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Küche, Veranstaltungen, Sprache, Trachten

Ein Überblick über heimische Traditionen

WESERBERGLAND. Für die einen ist es Kartoffelsalat mit Würstchen an Weihnachten, für die anderen der sonntägliche Besuch bei den Schwiegereltern. Vieles kann Tradition haben, bei jedem von uns, in den Familien, aber auch bei uns im Weserbergland. Denn hier in der Region gibt es ebenso „etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen, Kultur in der Geschichte, von Generation zu Generation entwickelt und weitergegeben wurde und weiterhin Bestand hat“, so die Beschreibung des Begriffs Tradition. Und das ist viel. Eine nicht ganz vollständige Übersicht über das, was im Weserbergland Tradition hat.

veröffentlicht am 10.05.2019 um 19:13 Uhr
aktualisiert am 10.05.2019 um 21:01 Uhr

Fürstentreff Bad Pyrmont Foto: yt
Karen Klages

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Karen Klages Reporterin zur Autorenseite
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So wird gefeiert

Olaf Hrabak weiß, was Tradition ist. Und wie man sie bewahrt. Zwölf Jahre lang hat er als Cheforganisator die „Schlacht am Hemeringer Berg“ veranstaltet. Seit 1842 findet diese alle vier Jahre zusammen mit dem Historischen Schützenfest in Hemeringen statt – es ist das älteste Fest im Weserbergland. Hrabak kennt die Traditionsveranstaltung, bei der bis zu 500 Einwohner mitmachen, von klein auf. „Wenn man einmal infiltriert ist, ist man dabei“, sagt der Hemeringer über die Schlacht, die zusammen mit dem Fest an die Befreiungskriege 1813 bis 1815 erinnert. Ein Trupp räuberischer Franzosen marodierte damals im Dorf, ein Einwohner wurde dabei erschossen. Die Schützen der Bürgerwehr sorgten für Ruhe und Ordnung. Alle vier Jahre wird diese Schlacht nun nachgespielt, wird die Tradition hochgehalten. „Die Leute sind immer noch mit Herzblut dabei“, sagt Hrabak und ist sich sicher: „Die Schlacht von Hemeringen wird es immer geben.“

Weitere Traditionsveranstaltungen sind zum Beispiel der Osterräderlauf in Lügde, der Karneval in Lüntorf, der Fürstentreff Bad Pyrmont, die Grenzbeziehung in Hameln oder das Lichterfest in Bodenwerder.

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Historische Trachten sind im Museum Bückeburg ausgestellt. Foto: kk

Blick in die heimische Küche

Zugegeben: Wir haben keine Weißwurst wie die Münchener und auch keine Käsespätzle wie die Schwaben, und ebenso keine Nordseekrabben. Aber so ein paar traditionelle Gerichte gibt es in der Küche des Weserberglands schon. Ob Eisbein mit Sauerkraut, Buntes Huhn oder Arme Ritter: Einige Gerichte, so sagt Sternekoch Achim Schwekendiek, stammen aus den 30er Jahren. Natürlich werden sie nicht allein im Weserbergland aufgetischt. Ein norddeutscher Klassiker ist der Grünkohl. Den hat sich auch schon Bundeskanzlerin Angela Merkel gewünscht, als sie von Achim Schwekendiek bekocht wurde. Serviert hat der Sternekoch ihn damals mit Lammrücken anstatt mit traditioneller Bregenwurst.

Als ein klassisches Gericht, das er während seiner Ausbildung gekocht hat, sind dem Sternekoch noch die „Weserspatzen“ in Erinnerung. „Das ist Kassler in Hagebuttensauce“, erklärt Schwekendiek. „Das Gericht gibt es aber heute nicht mehr.“

Andere Gerichte haben sich dafür weiterentwickelt: So enthielt die Aalsuppe – ein typisches Gericht aus dem Weserbergland – ursprünglich gar keinen Aal. Der Name geht auf den Ausdruck „aal‘s bin“ („alles hinein“) zurück: Nachdem das Fleisch aufgebraucht war, kochten die Frauen nur noch Suppe aus Knochen und Gemüse; aus dem, was noch so da war. „Der Aal kam erst ins Rezept, als ortsfremde Gäste sich in den Restaurants beschwerten, dass der Fisch fehle“, so der Küchendirektor des Schlosshotels Münchhausen.

Apropos Aal: Die Weserfischerei spielt sei jeher eine große Rolle im Weserbergland. „Der Fisch aus dem Fluss war immer ein Grundnahrungsmittel“, sagt Weserfischer Alexander Meyer. In den Nachkriegsjahren habe zuerst der Weißfisch eine große Rolle gespielt, „doch der Karpfen hat zu viele Gräten“. Das sei für die Zubereitung in der Küche schwierig und heute halt nicht mehr so gefragt. Während der Lachs schon um 1910 aus der Weser verschwand, gehörte der Aal ab den 20er Jahren in vielen Haushalten auf den Speiseplan: Vornehmlich geräuchert; aber ohne Haut schmeckt er in Mehlschwitze gebraten ebenfalls sehr gut, so Meyer. Kochen kann man ihn – wie in der Aalsuppe – natürlich auch. „Dann auch mit Haut“, so der Fisch-Experte.

Meyer, der gerade den Gasthof Forellental in Hemeringen umbaut, spricht auch die Tradition der Fischzucht im Weserbergland an. Sie ist eine der ältesten in Deutschland. Sie begann Ende des 19. Jahrhunderts zuerst mit Lachs, dann mit der Regenbogenforelle, „die hier der Hauptwirtschaftsfisch ist“. Meyer möchte in seiner Gastronomie die Fische gerne mit entsprechenden Kräutern servieren: Bärlauch wächst bei ihm genug im Garten. „Auch das hat Tradition hier.“ Eine noch nicht allzu lange Tradition, aber einen hohen Stellenwert hat das Rapsöl der Ölmühle Ottensteiner Hochebene. Seit 2007 wird das Rapsöl dort gewonnen. Auch eine Spezialität aus dem Weserbergland ist das Gersterbrot, hergestellt aus Roggen. Der Wortbestandteil „Gerster“ bezieht sich auf das Verb gerstern, das sich auf das Herstellen einer ausgeprägten Brotrinde im Ofenfeuer bezieht. Es hat nichts mit der Getreideart Gerste zu tun.

Und sonst noch? Gibt es traditionell in einigen Familien Graupen- oder Steckrübeneintopf, Rinderrouladen und Wildgerichte von Tieren, die in heimischen Wäldern erlegt wurden. Auch einige Apfel- und Kartoffelsorten sind im Weserbergland zuhause.

Im Land der roten Röcke

Trachten im Weserbergland? Oh ja, die gibt es. Um sie zu sehen, lohnt eine Fahrt nach Bückeburg ins „Land der roten Röcke“. Hier trug die Landbevölkerung (nicht die Leute aus der Stadt) Tracht zu Festtagen, Kirchgängen, Hochzeiten – und im Alltag. Den Höhepunkt erlebte die Trachtenzeit um 1900. Richtige Trachtenträgerinnen gibt es laut Dr. Anke Twachtmann-Schlichter nicht mehr, wohl aber Trachtenvereine, die die Tradition hochhalten. Und das Museum, das allein 4500 Teile besitzt, die zur Tracht gehören, wie die Museumsleiterin erzählt. Nicht alle sind ausgestellt, dafür aber inventarisiert.

„Seitdem wir uns mit der Tracht beschäftigen, sehen wir uns als kulturelles Gewissen. Diese Stücke gehen sonst verloren“, sagt Twachtmann-Schlichter, die viele Schaumburger Trachten angeboten bekommt. Die ältesten zur Tracht gehörigen Komponenten, die das Museum besitzt, stammen aus dem Jahr 1870. Ketten, Kopfbedeckungen, Kragen – ein ganzes Outfit wiegt bis zu 9 Kilogramm. Im Museum ausgestellt ist meist die Festtagstracht. Doch gab es auch die Alltagstracht, die deutlich schlichter ist und deren Charakteristika die vielfältig gemusterten Blaudruckschürzen oder die Kopftücher sind, die zur Garten- und Feldarbeit getragen wurden.

Schneider, Stickerinnen und Schmuckhersteller (viele Ketten gehören zur Tracht) verdienten ihr Geld mit der Herstellung der Tracht. Die mit viel Wolle und Samt ausgestattete Tracht wurde auch bei extremer Hitze getragen; eine Kopfbedeckung, teils sehr opulent ausgestattet, war ein Muss. „Und das Anziehen keine schnelle Angelegenheit“, weiß die Museumsleiterin. Heute gibt es einige Gästeführerinnen, die Trachten tragen, und spezielle Vorführungen im Museum Bückeburg: Das nächste Mal beim Internationalen Museumstag, der am Sonntag, 19. Mai, stattfindet. Um 14.30 Uhr gibt es im Museum an der Langen Straße „Eine besondere Modenschau – Verwandlung in eine Trachtenfrau“.

Schnack op Platt

„Da word bloot platt ekört.“ Wenn jemand weiß, wo noch Platt gesprochen wird, dann ist das Wilfried „Fiffi“ Voss. Der 89-Jährige aus Ohr hat jahrzehntelang diese Sprache gesprochen, sie gelebt, ob bei Plattdeutschen Abenden oder im „Club der Unverzagten“. Mittlerweile findet er in Ohr nur noch eine weitere Person, mit der er sich auf Platt unterhalten kann. „Es stirbt aus“, sagt Fiffi Voss. Als er 1929 das Licht der Welt erblickte, sprach man noch sehr viel Platt, in nahezu jedem Haushalt fanden sich private, familieninterne Ausdrücke. „Meine Großmutter ist 102 Jahre alt geworden und sprach kein Wort Hochdeutsch“, erzählt Voss.

Das sogenannte Calenberger Platt findet sich zwischen Harz und Heide, an der Weser und an der Leine wieder. Es ist eine regionale Variante des Ostfälischen. Gesprochen wurde es überwiegend in den Dörfern, da wurde auf Platt gesungen und gedichtet. „In der Schule in Hameln sollte nur Hochdeutsch gesprochen werden, Platt war nicht so gern gesehen“, erinnert sich Fiffi. Wobei Hochdeutsch in diesem Fall auch nicht ganz richtig ist:

„Der Mythos hält sich, dass im Raum Hannover das beste Hochdeutsch gesprochen wird“, sagt Dr. Lars Vorberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas. Das, was hier im Weserbergland gesprochen wird, sei schon recht „standardnah“, „der Regionalakzent ist aber noch vorhanden“. So spricht man „Tag“ eher als „Tach“. Merkmale, die nicht so auffällig, aber da sind. Mit der Erfindung des Radios und vermehrter Binnenmigration nach dem Krieg veränderte sich die Sprache. Eine eher regionale Umgangssprache war in den 70er Jahren verpönt. Eine Erfahrung, die auch Fiffi Voss gemacht hat. Dabei, so Fiffi, sei Platt eine schöne, gemütliche Sprache. „Du kannst mek maal im‘m Maase lieken!“ klingt ja auch irgendwie netter als „Du kannst mich mal am Ar... lecken!“

Was ist geblieben vom Plattdeutschen, hier auch Niederdeutsch genannt? Sagt noch jemand „Kauken“ zu Kuchen oder Breif zu „Brief“? Manch einer spricht vielleicht beim Satz „Er stolpert über den spitzen Stein“ das S nicht wie ein Sch aus. Und manch einer nutzt im Sprachgebrauch Wörter wie Smökeprüül („Kettenraucher), Tekebock „(wenn der Hund Flöhe hat“) und Proppentrekker („Korkenzieher“). In jedem Fall, so sagt Sprachexperte Vorberger, „ist es heute in Mode, zu markieren, wo man herkommt.“ In diesem Sinne: „Veel Spaaß wiederhen.“

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