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90 Jahre Arbeiterwohlfahrt: „Suppenküchen heute werden schamhaft Tafeln genannt“

Druck auf die Entscheider nötig

Bückeburg (mig). „… und kein bisschen leiser“: Seit ihrer Gründung 1919 hat sich die Arbeiterwohlfahrt um die Sozialschwachen in der Gesellschaft gekümmert. Inzwischen ist sie zu einem politischen Schwergewicht herangereift, 450 000 Mitglieder sorgen für den nötigen Druck auf die Entscheider. Im Rahmen des 32. Schaumburger Nachmittages für Senioren wurde jetzt das 90. Jubiläum des Wohlfahrtsverbands gefeiert. Dazu eingeladen hatte der Kreisverband der AWO.

veröffentlicht am 05.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 16:41 Uhr

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Rund 180 Gäste waren dieser Einladung in den Bückeburger Rathaussaal gefolgt, begrüßt wurden sie vom Kreisvorsitzenden Ernst Kastning. Kastning berichtete von den vielen Aufgabengebieten der AWO und vom jüngsten Projekt „Einstieg ins Leben“, einer Hilfe für junge Mütter. Großes Lob kam von der stellvertretenden Landrätin, Helma Hartmann-Grolm. Hartmann-Grolm berichtete von den „vielfältigen Angebote der AWO“ und betonte: „Die AWO hat in Schaumburg viele Initiativen angestoßen.“

Als Hauptredner des Nachmittags folgte dann der Vorsitzende des AWO-Bezirksverbandes Hannover, Axel Plaue. Plaue erinnerte in seinem Vortrag „90 Jahre Arbeiterwohlfahrt … und kein bisschen leiser“ an Marie Juchacz, die am 13. Dezember 1919 – unter dem Eindruck der Massenverelendung durch den Ersten Weltkrieg – den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt“ in der SPD ins Leben gerufen hatte. Damals seien überall Nähstuben, Beratungsstellen oder Mittagstische entstanden. Viele Frauen und Männer wurden für einen sozialen Beruf ausgebildet.

Selbsthilfe und Solidarität

Neben praktischer Hilfe wollte Juchacz die AWO aber auch als eine politische Organisation verstanden wissen. Ziel sollte sein, die unterdrückende Armenpflege des alten Kaiserregimes abzulösen und die Idee der Selbsthilfe und Solidarität in eine moderne Wohlfahrtspflege hinein zu tragen. „Man sollte sich nicht ganz krumm machen müssen, um Hilfe zu bekommen, sondern diese mit erhobenen Haupt entgegennehmen können“, so der Bezirksvorsitzende. Erlebt hat Plaue diese Haltung in seiner eigenen Familie, seine Großmutter leitete in der Weimarer Republik selbst eine Suppenküche. „Sie hat zu mir gesagt: Sorge dafür, dass Suppenküchen nie wieder nötig werden.“

Angesichts der aktuellen Zustände würde sich seine Großmutter wohl im Grabe umdrehen, so Plaue: „Die Suppenküchen heute werden schamhaft Tafeln genannt.“ Plaue warnte vor „der Kälte und Impertinenz des Ellenbogens“ und mahnte: „Wir sind in der Lage, deutlich zu sagen, wann die Politik Fehler macht.“




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