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Prof. Wolfgang Schlüter sorgt bei Kalkriese für Sensation

Die Varusschlacht hat Ex-Schiller-Schüler berühmt gemacht

Wolfgang Schlüter ist Archäologe aus Leidenschaft mit detektivischem Spürsinn für die Vergangenheit: „Ich interessiere mich für alles, was einmal gewesen ist“, sagt er. Für Ur- und Frühgeschichte, Völkerkunde, für die vorrömische Eisenzeit und römische Kaiserzeit, für das frühe und hohe Mittelalter, für die Evolution des Menschen. „Ja“, gesteht der Professor, „die Liebe zur Archäologie war schon immer da.“ Er habe schon in der Schulzeit „alles Mögliche“ gelesen: „Die Fischer-Weltgeschichte, zum Beispiel, und in der 12. und 13. Klasse die Anthropologie.

veröffentlicht am 26.11.2009 um 10:18 Uhr
aktualisiert am 04.12.2009 um 12:59 Uhr

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Wolfgang Schlüter ist Archäologe aus Leidenschaft mit detektivischem Spürsinn für die Vergangenheit: „Ich interessiere mich für alles, was einmal gewesen ist“, sagt er. Für Ur- und Frühgeschichte, Völkerkunde, für die vorrömische Eisenzeit und römische Kaiserzeit, für das frühe und hohe Mittelalter, für die Evolution des Menschen. „Ja“, gesteht der Professor, „die Liebe zur Archäologie war schon immer da.“ Er habe schon in der Schulzeit „alles Mögliche“ gelesen: „Die Fischer-Weltgeschichte, zum Beispiel, und in der 12. und 13. Klasse die Anthropologie. Die hat mich eigentlich zur Archäologie gebracht“, sagt Schlüter rückblickend und stellt schmunzelnd fest: „Ein Klassen-Primus aber war ich nicht.“ Er sei ein ganz normaler Schüler gewesen, ein Rabauke wie die anderen auch. Und auf die Idee, dass er einmal als Archäologe ein Stück Weltgeschichte ausgraben würde, wäre er damals auch nicht gekommen. Denn nach dem Abitur studiert Schlüter zunächst Jura und merkt bald: „Das ist nichts für mich.“ „Als Jurist wäre ich eine Katastrophe geworden“, sagt der Professor heute. 1973 promoviert er nach dem Studium der Ur- und Frühgeschichte, Völkerkunde und deutschen Rechtsgeschichte in Göttingen, arbeitet zwei Jahre lang als Dezernent im niedersächsischen Landesverwaltungsamt, wird 1975 Stadt- und Kreisarchäologe in Osnabrück und 1993 Honorar-Professor an der Universität Osnabrück.

An den Tag im Jahr 1987, als der britische Major Tony Clunn bei ihm auftaucht, erinnert sich Schlüter noch genau: „Er erzählte mir von einem Schatz römischer Silbermünzen, die er beim Kalkrieser Berg entdeckt hat.“ Für den Archäologen nichts Ungewöhnliches, werden in dieser Gegend doch immer wieder Gold- und Silbermünzen aus römischer Vergangenheit gefunden, aber nicht unbedingt mit der Varusschlacht um 9 n. Chr. in Verbindung gebracht. „Es fehlten die Kupfermünzen, das eigentliche Soldatengeld, und Militaria, um eine Verbindung zur Varusschlacht zu ziehen“, sagt der Professor. Als Major Clunn allerdings ein Jahr später drei römische Schleudergeschosse aus Blei entdeckt, schrillen bei dem Archäologen alle Alarmglocken: „Das ließ vermuten, dass dort römisches Militär vor Ort gewesen war.“ Schlüter wird aktiv: Er organisiert eine systematische Suche. Metallsuchgeräte kommen großflächig auf der Kalkrieser-Niewedder Senke zum Einsatz. Kupfermünzen und Militariabruchstücke werden entdeckt. Im Herbst 1989 beginnen die Grabungen: „Ein Volltreffer“, sagt Schlüter heute: „Das war so, als ob man auf der Zielscheibe gleich die Zwölf trifft.“ Weitere römische Münzen und Militaria werden gefunden, so unter anderem die eiserne Gesichtsmaske eines Reiterhelms, und Schlüters Team entdeckt erstmals Spuren einer ehemaligen Erdmauer, einer Art Wall. „Es war eine gut erhaltene Grabungsstätte“, erinnert sich der Archäologe: „Wir haben dort viele römische Funde gemacht.“ Für Schlüter steht fest: „Das ist das entscheidende Schlachtfeld der Varusschlacht.“ Alle Spekulationen, wo sich die Varusschlacht zugetragen haben könnte, alle in Betracht gezogenen Schlachtorte von verschiedenen Stätten in Ostwestfalen über Norddeutschland bis hin zu den Niederlanden sind für den ehemaligen Hamelner Schüler Schnee von gestern: Hier in der Fundregion Kalkriese im Osnabrücker Land, ist Schlüter sicher, hat Arminius („Hermann“), der Cherusker, im Jahr 9 n. Chr. die entscheidende Schlacht geschlagen und dem römischen Feldherrn Publius Quintilius Varus mit seinen drei Legionen eine vernichtende Niederlage bereitet. Ein Achtel des römischen Gesamtheeres wurde damals vernichtet. Es war der Anfang vom Ende der römischen Bemühungen, die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens bis zur Elbe zu einem Teil des Römischen Reiches zu machen.

2000 Jahre ist das jetzt her. Und 20 Jahre, dass Schlüter und sein Team in der Kalkrieser-Niewedder Senke mit ihren Grabungen die ersten handfesten Indizien für den Ort der Varusschlacht lieferten. „Wenn weiter im Westen etwas gewesen wäre, hätte man das gefunden“, ist der Archäologe sicher und verweist die übrigen 700 bis 800 vermuteten Varusschlachtfelder ins Reich der Spekulation. Die römischen Texte, die sich auf die Varusschlacht beziehen, sind für Schlüter unverbindliche Hinweise: „Sie sind auf viele Örtlichkeiten anwendbar.“ Die Indizien, die im Osnabrücker Land gesammelt wurden, aber seien so viele, „dass sie glaubwürdig sind“.

Und noch immer werden Hinweise auf das Kampfgeschehen zwischen Römern und germanischen Kriegern in Kalkriese gefunden. Bei Grabungen in diesem Jahr haben Archäologen dort Spuren des Kampfgeschehens freigelegt, haben den Wallverlauf unter die Lupe genommen, zwei römische Pferdegeschirranhänger gefunden, weitere Münzen, viele Sandalennägel, Metallteile von Lanzen und Spuren einer eisenzeitlichen Besiedlung, die schon vor der Varusschlacht aufgegeben worden war. Nur eines haben die Ausgrabungen auch diesmal nicht ergeben: das exakte Datum der Kämpfe zwischen Römern und Germanen. Zwar legen historische Quellen nahe, dass die Schlacht im Herbst stattfand, aber sicher ist nur eines: Es war im Jahr 9 n. Chr.

Was ist damals geschehen?

In den zwei Jahrzehnten vor Christi Geburt waren die Römer immer weiter nach Germanien vorgedrungen, hatten viele einheimische Stämme unterworfen oder mit ihnen Friedensverträge geschlossen: Seit 7 n. Chr. war Publius Quintilius Varus Statthalter in Germanien. Nach einem eher ereignislosen Jahr in dem inzwischen weniger aufmüpfigen Germanien war der Feldherr mit drei Legionen auf dem Rückweg in das Winterlager am Rhein, als ihn das Schicksal durch den Cheruskerfürsten Arminius ereilte. Der galt eigentlich als den Römern freundlich gesonnen, war in Rom aufgewachsen und ausgebildet worden. So schlug Varus alle Warnungen über ein bevorstehendes Attentat in den Wind und setzte seinen Weg gen Winterlager fort. Der Angriff der Germanen kam überraschend und mit voller Wucht. Die Römer waren nicht nur durch das Gelände behindert, sondern führten auch sperrige Transportwagen mit. Sie hatten sich ganz sicher gefühlt. „Menge und Zusammensetzung des römischen Fundmaterials weisen darauf hin, dass in dem Engpass von Kalkriese eine Heer untergegangen ist, das nicht unbedingt damit rechnete, in umfangreiche Kampfhandlungen verwickelt zu werden“, stellt Professor Schlüter fest. Mehrere Tage dauerte die Schlacht. Am Ende waren drei Legionen vernichtet, Varus beging Selbstmord. „Es war der Anfang vom Ende“, sagt Schlüter. Die Römer hätten Germanien zwar nicht gleich ganz geräumt, aber die Varusschlacht habe den entscheidenden Anstoß dazu gegeben: „Das war so ähnlich wie beim Kessel von Stalingrad. Auch das war der Anfang vom Ende des Zweiten Weltkriegs.“

Für den Mann, der die ersten Indizien für die Varusschlacht bei Kalkriese ausgrub, ist Archäologie auch immer „ein bisschen Detektivarbeit“. Man brauche gute geologische und geografische Kenntnisse. Und: „Fantasie, um die Indizien zu einem Bild zusammenzufügen“, sagt Schlüter, der heute in Bad Iburg bei Osnabrück lebt.




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