss der Amerikaner ausgebrannt und zerstört worden war.

veröffentlicht am 01.12.2009 um 10:16 Uhr

Autor:

„Rund 40 000 Mark hatte der Bau der Notkirche in der Zeit von 1947 bis 1949 gekostet“, erinnert sich Hahn. „Das war ein sehr gemütlicher Raum in den Mauern der zerstörten Kirche. Aber es passten nur 500 Menschen hinein.“ Deshalb seien schon bald Hamelner Bürger zu ihnen gekommen und hätten gesagt: „Ihr müsst die Kirche wieder aufbauen.“ Vor allem der damalige Stadtbaurat Albert Schäfer, der sich auch nach Aussage des Historikers Bernhard Gelderblom sehr engagiert um die Wiederherstellung des Hamelner Stadtbildes gekümmert hatte, forderte laut Hahn: „Der ,Zeigefinger Gottes‘, der Marktkirchenturm, muss wieder her.“

„Erstmal mussten wir Mitglieder für den Kirchenbauverein werben“, erzählt Hahn. „Dazu wurde jedes Kirchenvorstandsmitglied verpflichtet, monatlich ein neues Mitglied zu bringen. Als die Familienmitglieder und Freunde geworben waren, wurden Straßen zugeteilt, die wir dann abgeklappert haben.“ Hahn erinnert sich: „In der Alten Marktstraße klingelte ich an einer Tür. Ich wurde hereingebeten, nachdem ich erläutert hatte, worum es geht.“ Es stellte sich heraus, das es sich um ein katholisches Ehepaar handelte, dass trotzdem seinen Beitritt erklärte habe, denn „wir wissen wie es ist, eine Kirche zu verlieren“. Hahn: Das sei ein erster Akt der Ökumene gewesen, die ihm persönlich immer am Herzen gelegen habe. Ohne Zuschüsse der Landeskirche, der Klosterkammer und des Landes Niedersachsen wäre das Projekt aber nicht zu schaffen gewesen, bestätigt er. „Als die Kirche fertiggestellt war, hatten wir noch Schulden und mussten fünf oder sechs Jahre den aufgenommenen Kredit abzahlen“, erzählt der Mann, der von 1953 bis zum Jahr 2001 ununterbrochen dem Kirchenvorstand der Gemeinde angehörte.

Um das Vorhaben, das eine riesige Kraftanstrengung für die Gemeinde bedeutete, zu finanzieren, wurde am 17. Februar 1954 ein Kirchenbauverein gegründet, der allein im ersten Jahr seines Bestehens 14 000 Mark an Mitgliedsbeiträgen und 16 000 Mark an Spenden auf seinem Konto sammelte. Als der Kirchenvorstand drei Jahre nach der Wiedereinweihung der Kirche – sie erfolgte nach zweijähriger Bauzeit am 6. Dezember 1959 – die Abrechnung vorlegte, hatte der Verein bis zum Jahr 1962 immerhin 270 000 Mark zum Wiederaufbau beigesteuert. Die Kirchengemeinde selbst war mit 190 000 Mark beteiligt. Insgesamt hatte die Wiederherstellung 1,25 Millionen Mark gekostet. Das war eine für die damalige Zeit außerordentlich hohe Summe.

3 Bilder
Eine Zeichnung von der Notkirche, die von 1947 bis 1949 innerhalb der Mauern der zerstörten Marktkirche errichtet wurde.

Neben dem damaligen Senior-Pastor Wilhelm Brüning, der an erster Stelle für das Bauvorhaben verantwortlich war, nennt Hahn noch das Kirchenvorstandsmitglied Koch, das sich besonders um den Wiederaufbau verdient gemacht habe. „Der war jeden Tag auf dem Bau und ging den Arbeitern damit manchmal ganz schön auf die Nerven. Aber er hat sich um alles gekümmert und auch mal ne Kiste Bier hingestellt.“

Den Auftrag für die Planung und die Baudurchführung erhielt Dr.-Ing. Eberhard G. Neumann aus Münster. Aber um viele Details kümmerte sich der Kirchenvorstand selbst. „Obwohl wir damals nur 14 Tage Urlaub hatten, besuchten wir so manche Baustelle in anderen Orten, zum Beispiel in Minden und Bremen“, berichtet Hahn. „In Bremen fanden wir dann auch Kirchenfenster, wie wir sie haben wollten, und den Künstler, der sie für uns herstellen sollte.“

An der Einweihung, während der viele Tränen flossen, sollte nach der Erinnerung Hahns eigentlich auch Landesbischof Hanns Lilje teilnehmen, doch habe er kurzfristig abgesagt und sei durch Landessuperintendent Schulz vertreten worden. Dass es bei der Einweihung so viele Tränen der Rührung auch bei seiner Ehefrau Helga gab, hängt nach Ansicht von Hahn damit zusammen, „dass es damals eine Zeit der Hoffnung und der Dankbarkeit war, den Krieg überlebt zu haben“. So seien denn auch die Kirchen damals viel voller gewesen als heute.

Die Gemeinde der Marktkirche feiert das 50-jährige Jubiläum der Wiedereinweihung ihrer Kirche an diesem und am nächsten Wochenende mit einem Festprogramm:

Am Samstag, den 5. Dezember, hält Bernhard Gelderblom um 16 Uhr im Haus der Kirche einen Vortrag zum Thema „Hameln in den 50er Jahren: Die Altstadt und der beispielhafte Wiederaufbau der Marktkirche“.

Sonntag, 6. Dezember, um 10 Uhr offenes Singen und Festgottesdienst in der Marktkirche, anschließend Essen im Haus der Kirche und Eröffnung der Fotoausstellung zum Wiederaufbau der Marktkirche.“

Ebenfalls am Sonntag, den 6. Dezember, findet um 17 Uhr in der Marktkirche ein deutsch-englischer Gottesdienst statt.

Sonntag, 13. Dezember, um 10 Uhr Adventsgottesdienst in der Marktkirche, anschließend kirchenpädagogische Führung.




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige