weather-image
12°
×

Interview mit dem Leitenden Oberstaatsanwalt Thomas Pfleiderer

"Die rechte Szene in Schaumburg hat sich deutlich beruhigt"

Bückeburg (ly). Auf Thomas Pfleiderer (58), seit Sommer 2001 Leitender Oberstaatsanwalt in Bückeburg, wartet eine neue Aufgabe: Zum 1. August übernimmt er die fünfmal so große Anklagebehörde in Hildesheim. Staatsanwalt ist Pfleiderer seit 1980, vor seiner Bückeburger Zeit war er unter anderem wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Begonnen hat der Juristseine Karriere 1977 als Proberichter in Bückeburg.

veröffentlicht am 24.07.2008 um 00:00 Uhr

Herr Pfleiderer, ein Ziel haben Sie nicht erreicht: Bei Ihrem Amtsantritt vor sieben Jahren hatten Sie erklärt, das Personal der Behörde müsse deutlich aufgestockt werden. Es sind aber immer noch 30 Beschäftigte, darunter acht Staatsanwälte und zwei Amtsanwälte. Warum hat es nicht geklappt? Weil wir es nicht so dringend brauchten. Die Geschäftslage ist zwar angespannt, wir haben eine sehr hohe Belastung. Aber im Vergleich zu anderen Staatsanwaltschaften ist sie nicht ganz so hoch. Diese haben sogar noch Personal abgeben müssen. So gesehen bin ich sehr zufrieden. Außerdem haben wir die Arbeit durch den Einsatz von EDV anders organisiert. Wir kommen über die Runden. Was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben? Ich hatte eine schöne, erfüllte Zeit. In so einer kleinen Behörde ist die Kollegialität besonders groß. Ich würde sogar von Kameradschaft sprechen. Und wir haben einen sehr hohen Qualitätsstandard, mit dem man sich nicht verstecken muss. Auch die wunderschöne Schaumburger Landschaft habe ich sehr genossen. Und was möchten Sie am liebsten vergessen? Den Tag, als Neonazis an unsere Hausfassade den Spruch "Pfleiderer, du Judenknecht, wir kriegen dich!" geschmiert haben. Wenn man massiv bedroht wird, findet man das natürlich nicht schön. Andererseits war das ein Dumme-Jungen-Streich. Aber die rechte Szene versucht sich eben bemerkbar zu machen. Als Leitender Oberstaatsanwalt mit eigenem Dezernat, nämlich "Extremistische Gewalttäter", haben Sie Neonazis ebenso wie ihre Vorgänger intensiv verfolgt. Gibt es in Schaumburg noch eine aktive rechte Szene? Bestimmt gibt es noch eine Szene, aber bei mir kommen zurzeit keine neuen Verfahren mehr an. Wir bearbeiten nur noch Restverfahren. Die Szene hat sich deutlich beruhigt, wie mir auch der Staatsschutz versichert hat. Zwei Anführer sitzen in Haft, ein dritter lebt in Minden. Das Netzwerk ist in Auflösung, zumal sich auch Andere von der "Nationalen Offensive Schaumburg" abgewendet haben. Andere Verfahren scheinen zugenommen zu haben, zum Beispiel sexueller Missbrauch von Kindern. Stimmt das? Der Eindruck ist richtig. Die Zahl dieser Verfahren ist erschreckend hoch. Nach meinem Eindruck liegen wirüber dem Landesdurchschnitt. Woran liegt das? Möglicherweise gehen mehr Menschen an die Öffentlichkeit, weil solche Fälle stärker thematisiert werden. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Opfer besser betreut werden, etwa durch die "Stiftung Opferhilfe", die das Justizministerium vor einigen Jahren eingerichtet hat und heute etabliert ist. So etwas spricht sich rum. Man fühlt sich nicht mehr allein gelassen, wenn man Anzeige erstattet. Hat Körperverletzung zugenommen? Formen der Gewalt, die wir heute haben, hat es auch früher schon gegeben. Eine allgemeine Verrohung kann ich aus meiner Arbeit in Bückeburg nicht bestätigen. Aber es gibt Untersuchungen, denen zufolge eine Zunahme der Verrohung zu beobachten sei. Wie lang ist in Bückeburg die Verfahrensdauer? Um die fünf Monate, einschließlich der Gerichtsverhandlung. Eine sehr gute Zeit. Dennoch: Muss diese Zeit, speziell bei Gewaltdelikten, nicht deutlich verkürzt werden, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Justiz zu stärken? Ja. Und gerade bei Gewalt von Jugendlichen habe ich immer darauf gedrängt, solche Verfahren möglichst zügig zu bearbeiten. Hierfür gibt es das so genannte "vorrangige Jugendverfahren", bei dem Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht sich bemühen, es innerhalb von vier Wochen abzuschließen. Das macht Eindruck und schreckt ab, man kann es aber nicht immer einhalten. Was haben Sie sich für Hildesheim vorgenommen? Ein guter Behördenleiter zu sein. Und was ist das? Jemand, der etwas von seinem Fach versteht, auf die Leute zugeht, Arbeit gerecht verteilt und sieht, wo man etwas verbessern kann. Was soll man Ihnen in Bückeburg nachsagen? "Er war ein guter Chef. Schade, dass er gegangen ist."




Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige