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Bekenntnis zu Fürst und Vaterland

Einblicke in die Geschichte der heimischen „Nationaltracht“

BÜCKEBURG. Über Entstehung und kulturelle Bedeutung der heimischen Volkstrachten ist schon viel nachgedacht und geschrieben worden. Einer der ersten, der dem Thema auf den Grund zu gehen versuchte, war der schaumburg-lippische Lehrer und Politiker Wilhelm Wiegmann (1864–1929).

veröffentlicht am 13.06.2019 um 00:00 Uhr

Einen breiten Raum nahmen im Westfälischen Trachtenbuch Bildtafeln und Textinformationen aus dem Schaumburger Land ein; hier die Schaumburg-Lipper Tracht Bückeburg. Repros: gp

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Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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Der leidenschaftliche Heimathistoriker fand heraus, dass die gebietstypische ländliche Kleidung nicht von der „dörflichen Unterschicht erfunden“, sondern von dieser als „gesunkenes Kulturgut aus den höheren Schichten der Fürsten, Edelleute und Bürger des 16. bis 19. Jahrhunderts übernommen und den jeweiligen eigenen Möglichkeiten und Vorstellungen entsprechend weiterentwickelt“ worden sei.

Besonders eindrucksvolle Farben und Formen bildeten sich dabei im und rund ums Schaumburger Land heraus. In zeitgenössischen Berichten werden insbesondere die gekräuselten roten Röcke, die mit Perlen und Schleifen geschmückten Mützen und die bunten Schultertücher der Frauentrachten aus der Gegend um Lindhorst, Bückeburg und Frille herausgestellt. Das brachte die im Bückeburger Schloss residierende fürstliche Landesherrschaft auf die Idee, die auffällige Kleidung bei festlichen Anlässen und Besuchen hochrangiger Gäste als repräsentatives Aushängeschild und landestypische „Nationalkleidung“ vorzuführen.

Die Wertschätzung und Herausstellung althergebrachten Volksguts kam nicht von ungefähr. Im Zuge der Romantikbewegung war gegen Mitte des 19. Jahrhunderts ein breites Interesse an nationaler Kultur und urdeutscher Identität erwacht. Spätestens nach der Reichsgründung 1870/71 schossen deutschlandweit zahllose volks- und heimatkundlich engagierte Vereine, Museen, Wandergruppen und Trachtenformationen aus dem Boden.

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Besonders auffällig waren beim Reichserntefest auf dem Bückeberg 1934 die Schaumburger Trachtenträgerinnen. Repro: gp

Mit besonderem Stolz wurde am Bückeburger Hof registriert, dass dem jungen deutschen Kaiser Wilhelm II., der seit 1889 fast jedes Jahr zu Jagdbesuchen anreiste – nicht nur die Hirsche und Sauen im Schaumburg Wald, sondern auch und vor allem die bunt gekleideten Trachtenträger(-innen) gefielen. Die Folge: bei seinen Aufenthalten wurde der hohe Gast stets von Scharen jubelnder und winkender Landbewohner(-innen) in „Nationalkleidung“ begrüßt. Schon bald machten Berichte darüber auch in der Berliner Hofgesellschaft die Runde.

Einen reichsweiten Durchbruch erlebte die Trachtenbegeisterung bei der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals an der Porta Westfalica im Jahre 1896. Grund: während Kaiser und Gattin Auguste Viktoria die knapp eineinhalbstündige Pflichtprozedur eher gelangweilt über sich ergehen ließen, zeigten sie sich von den volkskundlichen Darbietungen und insbesondere von den Auftritten der Trachten- und Volkstanzformationen – darunter auch etliche Gruppen aus Schaumburg-Lippe – höchst angetan. Diese Art der nationalen Brauchtumspflege müsse unbedingt gefördert und ausgebaut werden, ließ das hohe Paar die Gastgeber und örtlichen Repräsentanten bei der Verabschiedung wissen.

Der Kaiser war der

größte Trachtenfan

Die Fürsprache der Berliner Majestäten gab der Entwicklung des Trachtenwesens – weit über die heimische Gegend hinaus – gewaltigen Auftrieb. Regionale und örtliche Amts- und Entscheidungsträger beeilten sich, den von höchster Stelle geäußerten Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu gehörte von Anfang an auch die Herausgabe einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit. Untersucht und vorgestellt werden sollten die Trachtenlandschaften der großflächigen, im Gefolge des Wiener Kongresses (1815) neu entstandenen „preußischen Provinz Westfalen“. Um auch das angrenzende, politisch selbstständige Fürstentum Schaumburg-Lippe einbeziehen zu können, war von der „historischen Kulturregion Westfalen“ die Rede. Nach einigem Hin und Her kam es 1901 in Bielefeld zur Bildung eines Projektteams. Zu dessen Leiter wurde der angesehene, als Professor an der Uni Münster tätige Sprachforscher Dr. Franz Jostes berufen. Aus Bückeburg waren Oberhofmarschall Freiherr von Ulmenstein, der spätere Regierungschef von Feilitzsch und Sanitätsrat Dr. Weiß, Vorsitzender des Schaumburg-lippischen Heimatvereins, dabei.

Drei Jahre nach dem Start war es so weit. 1904 wurde in Bielefeld das „Westfälische Trachtenbuch“ vorgestellt. Laut Untertitel hatte man vor allem „die jetzigen und ehemaligen westfälischen und schaumburgischen Gebiete“ berücksichtigt. Für Volkskundler mindestens ebenso interessant: neben dem Schwerpunkt Kleidung enthält das Werk auch umfangreiche Informationen über althergebrachte dorftypische Lebens- und Arbeitsgewohnheiten. Nicht umsonst darf das 280-seitige Buch bis heute als wertvolle Info-Grundlage für das Verständnis des ländlichen Alltags in früherer Zeit im ehemals preußischen Westfalen und angrenzenden Gebieten gelten.

Übrigens: in jüngeren Untersuchungen wird die wilhelminische Trachten-Begeisterung nicht nur mit der persönlichen Vorliebe des Kaisers, sondern auch und vor allem mit den tief greifenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen jener Zeit begründet. „Der Hauptgrund, weshalb die feudalherrschaftlichen Obrigkeiten die Tracht liebten und förderten, war, dass Tracht damals einen stabilen Faktor der herrschenden Machtverhältnisse darstellte“, heißt es in einem 1998 veröffentlichten Beitrag der Volkskundlerin Birgit Nowicki. „Tracht stand für Treue zu Fürsten und Kaiser.“

Das war wohl auch der Grund dafür, dass das Interesse an Tracht und Trachtenkunde nach dem Ende der Kaiser- und Fürstenära 1918 immer mehr zurückging. Statt roter Röcke und Achttourigen kamen – zunehmend auch auf dem platten Land – Bubikopf, Swing und Charleston in Mode.

.Comeback unter

dem NS-Regime

Umso größer waren Stolz und Genugtuung der überzeugten Trachtenfreaks, als die „Nationalkleidung“ schon wenig später eine Art „Wiedergeburt“ erlebte. „Die Volkstracht muss wieder Sinnbild des deutschen Menschen werden“, forderte unmittelbar nach der Machtergreifung des NS-Regimes 1933 der neu aus der Taufe gehobene „Reichsbund Volkstum und Heimat“. Die „alles gleichmachenden Zeit, in der sich in den Städten ein wahlloses Nachäffen fremder Art und Sitte breitmachte“, sei vorbei. „Die Kleidung ist ein Ausdruck der Seele des Menschen.“ Dass die Trachten nicht nur erhalten, sondern getragen würden, sei unabdingbarer Bestandteil der neuen deutschen „Volkskulturbewegung“.

Was damit gemeint war, wurde bereits am 1. Oktober 1933 beim ersten Reichserntedankfest auf dem Bückeberg deutlich. Neben Fahnen und Uniformen bestimmten vor allem Trachtenträger(-innen) die Szene. „Wo aber die Schaumburger und die Bückeburger standen, sprangen die lebhaften und leuchtenden Farben am Rande des wogenden Menschenmeeres auf“, berichtete die Schaumburger Zeitung. Der Führer habe dort besonders lange verweilt, und manche Schaumburger Volksgenossen hätten ihm die Hand gedrückt. „Stolz wurde es allen zu bewusster Gewissheit, dass die so lange verachteten und so treu gehüteten Trachten eine wertvolle Wesensäußerung des deutschen Landvolkes sind, und ein freudiges Bekenntnis zu Blut und Boden!“




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