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Freya Klier kämpft gegen das Vergessen

„Die Menschen haben noch keine Sprache für das Neue“

Bückeburg. Es ist schon so: 24 Jahre nach dem Fall der Mauer scheint die DDR weit weg zu sein. Stasi-Spitzel … Todesschüsse … war da was? Eine unermüdliche Kämpferin gegen das Vergessen ist Freya Klier, die 1980 zu den Mitbegründern der Friedensbewegung gehörte und jetzt Gast beim „Mittagsgespräch“ der Konrad-Adenauer-Stiftung war. „Du sollst dich erinnern“, lautet das „11. Gebot“ der früheren Bürgerrechtlerin. Und: „Wir müssen achtsam bleiben gegenüber Unrecht und Diktaturen.“

veröffentlicht am 07.09.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 12:41 Uhr

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Viel Zeit braucht Freya Klier nicht, um die rund 270 Zuhörer im Rathaussaal in ihren Bann zu ziehen. Schon nach einigen Minuten ist es mucksmäuschenstill, es herrscht eine konzentrierte Stille, wie man sie in dieser Form selten erlebt. Kein Wunder, schließlich ist das, was die frühere DDR-Bürgerrechtlerin an diesem Tag vorträgt, wirklich unglaublich. Klier erzählt von ihrer Zeit im Kinderheim, von Gehirnwäsche und „Stalinisierung“, sie erzählt von ihrem Bruder und seiner Verhaftung und sie erzählt von der versuchten Flucht in die BRD und dem Verrat.

Diese bewegende Geschichte ist noch lange nicht am Ende, und das liegt daran, dass die engagierte Demokratin bis heute Vortragsreisen unternimmt und Schüler über das Unrechtssystem aufklärt. Es liegt aber auch an alten Stasi-Spitzeln, die der 63-Jährigen bis heute nachspüren, wie Friedrich Pörtner in seiner Begrüßung ausführt. „Bei ihrer ersten Veranstaltung in Bückeburg haben mich zwei Herren in langen Mänteln angesprochen“, erinnert sich der Politiker. Er habe dann Frau Klier davon erzählt und sie habe ihm gesagt: „Das ist für mich nichts Neues, das sind zwei IM, die mich in die alten Bundesländer begleiten.“ Kopfschütteln im Publikum.

Freya Klier selbst tritt an diesem Tag sehr bescheiden auf. Mit ihrer Person und ihrer Biografie legt sie Zeugnis darüber ab, was sich im Unrechtsstaat DDR zugetragen hat und was bis heute gärt und schwelt. Warum sie sich das bis heute „antut“? Die 1950 in Dresden geborene Autorin formuliert das so: „Weil es immer noch viele Länder gibt, in denen die Menschenrechte mit Füßen getreten werden.“ Und: „Weil das Erinnern wichtig ist.“

Dass das Regime der DDR bis heute nachwirkt, ist eine Erkenntnis, die sich an diesem Tag wie ein roter Faden durchzieht. An ihrem eigenen Leben schildert Klier beispielhaft den alles durchdringenden Machtapparat, sie erzählt von ihrer Kindheit und von der Mutter, die von einem Mann aus der Straßenbahn geworfen wird. Ein einschneidendes Erlebnis, denn der Vater gibt dem Rüpel, der sich als „Vopo“ entpuppt, einen Schubser. Dafür landet er ein Jahr im Arbeitslager, denn: „Volkspolizisten galten 40 Jahre als unantastbar, sie konnten 40 Jahre ungestraft gegen die Menschen wüten.“ Für Freya und ihren Bruder bedeutete das: Wegschluss in ein Kinderheim, das zur Stasi gehörte – mit all den unangenehmen, schlimmen Folgen.

Es sind diese Beispiele ihrer Biografie, die es Klier ermöglichen, die Denke der DDR und ihrer Wasserträger zu entschlüsseln. Inzwischen ist sie sicher: In bestimmten Verhaltensmustern gibt es eine Kontinuität, die ins totalitäre Denken des dritte Reiches und der Sowjetunion hinabreichen. „Diese Muster sind nach dem Ende einer Diktatur nicht einfach weg, sondern werden für die nächste Diktatur nutzbar gemacht“, gibt die heute in Berlin lebende Autorin zu Bedenken. So sei die Kollektivierung der Gesellschaft ein wesentliches Merkmal der DDR gewesen. „Das Wort Individuum wurde aus dem Sprachgebrauch gestrichen“, sagt Klier. Und: „Die 60er-Jahre waren das grausamste Jahrzehnt in der Geschichte der DDR.“ Vor allem Jugendliche hätten unter dem starken Druck leiden müssen. Versammlungen von fünf Leuten auf dem Bürgersteig? Verboten! Das Tragen von Jeans als Symbol des kapitalistischen Westens? Verboten! Westliche Musik von den „Stones“ oder den „Beatles“? Verboten!

Freya Kliers Bruder Steffen wird diese repressive Haltung zum Verhängnis. Als Volkspolizisten den 17-Jährigen erwischen, wie er und seine Freunde Liedtexte tauschen, wird er von einem Polizeikommando niedergeschlagen, abtransportiert und zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt (einige Freunde bekommen elf Jahre, weil sie „Nazischweine“ gerufen haben). Ab sofort gilt Steffen als „Staatsfeind“, dem nach seiner Entlassung sogar das Studium verweigert wird. Er wird zur Fließbandarbeit abkommandiert und kommt, da er sich weigert, in die geschlossene Anstalt eines Gefängnisses. Dort nimmt er sich schließlich das Leben.

In den 1970er- und 1980er-Jahren ändert sich das Klima. Das System nimmt „etwas von der Schärfe heraus“, Jugendclubs werden eingerichtet und man darf sogar westliche Musik hören, wie Freya Klier ausführt. „Als ich damals meiner Nichte gesagt habe: ,Für diese Musik ist dein Onkel vier Jahre ins Gefängnis gegangen‘, konnte sie das erst gar nicht glauben“, erinnert sie sich.

1989/1990: Endlich, die Zeit der Wende. „Ein System der Unterdrückung ist gestürzt, ein neues verheißungsvolleres wetterleuchtet am Horizont“, liest Klier aus einem kurzen Text vor. „Auf einmal ist alles ganz einfach, rüber in den Westen, zurück in den Osten und umgekehrt.“ Die Welt stehe plötzlich offen.

Und dennoch die Frage:: Lässt sich eine 40-jährige Diktatur so einfach abschütteln? Noch gebe es Verhaltensmuster, die sich noch nicht aufgelöst haben, bemerkt Klier, „die Menschen haben noch keine Sprache für das Neue“. Dann Fragen aus dem Publikum. Wie es mit der (N)„Ostalgie“ stehe, will einer wissen. Freya Klier nickt bestätigend und sagt, dass es bis heute „diese Menschen gibt, die die DDR loben“. Das aber sei nur ein Teil, es gebe viele Menschen, die gar nichts mehr mit der DDR zu tun haben wollten. Ein Problem sieht Klier darin, dass es in Ostdeutschland Orte gebe, in denen die „alten Genossen“ den Diskurs bestimmten.




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