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Der Bulli ist Geschichte – von der „Last Edition“ kommt einer ins Museum nach Hessisch Oldendorf

Ende, Legende!

Dass der T2 zum Kult werden würde, ist ihm nicht an der Wiege gesungen worden. Konzipiert und konstruiert hatte Volkswagen ein Lastauto, einen stabilen, zuverlässigen Schlepper und Malocher. Flower-Power überstrahlte die Marke erst später, ausgehend von Europa und Nordamerika.

veröffentlicht am 02.05.2014 um 00:00 Uhr

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Im brasilianischen São Paulo kann man schon auf der Fahrt vom Flughafen zum VW-Werk einen Blick auf die staubigen Anfänge des T2 werfen. Auf jeder Baustelle stehen die kastenförmigen Wagen. Auf allen Straßen kurven sie herum, karren sperriges oder schweres Material von A nach B – zum Teil gefährlich gestapelt. Der T2 ist auch deswegen bis heute beliebt, weil große Lastwagen in São Paulo, das täglich mit dem Verkehrsinfarkt lebt, tagsüber kaum fahren dürfen.

São Paulo ist ein Moloch, von dem niemand zuverlässig sagen kann, wie viele Millionen Menschen ihn bewohnen; knapp zwölf Millionen dürften es sein. Alles in São Paulo wuchert: Pflanzen, Bevölkerungszahlen, Kriminalität, Hütten und Häuser, Stadtviertel, Straßenverkehr. In diesen Monaten wird besonders viel gebaut, weil sich Brasilien wegen der Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer (und der Olympischen Spiele 2016) neu zu erfinden versucht. An der Zufahrt zum VW-Werk hängen hochhausgroße Poster früherer und aktueller Fußballstars wie Pele und Neymar.

Das VW-Werk namens „Anchieta“, benannt nach dem jesuitischen Gründer São Paulos, liegt in San Bernardo, knapp 20 Kilometer von São Paulo entfernt. Wer sich dem Werk nähert, bekommt eindrucksvoll vorgeführt, welche Bedeutung VW für São Paulo, Brasilien und Südamerika besitzt: „Anchieta“ ist eine Stadt neben der Stadt.

Das wuselige São Paulo ist die Stadt, in der der T2 zusammengebaut wurde, als man ihn andernorts ausgemustert hatte. Zu dreckig, zu unsicher, so lautete das Urteil, das in Deutschland schon 1979 zu seinem Tod geführt hatte. Kurz vor Weihnachten 2013 war es auch in Sao Paulo so weit: Der letzte T2 rollte aus dem Werk, standesgemäß als Teil einer „Last Edition“. Einer davon, genauer gesagt: Die Nummer 67 von 1200 wird demnächst im Bullimuseum in Hessisch Oldendorf zu sehen sein.

Über ein halbes Jahrhundert lang hat Volkswagen in São Paulo Bullis produziert. 1975 wurde der T2 in die Palette aufgenommen. Um die Dauer(b)renner zu feiern, organisierte der Konzern ein Bulli-Treffen. Marco Alberti ist mit seinem T2 aus dem 400 Kilometer entfernten Curitiba angereist. „Das war ziemlich anstrengend“, lacht er, „wer so einen auffälligen Bulli fährt, muss ständig winken.“ Alberti hat seinen T2 spektakulär lackiert, vorn und hinten fauchen und züngeln Fantasy-Figuren. Ein Sticker unterm Fahrerfenster behauptet: „Rust is not a crime“. Das soll Bastlern Mut machen: Mit ein bisschen Rost, liebe Leute, werdet ihr doch wohl fertig!

Im Bauch der VW-Fabrik „Anchieta“ hätte Rost nicht mal die Chance, sich zu bilden. Alles ist blitzeblank. „Auch die Bullis, die wir ausliefern, sind zu 99 Prozent weiß“, erklärt VW-Manager Marcos Vinicius Teixeira, „so können Firmen sie besser mit Werbung bekleben.“ Die 1200 Bullis der „Last Edition“ sind himmelblau (mit Weißwand-Reifen). Drin steckt allerlei Schnickschnack wie eine exzellente Musikanlage, was eigentlich nicht typisch Bulli ist. „Wir wollten in der ’Last Edition‘ nur 600 Bullis bauen, aber dann hat uns die Nachfrage überrannt“, sagt VW-Mann Teixeira.

In der Fabrik gehorcht alles den Gesetzen der Effektivität. Station 628: Die Stoßstangen werden montiert, Station 634: Erstmals wird der Motor gestartet, dies ist also sozusagen Kilometer null. Wer einen grünen Overall trägt, ist Malocher. Wanderley Giminez Sert trägt dagegen einen blauen Overall, das bedeutet: Er kontrolliert die Qualität, die die „Grünen“ abliefern. „Seit 34 Jahren arbeite ich jetzt in ’Anchieta‘, sehr, sehr viel hat sich verändert“, sagt Sert, „nur eines nicht: Die einzelnen Teams halten zusammen – wie Familien.“ Weil der T2 aus dem Programm genommen wird, muss niemand aus den „Familien“ um seinen Job bangen; VW hat genug Arbeit zu vergeben.

„Anchieta“ ist eine der modernsten Autofabriken der Welt. 13 000 Frauen und Männer arbeiten hier in drei Schichten, jeden Tag verlassen 1300 neue Autos das Werk. 750 Arbeiter haben bis zum 20. Dezember vergangenen Jahres 26 000 Bullis pro Jahr gebaut, über die Jahrzehnte entließ „Anchieta“ mehr als anderthalb Millionen der beliebten „Lastesel“ auf die Straßen Süd- und Mittelamerikas. Erst seit Brasilien zum „Schwellenland“ aufstieg, gibt es so etwas wie eine Fan-Szene, die den T2 liebt und hätschelt. Jahrzehntelang wäre niemand in Brasilien auf die Idee gekommen, den Bulli als Lifestyle-Objekt zu sehen. „Achte darauf, ein paar Blumen im Haar zu tragen“, sang Scott McKenzie 1967 in der Flower-Power-Hymne „San Francisco“, zu der Hippies mit dem Bulli zum Strand fuhren. In Brasilien trug man zum T2 lange Zeit einen stabilen Helm und fuhr zur Baustelle.

„Wir stoppen die Produktion nicht, weil wir nach 56 Jahren keinen Markt für den T2 mehr sehen, sondern weil neue Gesetze auch in Brasilien den Einbau von Airbags und ABS-Systemen vorschreiben“, sagt „Anchieta“-Marketingchef Jochen Funk. „Wir haben wirklich smarte Ingenieure, aber Airbag und ABS können wir nicht so in den T2 integrieren, dass sich die Produktion rechnet.“ Den einen Nachfolger wird der Bulli nicht haben. „Wir müssen neue Lösungen finden, wie wir neun Personen und eine Tonne Nutzlast am besten transportieren“, sagt Funk.

Als im Dezember in São Paulo schon alle Abschiede für den T2 gefeiert sind, glimmt unter den Bulli-Fans noch einmal kurz Hoffnung auf. Der brasilianischen Regierung kommen Bedenken, weil ABS und Airbag nicht nur den T2, sondern schlicht jeden Neuwagen stark verteuern. Nur ein Strohfeuer: Am 19. Dezember 2013 verkündet Volkswagen offiziell: „Das Aus des Bulli ist endgültig besiegelt.“ Am Tag danach produzieren Marcos Vinicius Teixeira, Wanderley Giminez Sert und ihre Familien Nummer 1200 der „Last Edition“.

Einer der Begriffe, die heute am meisten missbraucht werden, heißt „Kult“. Jede Brausedose, die sich ein paarmal verkauft, verklären Marketingmenschen im Nu zum „Kult“. Echter Kult braucht manchmal nicht mehr Marketing als einen Buchstaben und eine Zahl – so wie der T2 von Volkswagen. Den Rest macht Volkes Mund: Er hat den T2 in „Bulli“ umgetauft.




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