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Hamelner Autor und Gastronom über Heimat – als Kurde und Ezide, als Türke und Deutscher

Die vielen Heimaten des Newaf Miro

HAMELN. Newaf Miro hat mehr als nur eine Heimat. Er ist an verschiedenen Orten verwurzelt und ist in unterschiedlichen Sprachen zu Hause. Newaf Miro ist Kurde und Türke, Ezide und Deutscher, er spricht Kurmandschi, Türkisch und Deutsch. Auch beruflich ist er vielseitig. Tagsüber betreibt der 50-Jährige das Steakhouse Cheyenne, wirbelt durch die Küche, in seiner Freizeit schreibt und dichtet er in seiner Muttersprache. Die Dewezet hat den Autor mehrerer Bücher in seinem Lokal besucht und mit ihm über Heimat gesprochen.

veröffentlicht am 20.05.2019 um 13:18 Uhr
aktualisiert am 28.05.2019 um 19:36 Uhr

Newaf Miro ist Inhaber und Betreiber des Steakhouses Cheyenne und Autor mehrerer kurdischsprachiger Bücher. Foto: pk
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Ein kleiner Junge steht in der Mitte des noch geschlossenen Restaurants und weint. „Mama“, sagt der Zweieinhalbjährige immer wieder. Die Mutter ist nämlich gerade nicht da. Sie war 2014 im nordirakischen Sindschar von dem „Islamischen Staat“ entführt und versklavt worden, ihr Mann kämpfte mit der Waffe gegen die Terroristen. Nachdem ihnen die Flucht gelungen war, kehrten sie ihrer Heimat den Rücken, gingen nach Deutschland. Ihre Freunde, Lokalchef Newaf Miro und seine Frau, die den Kleinen jetzt auf den Arm nimmt, passen an diesem Tag auf ihn auf. „Die Mutter“, wird Miro später sagen, „ist auch eine Heimat, der Mutterbauch die erste Heimat eines jeden Menschen.“ Miro weiß, wovon er spricht. Er hat mehr als nur eine Heimat.

Newaf Miro kam in einem Dorf im Südosten der Türkei zur Welt, erzählt er. Nach dem Mutterleib und dem Haus, in dem er geboren wurde und heranwuchs, sei das Dorf seine dritte Heimat, gelegen in einer unwirtlichen Steinlandschaft, wo das Leben der Menschen untereinander, aber auch der Natur gegenüber „brutal“ und „hart“ gewesen sei. Irgendwann erfolgte der Umzug in die Stadt, die vierte Heimat. 1987, mit 18 Jahren, dann die Auswanderung mit den Eltern und Geschwistern nach Deutschland, die fünfte Heimat. Eines Tages dann Niederlassen in Hameln, die sechste und aktuelle Heimat. Hier lebt seine Familie, hier kamen seine Kinder zur Welt, für die Hameln Heimat sei – und damit auch für ihn.

Heimat ist ein Ort des Friedens, an dem es sich ruhig schlafen lässt, ohne als Minderheit Angst haben zu müssen.

Newaf Miro, Gastronom und Dichter

„In einer anderen Kultur, in einer fremden Welt merkt man erst, was Heimat ist“, sagt Miro. „Gleichzeitig kann eine andere Kultur eine neue Geburt bedeuten.“ Für ihn sei Deutschland so eine Wiedergeburt gewesen, allen anfänglichen Schwierigkeiten, wie dem Erwirken des Bleiberechts zum Trotz. Er vergleicht die Einwanderung in ein fremdes Land mit der Geburt eines Menschen. „Der Mensch kommt fremd auf die Welt und fängt dann an zu lernen“, sagt er. „Das heißt, man kann immer überall heimisch werden oder eine neue Heimat finden – wenn man bereit ist, die Ärmel hochzukrempeln, sonst bleibt man auf ewig ein Fremder.“ Für ihn, der die Schule nur bis zur fünften Klasse besucht hat, habe das bedeutet, sich mühsam die deutsche Sprache und die hiesigen kulturellen Gepflogenheiten aneignen zu müssen. „Ohne die Sprache kann es keine Verbindung geben und man bleibt fremd“, meint Miro.

Seine Muttersprache, das Kurmandschi, das für ihn auch eine Heimat ist, sei in der Türkei mehr oder weniger verboten gewesen, bis heute nicht als offizielle Landessprache anerkannt. Ein Umstand, der ihn wie viele andere Kurden auch, von der Türkei immer trennte. Sie bekamen türkische Namen, die sich statt ihrer kurdischen in ihren Ausweisen wiederfinden. So heißt Newaf Miro offiziell eigentlich Nayif Ördek. „Ohne eigene Rechte sieht man den Staat nicht als den eigenen an“, sagt Miro im Hinblick auf die fehlenden Minderheitenrechte in der Türkei von Kurden, Eziden, Aleviten oder Aramäern, obwohl sie dort teilweise seit Jahrtausenden verwurzelt seien. Eigene Schulen, Universitäten, Gotteshäuser, all das hätten sie in der Türkei nicht.

„Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Kurden ihr eigenes Land hätten, um in Freiheit leben zu können, mit ihren eigenen Unis und Schulen, ihrer eigenen Sprache und Kultur, und ihre Probleme selber lösen könnten“, sagt Miro. Er sagt aber auch: „Es muss gar nicht unbedingt ein eigenes Land oder ein eigener Staat sein, die Hauptsache wäre, dass die Menschen ihre eigenen Rechte haben, so wie hier in Deutschland, und nicht mehr um ihr Überleben kämpfen müssen.“ Heimat, führt er aus, sollte ein Ort des Friedens sein, an dem es sich „friedlich leben und ruhig schlafen“ lässt, ohne als Minderheit, als Kurde, als Ezide, Angst haben zu müssen. „Frieden“, sagt er „beginnt mit der Akzeptanz der Menschen, so wie sie sind, Heimat da, wo man die gleichen Rechte hat wie alle anderen auch.“

Der kleine Junge ruft wieder nach seiner Mama. „Eine Trennung von der Mutter fällt immer schwer“, sagt Miro. Die Mutter sei wie Mutter Erde, aus der der Mensch wie eine Blume hervorgehe. Von da an gehe der Blick immer dorthin zurück, werde die Gegenwart mit der vermissten Vergangenheit verglichen. Aber die letzte Heimat, sagt er, werde wieder die Mutter sein: Mutter Erde. Da schließe sich der Kreis. Aus dem Mutterbauch zurück zu Mutter Erde, sagt Newaf Miro.

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