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Fürstliches Forstamt: Harrl ist zu unruhig / Diplombiologe Brandt: Autobahn ist kein Hindernis

Die Wildkatze ist auf dem Vormarsch

Bückeburg. Kommt sie auch ins Schaumburger Land oder ist sie vielleicht sogar schon da, die Wildkatze? Diese Frage stellt sich angesichts einer vom Niedersächsischen Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Auftrag gegebenen Studie, deren Ergebnisse jetzt vorgestellt wurden. Insgesamt 15 Forstämter der Niedersächsischen Landesforsten und mehrere private Revierinhaber steuerten dazu Beobachtungen und Nachweise von in der Natur entdeckten Aufzuchtstätten der scheuen Waldbewohner bei. Zusätzlich hatte der Verfasser der Forschungsarbeit, der Wildbiologe Karsten Hupe, in als Wildkatzen-Lebensraum vermuteten Waldgebieten Fotofallen installiert und mit – für die nachtaktiven Jäger höchst attraktivem – Baldrianduft versehene Lockstöcke aufgestellt, um Fellhaare der an den Stäben entlangstreifenden Wildkatzen zu sammeln und später genetisch untersuchen zu lassen.

veröffentlicht am 29.01.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 02:41 Uhr

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Das Resultat: Außer in ihren Hauptverbreitungsgebieten im Harz und Solling gab es eine zunehmende Anzahl an Nachweisen im Leine- und Weserbergland, wobei eine weitere Ausbreitung nach Norden und Westen hin zu beobachten ist, berichtet Joachim Hansmann, Pressesprecher bei den Niedersächsischen Landesforsten. So konnte die Europäische Wildkatze etwa auch im Hildesheimer Wald, dem Süntel und dem Deister bestätigt werden. Als „eine bisher nicht überwundene Grenze“ wurde allerdings die Bundesautobahn A2 benannt. Denn nördlich dieser Linie sei bislang noch kein Nachweis für das Vorkommen dieser bedrohten Tierart erbracht worden.

Auch wenn ein offizieller Nachweis fehlt, denkbar ist es nach Ansicht hiesiger Experten schon, dass auf dem Bückeberg und im Schaumburger Wald bereits ebenfalls Wildkatzen umherstreifen. So geht der Diplombiologe Thomas Brandt, der auch als ehrenamtlicher Geschäftsführer beim Kreisverband Schaumburg des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) tätig ist, von einer gewissen „Dunkelziffer“ in Sachen Ausbreitung der Wildkatzen aus, die über die bislang bekannten Populationen hinausgeht: „Nach meiner Einschätzung sind die auch schon im Wesergebirge und auf dem Bückeberg.“

Dass die Bundesautobahn A2 ein schwer zu überwindendes Hindernis für die Wildkatzen sein könnte, dieser Annahme erteilt der Naturschützer deswegen eine klare Absage, weil die Autobahn an mehreren Stellen des Landkreises – so beispielsweise im Auetal – hoch aufgeständert über Senken und Einschnitte im Landschaftsprofil geführt wird. Und an solchen Stellen könne die stark frequentierte Verkehrsader ohne Probleme von Wildtieren unterquert werden – auch von der Wildkatze.

Nicht ohne Grund werde die Europäische Wildkatze daher als sogenannte Leitart des Konzeptes „Grünes Band Schaumburg“ geführt, das sich die Vernetzung verschiedener Lebensräume mittels reich strukturierter Wanderkorridore zum Ziel gesetzt hat.

„Ich hab die Wildkatze hier bislang nicht bestätigen können“, berichtet indes Christian Fischer, der Privat-Forstdirektor des Fürstlichen Forstamtes. Ausschließen möchte er allerdings nicht, „dass mal eine Wildkatze auftaucht“. Vor allem die felsigen Bereiche am Südhang des mehrere Tausend Hektar großen Bückebergs sind seiner Meinung nach gut als Biotop für diese scheuen Waldbewohner geeignet. Der angrenzende Harrl sei dagegen „doch verdammt klein“ und durch die vielen Spaziergänger, Jogger und Hundehalter mit ihren Hunden zudem zu unruhig für Wildkatzen.

Anders als der Diplombiologe Brandt, der auch den weitläufigen Schaumburger Wald unter anderem wegen der dortigen lichten Eichenbestände als „sehr geeignet“ für die seltenen Tiere hält, da die grobborkigen Bäume von den Wildkatzen bei der Nahrungssuche leicht erklettert werden können, stuft Fischer dieses Waldrevier als zu nass ein. Dabei verweist der Privat-Forstdirektor zur Begründung auf seine bisherigen vereinzelten Beobachtungen, die er im Laufe der vergangenen rund 40 Jahre in verschiedenen anderen Regionen Deutschlands gemacht hat: Ob in der Eifel, im Hunsrück, dem Harz oder Solling, stets waren es bergige (und somit trockene) Waldreviere, in denen er die Wildkatzen und mitunter deren Junge vor die Augen bekam.

Sollte eines Tages aber der Nachweis gelingen, dass die auf samtenen Pfoten dahinschleichenden Räuber tatsächlich auch im Schaumburger Land, vielleicht sogar in einem von ihm und seinen Mitarbeitern betreuten Waldgebiet, vorkommen, würde Fischer dies durchaus begrüßen: „Natürlich ist das eine Bereicherung“, bestätigt er. Auch aus jagdlicher Sicht habe das Fürstliche Forstamt keinerlei Vorbehalte gegenüber der Wildkatze. Für die bedrohte Tierart selbst dürfte sich indes der Straßenverkehr als problematisch erweisen, sprich: viele Opfer fordern. Ein weiteres Problem würde die große Zahl im Schaumburger Wald umherstreifender und mitunter verwilderter Hauskatzen darstellen, mit denen sich die zugewanderten Wildkatzen paaren könnten, was eine Gefahr für die genetische Reinheit der wilden Verwandten wäre.

Denn: „Wildkatzen sind nicht etwa davongelaufene Hauskatzen“, erklärt Hansmann. „Sie wirken größer, sind kräftiger und tatsächlich wilder als unsere Stubentiger.“ Im Gegensatz zu den seinerzeit vermutlich von den Römern aus Afrika mitgebrachten Ahnen der Hauskatze sei die Wildkatze zudem eine „echte Europäerin“, was auch anhand entsprechender prähistorischer Knochenfunde belegt sei. Von Hauskatzen, die mitunter ebenfalls ein getigertes Fell haben, unterscheide sie sich darüber hinaus durch vier bis fünf parallele dunkle Streifen im Nackenbereich, Streifen auf den Schultern und mehrere deutlich abgesetzte Bänder am Schwanz.

Die Wildkatze habe insofern zwar ein „unspektakuläres Aussehen“, ergänzt Fischer, zumindest ein Förster oder Jäger würde sie aber sofort erkennen, wenn er ihr begegnet. Falls nicht, wäre es aber offensichtlich auch nicht schlimm: „Wir schießen keine Katzen bei uns im Wald“, betont der Privat-Forstdirektor. Von daher wäre es also kein Drama, wenn es doch mal zu einer Verwechselung mit einer der Hauskatzen käme.




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