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Von meditativem Mähen und lästigem Löwenzahn

Die Rache des Rasens

Dreimal an der Schnur gerissen und die Maschine röhrt los. In einer Stunde habe ich den Rasen wieder auf dem Niveau eines besseren Dorfbolzplatzes. Eine Stunde, jede Woche. So ein Rasen verlangt seine Zeit.

veröffentlicht am 13.06.2020 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 13.06.2020 um 14:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Gedüngt habe ich in diesem Jahr auch schon. Vertikutiert. Gekalkt. Sand auf dauerfeuchte Ecken geworfen. Viel Aufwand für so eine banale Monokultur. Aber immerhin hat das Ganze auch seine meditative Qualität. Wer mäht, darf runterschalten und dösig ins Grüne denken. So wie ich gerade. Der Rasen ist quasi der Zen-Garten des Mitteleuropäers, überlege ich und schreddere an der Einfassung des Gemüsebeetes entlang.

„Die Rache des Rasens“ heißt eine Geschichte des Amerikaners Richard Brautigan. Ich konnte mich lange Zeit nur noch an den schönen Titel erinnern – und bei jedem Mähen kam er mir bei fortgeschrittener meditativer Entrückung in den Sinn. Kürzlich habe ich noch mal nachgelesen: Erstaunlicherweise geht es in dem Text aber eigentlich nicht um die zickige Anspruchshaltung so einer Federballwiese. Nicht mal um Löwenzahn, denke ich und suche im Schuppen ein Messer, um ein Pfahlwurzel-Massaker anzurichten. Gab es schon mal Zeiten, in denen ein Satz stimmte wie: „Also, der Löwenzahn will in diesem Jahr ja so gar nicht wachsen“? Wir hätten uns einfach vor langer Zeit an gelb blühende Löwenzahn-Felder hinter unseren Häusern gewöhnen sollen. Doch nun ist es zu spät, Mensch und Löwenzahn sind tief verfeindet.

Natürlich ist alles an meiner Rasenpflege grundfalsch. Der Benzin-Rasenmäher, das Düngen, die Monokultur. Eigentlich, verkündete vor einer Weile irgendein Experte für ökologische Fußabdrücke, sollte uns eine gepflegte Rasenfläche peinlich sein. Zum Schämen! Ich hab es gelesen und gleich beherzigt. Nun habe ich also beides: einen (halbwegs) gepflegten Rasen und die Scham. „Rasenscham“, brumme ich und mähe bergauf.

Drohende Scham ist natürlich auch etwas, das uns zum Mähen treibt: Seinen Rasen nicht zu mähen, das wäre in Dorf oder Siedlung ja in etwa so schlimm wie, sagen wir mal, seinen Rasen nicht zu mähen. Zum Schämen schlimm.

Lieber zurück zu Richard Brautigan: Ein Absatz passte dann doch gut zu meiner eigenen Rasenbiografie. Über den Großvater des Erzählers heißt es: Der Rasen „war sein Stolz und seine Freude, und es hieß, er sei der Ort, von dem er seine Kräfte empfange“. Das war bei uns ganz ähnlich. Kein westfälischer „Gatten“, sondern ein englischer Parkrasen wuchs hinter dem Fachwerkhaus. Und wenn ich heute um den perfekten Rasen kämpfe, dann wohl nicht zuletzt wegen dieser familiären Vorbelastung.

Mein Opa war es auch, der in mein Hirn die Information pflanzte, dass eine ordentliche Rasenfläche ja viel mehr Sauerstoff produziere als so ein angeberischer Baum. Damals, Ende der 80er, ging es ständig um Bäume. Auch wenn diesem Satz alles fehlt – Flächenangaben, Baumart und -größe, Ökobilanz, Quellenangabe, Faktencheck: Fast bei jedem Rasenmähen kommt mir diese Rechnung mit vielen Unbekannten sinnlos ins Hirn. Immerhin mag sie zeigen: Grünes Gewissen und Rasenmähen hatten wohl schon damals ihre Probleme miteinander. Federballspielen war auf Opas Rasen allerdings nicht drin, erinnere ich mich und stoppe. Ein Hunde-Kaustrick liegt im Weg.

Hunde lieben Rasen. Ich wünschte, das Wort „Rasen“ hätte in seiner Herkunft etwas mit dem zu tun, was Hunde dort am liebsten tun: Rasen. Komplett irre und immer im Kreis. Aber so viel Humor wie Hunde hat Sprache selten. Dummerweise sind Hunde für Rasenflächen trotzdem mitunter eine größere Bedrohung, als es Federballspieler je sein könnten. Eine Gefahr auf Maulwurfniveau. Sie schaffen es zum Beispiel en passant, ein erstaunlich langlebiges Fleckenmuster in den Rasen zu pinkeln. Als sollte eine gewaltige Karte Griechenlands neben der Terrasse entstehen: lauter kleine Inseln, braun und vertrocknet – und damit den echten Kykladen gar nicht unähnlich.

Als würde das nicht genügen, buddeln Hunde manchmal noch Löcher ins Grün. Unserer zumindest. Offenbar ist das Verhältnis von Hunden zum Rasen ähnlich wie das von Gitarrenzerstörern wie Jimi Hendrix oder Pete Townshend zu ihrem Instrument: „Ich liebe es, aber manchmal muss ich’s halt zerstören“, höre ich Hunde und Gitarristen sagen, „ist so’n rituelles Ding, verstehste?“ Im Grunde schon. Ist nicht vernünftig, tut aber gut. Genau wie mein Rasenmähen. Schuppentür auf, Mäher rein. Bis nächste Woche! Und nicht vergessen: Japanische Zen-Gärten bestehen fast nur aus Steinen. Ganz miese Ökobilanz.




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