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Akademietagung zu Loccumer Hexenprozessen / Ein Weg für Gesche Köllars ist laut Abt Hirschler denkbar

„Dunkle Kapitel“ werden nach Jahrzehnten wieder geöffnet

Loccum. Nicht nur die schönen Seiten, sondern auch die dunklen Kapitel der Geschichte sollten zur Sprache kommen im Jubiläumsjahr des Klosters Loccum. Eines der dunkelsten Kapitel sind die Hexenprozesse gewesen, die im 17. Jahrhundert dort geführt wurden. Die Evangelische Akademie Loccum hat eine Tagung zu diesem Thema ausgerichtet.

veröffentlicht am 24.06.2013 um 20:38 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 20:42 Uhr

24. Juni 2013 20:38 Uhr

Loccum. Nicht nur die schönen Seiten, sondern auch die dunklen Kapitel der Geschichte sollten zur Sprache kommen im Jubiläumsjahr des Klosters Loccum. Eines der dunkelsten Kapitel sind die Hexenprozesse gewesen, die im 17. Jahrhundert dort geführt wurden. Die Evangelische Akademie Loccum hat eine Tagung zu diesem Thema ausgerichtet.

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„Muss die Kirche die Hexen rehabilitieren?“ Auf diese Frage, die zum Ende der Tagung in einer Gesprächsrunde gestellt wurde, lief alles hinaus. Was dem voran gegangen ist, sind die Verurteilungen von 33 Menschen als Hexen und Hexer im Kloster Loccum in den Jahren 1628 bis 1661. „Mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht“ wurde der überwiegende Teil von ihnen, andere bei lebendigem Leib verbrannt. Zuvor haben sie stets eine Anklage und einen Prozess bekommen, der im Kloster geführt wurde.

Wie es um die Verantwortung des Klosters bei diesen Prozessen bestellt war, erläuterte Peter Beer, der seine Dissertation über die Loccumer Hexenprozesse aus rechtshistorischer Sicht geschrieben hat. Das peinliche Halsgericht, also die Verantwortung für Strafverfahren, habe bei Abt und Konvent gelegen. Das sei dem geschuldet, dass das Kloster als freies Reichsstift zum einen die kirchliche Obrigkeit war, zum anderen aber die Äbte als Fürstbischöfe im Stiftsbezirk die weltliche Macht hatten. Wer sich in Loccum, Wiedensahl und Münchehagen – den drei Dörfern, die zum Stiftsbezirk gehören – etwas zuschulden kommen ließ, dem wurde im Kloster der Prozess gemacht.

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Loccumer Äbte hatten weltliche Macht inne

Worauf Beer pochte, war die Trennung zwischen dieser weltlichen und der geistlichen Macht. Als weltliche Oberhäupter, als Fürsten des Gebietes, hätten die Äbte die Prozesse durchgeführt. Der Kirche komme in diesem Sinne folglich keine „Schuld“ zu. Und als Fürsten hätten sich die Äbte in der Führung der Prozesse strikt an die gesetzlichen Vorgaben gehalten. Wie solche Prozesse abzuhalten waren, das war in jener Zeit haarklein festgelegt – von der Anklage über die Fragen, die bei Verhören gestellt werden sollten, bis zu dem, nach welchem Muster die Folter zu verlaufen hatte.

Unterstützt wurde Beer in seinen Ausführungen zu Loccum durch den Vortrag von Johannes Dillinger, der an der Universität Mainz lehrt und Experte für Hexenglaube und Hexenverfolgungen ist. Ab dem 16. Jahrhundert seien 90 Prozent der Hexenprozesse von weltlichen Gerichten geführt worden, sagte er. In Loccum hätten etliche der Äbte zudem die Gerichtsbarkeit nicht selbst ausgeübt, sondern an andere wie etwa Ortsvorsteher übertragen. Sprach Dillinger auch den Kirchen weitestgehend die Schuld ab, so räumte er dennoch ein, dass sie nicht dagegen protestiert hätten. An diesem Punkt der Tagung kam zum ersten Mal die Frage aus dem Publikum, ob weltliche und kirchliche Macht, wenn sie denn in einer Hand lagen, tatsächlich so strikt voneinander getrennt gesehen werden konnten – oder ob die kirchliche Verantwortung nicht auch dann hätte greifen müssen, wenn sie als weltliche Herren über Leben und Tod zu entscheiden hatten. Jene Zeit sei nicht mit der heutigen kompatibel, meinte Beer. Die Menschen damals hätten mit ihren Geistern, Gespenstern und Hexen gelebt – tief verwurzelt sei der Glaube daran gewesen.

Glaube an Gespenster tief verwurzelt

Die Verantwortung seiner Vorgänger für die Hexenprozesse wies auch Loccums Abt Horst Hirschler von sich. Erinnern an die Verfolgungen sei wohl nötig und mit regelmäßigen Tagungen und Publikationen möglich. Das jedoch ging so manchem im Publikum nicht weit genug. Nicht zwischen Buchdeckel solle die Erinnerung gepackt, sondern sichtbar gemacht werden, meldete sich eine Teilnehmerin zu Wort. Ein Denkmal sei vorstellbar. Das jedoch hatte Hirschler zuvor bei einer Ortsbegehung des ehemaligen Brennplatzes bereits von sich gewiesen. Er wolle keinen Wallfahrtsort in Loccum und auch die Rehabilitierung der Hexen halte er für „Quatsch“. Was damals geschehen sei, könne nicht repariert werden.

Nicht die Frage nach der Rehabilitierung stehe im Vordergrund, meinte eine weitere Teilnehmerin, sondern vielmehr, wie dieser Teil der Geschichte nachwirke. So wie die Herren im Kloster die Prozesse fraglos durchführten, so hätten auch viele Menschen in den Dörfern danach verlangt, dass die Hexen brennen sollen. Die Frage stelle sich doch vielmehr, inwieweit sich die Geschichte wiederhole, Verfolgungen nach ähnlichen Mustern in den Jahrhunderten danach geschehen seien, noch heute geschehen und die Gefahr bestehe, dass auch weiterhin Menschen schuldlos verfolgt werden. Ein Zeichen ähnlich den Stolpersteinen für die Juden stelle sie sich vor, „um heute wach zu sein für das Leben“.

Zum Ende des Tages, nach der Tagung und nach einem literarisch-musikalischen Abend im Refektorium des Klosters, der ebenfalls die Hexenverfolgungen zum Thema hatte, gab Hirschler ein wohl für alle Anwesenden überraschendes Statement ab. Es sei vorstellbar, meinte der Abt, dass ein Weg auf den Ländereien des Klosters in Gesche-Köllars-Weg umbenannt werden könne. Gesche Köllars ist die letzte in einer Reihe von 33 Menschen aus dem Stiftsbezirk gewesen, die verurteilt und zu Tode gebracht wurde, weil ihnen Hexerei vorgeworfen wurde. Ihr Schicksal hat im Zentrum der Lesung gestanden.