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Deutsche Sprache ist die größte Hürde

Der vor kurzem von der Integrationsbeauftragten der Bunderegierung, Maria Böhmer, vorgestellte Bericht zur Lage der Ausländer in Deutschland spricht eine eindeutige Sprache. Als „dramatisch“ bewerteten Fachleute die Situation nach der Veröffentlichung des Berichts, und die darin dargestellten Fakten sind auch für die heimische Region zutreffend.

veröffentlicht am 15.07.2010 um 19:14 Uhr

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„Ja, Ausländer und Migranten haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt“, meint Carsten Krug, Arbeitsvermittler in der Rintelner Geschäftstelle der Arbeitsagentur. „Für die meisten Arbeitgeber ist es in erster Linie wichtig, dass ihre Beschäftigten die deutsche Sprache beherrschen, und erst in zweiter Linie ist die berufliche Qualifikation entscheidend“, sagt Krug. Die Arbeitsprozesse in den Betrieben seien von einer funktionierenden Kommunikation geprägt, und wenn ein Arbeitgeber eine Stelle besetzen muss, dann sei es das A und O, ohne Verständigungsschwierigkeiten auszukommen, erklärt Krug.

Wenn allerdings diese erste große Hürde, nämlich die guten Deutschkenntnisse, von einem arbeitssuchenden Migranten übersprungen wird, dann sind laut dem Rintelner Arbeitsvermittler seine Chancen, einen Job zu finden, mit denen eines Deutschen vergleichbar. Es gibt aber auch Ausnahmen, sagt der Arbeitsvermittler. „Einige Arbeitgeber stellen keine Migranten ein, aber das sind nur die allerwenigsten.“ Sind die Deutschkenntnisse eines Bewerbers hingegen gut, ist es maßgeblich die berufliche Qualifikation, die über das Zustandekommen eines Beschäftigungsverhältnisses entscheidet.

Dabei beobachten Dr. Feyzullah Gökdemir, Integrationsbeauftragter des Landkreises Hameln-Pyrmont, und Carsten Krug in ihrer alltäglichen Arbeit allerdings auch, dass es durchaus ein Unterschied ist, welche Nationalität ein Migrant hat. „Deutschstämmige Migranten sind einfacher zu vermitteln“, sagt Krug. Ursache dafür sei, dass in diesen Familien die deutsche Sprache, manchmal über viele Generationen hinweg, eine große Rolle gespielt habe. Daraus resultiere, dass insbesondere die jungen Mitglieder dieser Familien wesentlich motivierter seien, die deutsche Sprache zu erlernen. Demgegenüber hat Gökdemir in den letzten Jahren gerade mit türkischstämmigen Migranten ganz andere Erfahrungen gemacht. „Als vor über 30 Jahren Gastarbeiter in Deutschland gebraucht wurden, hat es nur unzureichende Perspektiven für die nächste Generation dieser Gastarbeiter gegeben“, sagt er. Viele Kinder von Gastarbeitern hätten tagtäglich erlebt, wie ihr Vater ohne besondere Qualifizierung gutes Geld verdient habe. Und die deutsche Sprache als Grundlage der Kommunikation habe für die meisten Tätigkeiten von Gastarbeitern keine wichtige Rolle gespielt. „Mittlerweile sieht das anders aus“, meint der Hameln-Pyrmonter Integrationsbeauftragte: Der Arbeitsmarkt habe sich dahingehend entwickelt, dass es mittlerweile unerlässlich ist, die deutsche Sprache zu beherrschen. „Gerade die jungen Migranten müssen umdenken“, sind sich Krug und Gökdemir einig.

Gerade das Umdenken werde den jungen Migranten in Deutschland aber nicht gerade leichtgemacht, meint Krug. Seiner Einschätzung nach hält sich in der Gesellschaft zum einen der Vorbehalt, dass Migranten trotz vieler Integrationsbemühungen immer noch nicht in Europa angekommen sind. Zum anderen fehle es den jungen Migranten an Vorbildern, meint Gökdemir. Über viele Jahrzehnte habe man es versäumt, gezielte Integrationsmaßnahmen auf den Weg zu bringen, und so vermutet der promovierte Sozialwissenschaftler, dass auch im Weserbergland die Integration von Migranten auf dem Arbeitsmarkt noch ein langwieriger Prozess ist.

Der Bericht zur Arbeitsmarktlage von Migranten nennt viele Zahlen – eine davon ist besonders erschreckend: Rund 80 Prozent der Arbeitslosen ohne Schulbildung haben einen Migrationshintergrund. Die Erkenntnis, dass eine gute Schulbildung die beste Voraussetzung für einen Job ist, sei folgerichtig, meint Gökdemir. Die Integrationsmaßnahmen, die mittlerweile an vielen Schulen zum Standard gehören, würden erst in einigen Jahren zum Tragen kommen.

Ein ganz anderes Problem sei, so Gökdemir, dass die im Heimatland der Migranten erworbenen Qualifizierungen in Deutschland nicht anerkannt werden. „Es gab Zeiten, da war beinahe jeder zweite Einwanderer laut eigenem Bekunden Ingenieur oder Akademiker in seinem Heimatland“, ergänzt Krug. Und oftmals hätte sich schon nach kurzer Zeit in der Praxis gezeigt, dass die vorgegebene Qualifikation schlicht und ergreifend nicht einmal ansatzweise vorhanden gewesen sei. „Stimmt“, sagt Gökdemir, aber dennoch sei die Zahl der hochqualifizierten Facharbeiter mit Migrationshintergrund groß. Studierte Neurologen, die als Sozialarbeiter arbeiten, Akademiker, die sechs Sprachen fließend beherrschen und keinen Job bekommen, sind zwar nur die Spitze des Eisbergs, aber geben auch Aufschluss darüber, welches Potenzial bei Ausländern und Migranten vorhanden ist. Teilweise wird dieses Potenzial auch erkannt, wie Krug beschreibt: „Osteuropäische Handwerker im Allgemeinen und die der Baubranche im Speziellen haben wegen ihrer enormen Vielseitigkeit, ihrem Allround-Talent, kaum Probleme, eine Anstellung zu finden.“

Im Landkreis Hameln-Pyrmont gab es im April 2010 laut Gökdemir 7295 Arbeitslose. 15 Prozent davon, also 1109, waren Ausländer. Per Defintion sind Ausländer Bürger, die weder die deutsche Staatsangehörigkeit haben, noch als Flüchtling oder Vetriebene einen deutschen Pass besitzen. „Spätaussiedler zum Beispiel haben zweifelsohne einen Migrationshintergrund, genau wie die Kinder und Enkelkinder der als Gastarbeiter bekannten Einwanderer. Sie werden aber nicht als Ausländer definiert. Der Anteil der Arbeitslosen mit Migrationshintergrund würde – rechnete man diese Bevölkerungsgruppen hinzu – zwischen 25 und 30 Prozent liegen“, vermutet Gökemir. Andere Länder, allen voran Kanada, die USA und Dänemark, hätten in den letzten Jahren erfolgreiche Integrationsarbeit betrieben. Mit Punktesystemen und knallharten Auswahlverfahren versuchen andere Einwanderungsländer, effektive Integrationsarbeit zu betreiben.

„Man kann die fehlgeschlagenen Integrationsbemühungen der letzten 30 Jahre nicht leugnen, aber man kann vieles anders und einiges sogar besser machen“, betont Gökdemir. Es gebe Familien mit Migrationshintergrund, die haben sich mit der Situation in Deutschland arrangiert. Von großen Enttäuschungen bei den Migranten spricht Gökdemir – und auch davon, wie aus Enttäuschung manchmal auch Lethargie wird. Und gerade deswegen sei es seiner Meinung nach wichtig, dass ein Umdenken stattfindet. Die Arbeitsagentur hat zahlreiche Programme und Maßnahmen aufgelegt, um Migranten sprachlich und beruflich für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Krug: „Je früher die Integrationsarbeit beginnt, desto besser.“ Bereits in Kindergärten und Schulen werden Anstrengungen unternommen, den Migranten die deutsche Sprache als wichtigsten Baustein der Arbeitswelt nahezubringen. Wichtig sei, da sind sich der Arbeitsvermittler und der Integrationsbeauftragte einig, dass in den Familien der Migranten die große Bedeutung der deutschen Sprache für den Arbeitsmarkt erkannt wird.

Die Integration von Ausländern und Migranten in den Arbeitsmarkt ist und bleibt noch viele Jahre eine Herkulesaufgabe. Das zumindest sagen der Integrationsbeauftragte des Landkreises Hameln-Pyrmont, Dr. Feyzullah Gökdemir, und der Arbeitsvermittler der Rintelner Geschäftsstelle der Arbeitsagentur, Carsten Krug. Noch vor der beruflichen Qualifikation sind Deutschkenntnisse entscheidend.




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