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Berühmter Musiker häufig zu Gast im Hotel Rinne / Konzerte in Bückeburg und Bad Eilsen / Entspannung in einem hektischen Künstlerleben

Ein zufälliger Zwangsstopp macht Franz Liszt zum Bad Eilsen-Fan

Bad Eilsen. Der brillante Klavier-Virtuose und Komponist Franz Liszt war ein besonderer Freund des alten fürstlichen Bad Eilsen. Im Sommer 1849 weilte der Künstler mit seiner Lebensgefährtin, der Fürstin zu Sayn-Wittgenstein und deren Tochter Marie auf Helgoland. Auf der Rückreise erkrankte Marie im September des Jahres an Typhus. Gemeinsam blieb man in Bad Eilsen und ließ sich vom damaligen Kurarzt, dem Geheimen Hofrat Dr. Karl von Möller aus Minden, behandeln.

veröffentlicht am 14.12.2006 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:15 Uhr

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Abgestiegen war die "Familie" nicht etwa in einem der fürstlichen Logierhäuser sondern im Eilser Krug (Hotel Rinne). Liszt ließ seinen Notenschreiber, Joachim Raff, nachkommen und arbeitete mit ihm täglich an der Partitur des Es-Dur-Klavierkonzertes und an der Concert-Symphonique. Gemeinsam mit der Fürstin ersann und beschrieb er seine Vorstellungen über eine Art "Künstler-Olympiade", die in Weimar stattfinden sollte. In einer "Pflegstätte aller Künste" sollten abwechselnd alljährlich Wettstreite in Poesie, Malerei, Skulptur und Musik organisiert werden. Schließlich arbeiteten beide am Roman über das Leben Chopins. Bei aller Arbeit neben der Erholung Maries konnte sich der Künstler den Wünschen nach Konzerten in unserer Region nicht erwehren. Als gläubiger Katholik hatte Liszt natürlich auch den Gottesdienst in Bückeburg besucht und dabei die Bekanntschaft mit demPfarrer Wessels gemacht. Er ließ sich nun überreden, am 18. Oktober des Jahres in Bückeburg ein Wohltätigkeitskonzert zu geben. Die "Concert-Anzeigen" aus dem Mindener Sonntagsblatt und den Hannoverschen Anzeigen sind überliefert. Der Aufenthalt in Bad Eilsen dauerte bis Ende Dezember. Das Paar muss wohl von Bad Eilsen und der schönen Umgebung, aber auch vom Können des Badearztes Dr. von Möller sehr überzeugt gewesen sein. Schon im Oktober des folgenden Jahres, 1850, reisten beide wieder zur Kur nach Bad Eilsen. Diesmal wollte die Fürstin ein Rheumaleiden auskurieren. Franz Liszt blieb bis zum 20. Januar im Kurort. Da der Meister natürlich viele Verpflichtungen in aller Welt hatte, begann nun ein ständiges Pendeln zwischen Bad Eilsen und der "Welt" des Franz Liszt. Liszt war zu damaliger Zeit wohl einer der geübtesten Reisenden. Etwa 50 000 Kilometer Reisewege legte er in seinem Künstlerleben in der Kutsche zurück. Er hatte eine eigene Kutsche, so eine Art komfortables Reisemobil, aber wegen der für uns unvorstellbar schlechten Straßenverhältnisse kam er doch nur etwa mit 20 Kilometern in der Stunde voran. Oft genug saß er täglich acht Stunden in der Kutsche. Trotz dieser Erschwernisse trieb es den großen Musiker immer wieder von den Konzertplätzen und vor allem von seiner Hauptwirkungsstätte in Weimar zu seiner geliebten Fürstin nach Bad Eilsen zurück. Wenn es seine Termine erlaubten, blieb er bei ihr in Bad Eilsen und arbeitete dort. Insgesamt etwa zwölf Monate verbrachte er hier Eilsen und tankte nicht nur auf in der herrlichen Natur der Umgebung. Er konnte sich hier weit ab vom Trubel der Großstädte ein wenig Ruhe gönnen. Wurde er doch sonst wie ein heutiger Popstar gefeiert. Man riss sich um ihn, man nahm ihm die Handschuhe, man schnitt Stücke von seiner Kleidung ab, es gab Liszt-Bonbons, Liszt-Tabakdosen, Liszt-Handschuhe mit seinen Bildchen. Oft genug rief er durch sein Auftreten einen regelrechten Rausch hervor. Er war der Held des Tages. Er konnte sich oft genug den Tumulten um ihn nicht erwehren. Vielleicht wirkte dieser Bekanntheitsgrad und die damit verbundene Verehrung als Star mit, wenn es hier und da auch recht kritische Bemerkungenüber ihn gab. Liszt war ja durch seine Kunst auch eine besondere gesellschaftliche Anerkennung geschenkt worden. Auch hier im Bückeburger Lande hatten die beiden sofort Kontakt zum fürstlichen Hofe und zu allen möglichen wichtigen Persönlichkeiten. Mehrmals spielte er vor geladenen Gästen im Schloss. Und an einem Sommernachmittage, so schreibt Lulu von Strauß und Torney, klang auch die große Stube im "Alten Haus" der Familie (Schulstraße) vom Spiel des großen Meisters. Der Großvater der Dichterin äußert sich recht kritisch: "So ist jetzt Franz Liszt hier, den ich in Abendgesellschaften am Hofe schon mehrmals zu hören Gelegenheit gehabt. Die ungeheuren Übertreibungen, welche uns ehemals die öffentlichen Blätter über sein Spiel auftischten, hatten mich sehr misstrauisch gegen ihn gemacht, und ich hielt ihn für einen Seiltänzer auf den Klavierseiten. Hiervon ist so viel wahr, dass er das Technische des Klavierspiels bis dicht an die Grenze der Möglichkeit gebracht hat und in Behandlung der unerhörtesten Wendungen in Kraft und Zartheit den vollkommenen Meister darstellt. Aber sein Spiel ist auch Geist und Gefühl durch und durch und er lockt dem Flügel die wundersamsten Märchen ab. Meiner Natur würde indeß ein gründlicheres, klareres Spiel mehr zusagen. Effektmacherei istüberall bei ihm, und obwohl vielleicht niemand ein Bachsches Stück so gut spielt wie Liszt, so fehlt ihm doch gerade das von Bachschem Geist, was ihn zu einem wahrhaft großen Künstler machen würde." Der Königlich-Preußische Generalleutnant Julius Hartmann dagegen preist Franz Liszt nach einem Konzert, das im Hotel Rinne in Bad Eilsen stattfand, mit ganz anderen Worten: "Abends gab Liszt ein öffentliches Konzert in dem Gasthofe wo er wohnte. Die fürstliche Familie erschien dazu. Cidli, Langerfeld und ich saßen in der ersten Reihe, ganz nahe bei Liszt, der von Anfang an bis Ende den Flügel nicht verließ. Er spielte Beethoven so wundervoll, ich glaube geradeso, wie der begnadete Komponist es gewünscht hätte, zuletzt den Erlkönig, hinreißend schauerlich. Da wir ihn unmittelbar vor Augen hatten, so fiel mir auf, wie unbegreiflich die Karrikaturen, welche über ihn verbreitete waren, ihn entstellten. Es war in seiner Haltung, seinen Bewegungen nichts in der Art, nur der Ausdruck eines von Kunst begeisterten Mannes."




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