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Ein Besuch auf der Hamelner Festung im Sommer des Jahres 1789

Die Wanderung zum Fort George

Der 1764 im dänischen Korsör geborene Schriftsteller Jens Baggesen hat im Sommer 1789 Hameln besucht. Seine Begeisterung über die wenige Jahre später von Napoleon geschleifte Festung Fort George hat er schriftstellerisch festgehalten und vermittelt heutigen Lesern so einen Eindruck, wie beeindruckend das Bauwerk und die Umgebung einmal gewirkt haben müssen.

veröffentlicht am 18.05.2019 um 09:00 Uhr

Die Klütfestung mit ihren drei Forts im Jahre 1802. Das namentlich noch bekannte Fort Luise kam erst 1806 hinzu. Gemälde: Anton Wilhelm Strack

Autor:

Peter Weber
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In seiner Heimat hat Baggesen mit seinen humoristischen Schriften und Reiseberichten große Bekanntheit erlangt. Aus ärmlichsten Verhältnissen kommend, wurde er zu einem glühenden Verfechter der Aufklärung und der Französischen Revolution, die er in mehreren Oden feierte. Nach einem längeren Aufenthalt in Paris lehrte er von 1811 an für einige Jahre als Professor für dänische Sprache und Literatur an der Universität Kiel. Fortwährende gesundheitliche Probleme und finanzielle Sorgen hinderten ihn nicht, zeitlebens seiner großen Reiseleidenschaft zu frönen. Diese und der Rat seines Arztes zu einer Kur lassen ihn im Sommer 1789, kurz vor Ausbruch der Französischen Revolution, zusammen mit seiner Schwester und der prominenten deutsch-dänischen Schriftstellerin Friederike Brun, zu einer Reise nach Bad Pyrmont aufbrechen, die ihn auch in Hameln Station machen lässt.

Die Erinnerungen an diese Reise veröffentlicht er unter dem Titel „Das Labyrinth oder Reise durch Deutschland in die Schweiz“. Ein Buch, 1795 in deutscher Übersetzung erschienen, das als sein bedeutsamstes Werk angesehen wird.

Vom damals dänischen Wandsbek kommend, gelangen die Reisenden über Celle und Hannover nach Hameln. Dies bedeutet für den Dänen eine erste Begegnung mit der hiesigen Bergwelt:

„Aus Allem, was ich bisher von perspectivischen Landschaften gesehen, hat nichts mich so sehr ergriffen, als die Einfahrt in Hameln. Ein schnurgrader Weg zwischen kleinen kunstlosen Gärten mit hohen bebuschten Hügeln auf beyden Seiten; vorn und hinten über der Stadt hervorragende Berge, mit Gebäuden darauf – die weiteste Aussicht zwischen den Höhen über tiefe Thäler, wo Mühlen und Hütten, und Dörfer Versteckspiel hinter reizenden Hainen spielten – wie entzückte mich diese Aussicht!“

Nach einem kurzen Besuch der Stadt geht es hinauf zum eigentlichen Ziel des Interesses, dem berühmten Fort George auf dem Klüt, benannt nach dem hannoverschen Landesherrn Georg III. Nach dem Siebenjährigen Krieg erbaut, gilt die mit ihren Wehranlagen und Bastionen sich labyrinthisch über den Berg erstreckende Festung als uneinnehmbar, als ein „Gibraltar des Nordens“. Baggesens Bericht ist eines der raren Zeugnisse dieses fast gänzlich verschwundenen Bauwerks.

„Der Aufgang in der Festung war anfangs sehr steil und ermüdend, da man auf lauter zerbröselten Mergelklößen in dem ausgegrabenen Steinfelsen gehen mußte. Am Ende einer grünen Fläche kamen wir durch ein kleines Thor, wo wir einen langen, schmalen, sich schlängelnden, und aufstrebenden Gang vor uns sahen, an dessen Ende wir in einen noch Iängern hinein uns drehten. Nach vielem Schwitzen und Keuchen gelangten wir endlich an den dritten, den ich halb verzweifelte zurücklegen zu können, denn ich war über die Maaßen ermattet. Unterdeß glaube ich, der gewisse Tod selbst hätte mich in diesen Augenblicken nicht davon abschrecken können mich zum Gipfel emporzuarbeiten; so lustig lächelte die Idee der Aussicht davon in meine durch einen einzigen Herabblick entzündete Einbildungstraft.“

Baggesens Schilderung des für ihn strapaziösen Aufstiegs lässt etwas von den Dimensionen des Forts erahnen. Doch welche Enttäuschung, oben angelangt, plötzlich in Nebel und Regen zu stehen!

„Meine Gesellschaft war wohl auch nicht sonderlich mit diesem plötzlichen Regen zufrieden; man tröstete sich aber doch durch das, was man bereits gesehn, und dem guten Gewissen, freywilig nichts versäumt zu haben.“ Von der schönen Landschaft sieht Baggesen also wetterbedingt nicht mehr so viel, lernt dafür aber im Fort preußische Soldaten kennen, die er humorvoll karikiert: „Wir traten hierauf in die Wachtstube, wo wir uns langsam bey einer Bohle Bischof (einem kalt getrunkenen Punsch aus Rotwein, Zucker und Orangen) abkühlten. Verschiedene Officiere, die in der nächsten Wachtstube poculirten (becherten), kamen almählig herein; unter andern ein äußerst drolligter alter Grenadierlieutenant; der, indem er die Thüre öffnete, den Damen erzählte: er nähme niemals seinen Hut ab – selbst vor aller Welt Königen und Königinnen nicht! – und der nicht undeutlich das mir zu beweisen gedachte, wasmaaßen er etwas in der Stirne habe! Ich glaubte, er verstünde unter diesem Etwas einen Nagel; entdeckte aber, er meine damit Verstand und Tapferkeit. Es währte indeß nicht lange, so überzeugte er uns in unglaublichen, mit angemessenen Geberden begleiteten Erzählungen von den vielen Köpfen, die er im letzten Kriege abgehauen; (wodurch er sich vom gemeinen Soldaten bis zu dem Ehrengipfel emporgeschwungen, auf dem er nun stand), daß obige beyde Meinungen falsch waren, und das wahre Etwas in seiner Stirne Weindunst sey. (…) Das Interessanteste war der Brunnen, des Forts Allerheiligstes, zu dem wir in die Klippe durch drei eisenbeschlagene Thüren kamen. Hier goß der alte Soldat, der uns mit einer Bergmannslampe umher leuchtete, eine große Schaale Wasser herunter. Wir horchten alle. Es währte, bis dieser Guß den Grund, oder die Oberfläche des untern Wassers erreichte, so lange, daß ich mich schon weggewandt hatte, in Erwartung, es mußte Iängst an Ort und Stelle gelangt seyn, als ein vernehmliches Plätschern den Fall verkündigte. (…)

Da wir wieder bergauf kamen, war es überall hell, ausgenommen auf der einen Seite, wo eine Regenwolke in den zur Tiefe abhangenden Wald niederrauschte. Aber so wenig als die Tiefe auf mich wirkte, obgleich Hameln mit seinen Wällen, Schanzen und Gräben flach an dem Boden hin lag, wie ein Grundriß auf einem Papier, und die Sommerwohnungen in den Gärten, rings der Stadt, wie Schneckenhäuser auf einem Beete aussahen so sehr vergnügte ich mich doch über die weite, lächelnde, abwechselnde Aussicht; besonders über die glänzende Schlangenlinie der Weser durch die Stadt, die Wiesen und Anhöhen.“

Nach diesen kontrastreichen Eindrücken machen sich die Reisenden wieder an den Abstieg, der sich als noch beschwerlicher erweist als der Aufstieg. Es bleibt im Übrigen zu hoffen, dass es dem alten Haudegen auf der Festung erspart geblieben ist, mitzuerleben, wie sein ganzer Stolz 17 Jahre später, am 20. November 1806, sang- und klanglos in die Hände der Franzosen fiel. Die seinerzeit als schmachvoll angesehene Kapitulation der inzwischen preußischen Besatzung dürfte allerdings der Stadt einiges an Zerstörung und Blutvergießen erspart haben, zumal der Siegeszug Napoleons nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt ohnehin nicht mehr aufzuhalten war.

Die von Napoleon 1808 verfügte Schleifung des Forts geschah durch einige Tausend Arbeiter in kurzer Zeit so gründlich, dass heute nur dem Ortskundigen einige wenige Reste von seiner ehemaligen Existenz künden. Kaum auszumalen, welch imposante Wirkung es, sieht man von seinem kriegerischen Ursprung einmal ab, über Hameln entfalten würde.

Die Reisegesellschaft findet sich dann auf ihrem Weg über den Grießemer Berg nach Bad Pyrmont schnell in den Kalamitäten der damaligen Kutschfahrten wieder. „Um sechs Uhr fuhren wir vom Fuße des Klütberges ab, und kehrten dem schönen Hameln den Rücken zu. Der Weg war so steinigt, löchrigt und ko-thig, daß die Pferde, deren wir vier vor unserem, und drye vor dem Bagagewagen hatten, nicht anders als Schritt vor Schritt gehen konnten.“ Unterwegs geht eines der Pferde vor Ermattung fast zugrunde, um ein Uhr nachts erreicht man endlich das Pyrmonter Quartier.

Teil zwei:Lesen Sie am kommenden Sonnabend, welche Eindrücke Baggesen in Bad Pyrmont auf dem Hermannsberg sammelte.




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