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Wie (un)korrekt arabische Namen ins Deutsche übersetzt werden – und was die Folgen sind

Ein Mann mit vier Namen

Rinteln (pk). Roshdi Alftlove? Roshde Al-Fatlove? Oder heißt der Flüchtling aus dem Irak richtigerweise doch Rushdie Al Fatlawi? Wenn es nach der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen geht, dann sind all diese Schreibweisen falsch. Wenn es nach ihr geht – und das tut es – heißt Rushdie Al Fatlawi Ruschdi Al Fatlavoi.

veröffentlicht am 02.03.2016 um 12:21 Uhr

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Rinteln. Zuerst hieß er Roshdi Alftlove. Dann Roshde Al-Fatlove. Danach endlich Rushdie Al Fatlawi, so wie sich der arabische Name mit lateinischen Buchstaben richtig schreibt. Dann tauchte der Name des irakischen Regisseurs aus der Flüchtlingsunterkunft Prince Rupert School in unserer Berichterstattung über seine erfolgreiche Theatergruppe („Albtraum“) doch wieder anders auf: mit Bindestrich, Al-Fatlawi, und zuletzt mit kleinem „a“. Doch wenn es nach der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen geht, dann sind alle genannten Schreibweisen falsch. Wenn es nach ihr geht – und das tut es, da die Behörde für die Registrierung der Flüchtlinge verantwortlich zeichnet –, heißt der Regisseur nicht Rushdie Al Fatlawi, wie es inzwischen auf den Theaterplakaten für das Stück „Albtraum“ zu lesen ist, sondern Ruschdi Al Fatlavoi. Wie kann das sein?

Bei nahezu jeder Begegnung mit unserer Zeitung hatte Al Fatlawi ein anderes vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) oder der Landesaufnahmebehörde erstelltes Dokument zur Hand, auf das er in Bezug auf die Schreibweise seines arabischen Namens verwies. Oder ein anderes Mitglied der Theatergruppe mit sporadischen Kenntnissen des lateinischen Alphabets war bei der Transkription behilflich. Was dazu führte, dass die Namen von Regisseur Al Fatlawi und den anderen aus der Theatergruppe in ständig wechselnder Schreibweise in unserer Berichterstattung erschienen.

Das Problem: Manche Flüchtlinge haben entweder gar keine Ausweispapiere bei sich, oder sie sind ausschließlich in Arabisch oder in afghanischen Sprachen wie dem Dari ausgestellt. Doch weder die Mitarbeiter der Landesaufnahmebehörde noch die Flüchtlinge selbst verfügen über ausreichend Kenntnisse über die richtige Verfahrensweise bei der Übertragung von arabischen Namen ins lateinische Alphabet.

Dazu kommt, dass sich selbst die Experten offenbar nicht immer einig sind: Man denke nur an die vielen verschiedenen Schreibweisen, die in den Medien für die Terrororganisation Al Kaida auftauchen. Al Kaida – diese Schreibweise empfiehlt zumindest der Duden. Aber auch diese: El Kaida. Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Aber für seinen eigenen Namen wünscht man sich dann vielleicht doch ein bisschen Eindeutigkeit. Dass Al Fatlove nämlich auch wie ein lustiger englischer Name gelesen werden könnte (Al „fette Liebe“), war Al Fatlawi mangels Englischkenntnissen noch gar nicht aufgegangen. Immerhin: Er kann darüber schmunzeln. Auch dass sein Name dank der Landesaufnahmebehörde inzwischen offiziell Ruschdi Al Fatlavoi lautet und somit wiederum französisch anmutet, zaubert noch ein müdes Lächeln in sein Gesicht. Aber die Schreibweise seines Namens sei das Problem, das ihn am wenigsten belaste, sagt der Regisseur, der bereits seit vier Monaten in der Notunterkunft ausharrt.

Doch Wissem Ben Larbi, der arabischstämmige Mitarbeiter des DRK, findet das alles gar nicht so lustig. „Es werden ja sogar immer mal wieder Vor- und Nachnamen verwechselt“, klagt Ben Larbi. Denn das zieht mitunter folgenschwere Konsequenzen nach sich. „Wir hatten hier schon Brüder, die aufgrund der Verwechslung von Vor- und Nachnamen getrennt werden sollten.“ In diesem Fall hatte ein Mitarbeiter der Landesaufnahmebehörde bei einem der beiden Brüder den Nachnamen kurzerhand zum Vornamen gemacht, berichtet Ben Larbi kopfschüttelnd.

In einem anderen Fall wurden die Nachnamen von einzelnen Familienmitgliedern mit unterschiedlichen Schreibweisen erfasst. Auch da habe es im Nachhinein erhebliche Schwierigkeiten bei der Verteilung der Familie gegeben: Einzelne Angehörige sollten im Zuge der Verteilung auf die Kommunen plötzlich von der Familie getrennt werden.

Auf Anfrage teilt Stefan Pankratowitz, Pressesprecher der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen, mit, dass die Registrierung der Flüchtlinge möglichst über die mitgeführten Ausweisdokumente erfolge. „Sollten diese von der lateinischen Schreibweise abweichend sein, so werden die Dokumente über Sprachmittler entsprechend übersetzt“, sagt der Sprecher. Wenn Flüchtlinge jedoch keine Ausweisdokumente dabei haben, dann erfolge die Erfassung der Personalien in mündlicher Form. „Auch hierfür werden Sprachmittler der jeweiligen Muttersprache des zu registrierenden Flüchtlings zur Unterstützung hinzugezogen, um potenzielle Fehlerquellen so gering wie möglich zu halten“, schildert Pankratowitz.

Doch diese Sprachmittler sind – zumindest in der Notunterkunft in Rinteln – keine professionellen Dolmetscher. „Die Landesschulbehörde hat hier keine eigenen Dolmetscher, keiner ihrer Mitarbeiter spricht Arabisch, Kurdisch oder Persisch. Manche sprechen noch nicht mal Englisch“, sagt Ben Larbi. „Deshalb helfen entweder wir vom DRK bei der Erfassung der Personalien oder einer der bereits registrierten Flüchtlinge übernimmt diese Aufgabe. Am Ende werden die Namen nach Gehör erfasst.“ So kommt es, dass aus Al Fatlawi auch mal Al Fatlove wird.

Bei Wissem Ben Larbi, der vor Jahren als Student aus Tunesien kam, stellte sich dieses Problem nicht. Ein Überbleibsel des einstigen französischen Protektorats ist das lateinische Alphabet in den Amtsstuben, in denen Ben Larbis Papiere ausgestellt wurden.pk




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